Erzählung

Beiträge zum Thema Erzählung

Gesellschaft & Soziales

Erzählung von Paul Sieberer
Marcel, Markus und Maria

Marcel hat sein Mikrofon bereits vorbereitet. Herr Holm wohnt seit Jahren im Pflegezent­rum und genießt die Fürsorge, mit der er hier betreut wird. Marcel benötigt dieses Interview für ein Projekt im Rahmen seiner Firmvorbereitung. Seine erste Frage lautet: „Wie oft bekommen Sie Besuch?“ Herr Holm hält inne, atmet tief ein und meint schließlich: „Mein Sohn ist vielbeschäftigt. Er hat einen verantwortungsvollen Beruf.“ Das ist die Antwort. Mehr kommt nicht. Marcel vermutet, dass er ein heik­les...

  • 28.04.21
Serien

Erzählung
Besuch am Samstag

Schon beim Zähneputzen überlegte Johann, was er an diesem Tag sagen könnte. Vielleicht einen Satz über das Wetter. Oder über den Feuerwehreinsatz am Donnerstag. Langsam und sorgfältig rasierte er über seine faltige Wange. Mit fast 70 Jahren zitterte seine Hand ein wenig. Dennoch nahm sich Johann samstags besonders viel Zeit dafür. Johann mochte seinen gewohnten Alltag. Am Montag telefonierte er mit seiner Tochter. Am Freitag kam sie, um sauber zu machen und nach dem Rechten zu sehen. Jeden...

  • 16.04.21
Serien

Erzählung von Paul Sieberer
Eine auferstandene Welt?

Ich erzähle mir heute selbst eine Geschichte, die möglicherweise in der Zukunft Wirklichkeit werden kann. Wir schreiben das Jahr 2045. Ich genieße ein ausgiebiges Frühstück. Wir leben nun in einer Zeit, in der sich einiges verändert hat. Mittlerweile projizieren kleine unauffällige Projektoren Informationen und Nachrichten auf jede gewünschte Fläche, auch auf den Küchentisch. Ich jedoch blättere in Tageszeitungen, die übrigens eine neue Renaissance erleben. Menschen wollen wieder etwas in...

  • 07.04.21
Serien
"Unser" Autor Willi Wegner besuchte gemeinsam mit seiner Frau die Redaktion von "Kirche bunt".

75 Jahre "Kirche bunt"
Unsere Fortsetzungsromane

Auch das ist ein bewegtes Stück „Kirche bunt“: die lange Reihe der Geschichten und Fortsetzungsromane, die Leserinnen und Lesern oft bis heute in Erinnerung geblieben sind. Neben bekannten Namen wie Gertrud Fussenegger, Peter Rosegger, Luise Rinser und Käthe Recheis finden sich andere, die über ihren Lebenskreis hinaus auch kaum größere Bedeutung erlangten. Unter diesen sind etwa der in Lichtenau bei Gföhl aufgewachsene Autor Wilhelm Szabo („Zwielicht der Kindheit“) und Franz Braumann, Autor...

  • 10.03.21
Menschen & Meinungen

Erzählung
Die Weißnäherin

In meiner Jugend gab es noch den Beruf der Weißnäherin – und von einer solchen Frau, Marie mit Namen, weiß ich in der Lederergasse in St. Pölten. Wir hatten einander durch Zufall kennengelernt, sie war nie verheiratet gewesen, erzählte sie, und damals gerade 72 Jahre alt. Als Zubrot zur bescheidenene Rente ging sie noch immer in ein Geschäftshaus der Stadt: in eine Fleischerei, um dort alle zwei Wochen die reichlich anfallende Bügelwäsche zu machen und zugleich schadhaft Gewordenes an Wäsche...

  • 05.03.21
Bewusst leben & Alltag

Erzählung von Paul Sieberer
Ein "geschätztes" Gespräch

Nun, erzähl mal!“ – „Was denn?“ – „Wie ist es dir im Leben ergangen?“ – „Womit?“ – „Mit anderen zum Beispiel.“ – „Mit anderen? Meinst du die, die anders waren?“ – „Antworte, was du antworten kannst.“ – „Okay, gut. Es war, so glaube ich, ganz okay. Zum Beispiel war ich kein Judenhasser, wenn du weißt, was ich meine.“ – „Ich weiß, was ich meine. Was du meinst, musst du mir erklären, bitte.“ – „Was soll ich dir groß erklären? Ich hatte nichts gegen Juden, obgleich sie natürlich ein eigenes Volk...

  • 13.01.21
Menschen & Meinungen
Schwester Maria Theona Bauer als junge Ordensfrau bei den „Töchtern der göttlichen Liebe“.

Erzählung von Margret Pfaffenbichler
Meine Großtante Cäzilia

Angehörigenbesuche nur zu besonderen Anlässen – typisch für das damalige Klosterleben. Margret Pfaffenbichler schreibt über ihre Großtante und deren Berufung zur Ordensfrau. Bei meinem Großvater väterlicherseits hatte es einst eine Schar von Geschwistern gegeben, insgesamt sechs, drei Buben und drei Mädchen. Berufsmäßig wurden die dann, was die Söhne anging, erst einmal alle drei in der väterlichen Werkstatt angestellt, im Wagnerhandwerk ausgebildet, wobei Karl, der erstgeborene, die...

  • 05.01.21
Kommentare & Blogs

Erzählung
Näher, mein Gott, zu dir

Am Abend sitze ich vor dem Fernseher, sehe und höre auf den Querschnitt von Höhepunkten aus den Maastricht-Konzerten des Johann Strauß-Orchesters von André Rieu. Coronabedingt hat es dieses populäre Konzert 2020 nicht gegeben. Viele bekannte Melodien stehen auf dem Programm, sorgen für heitere Stimmung unter den Konzertbesuchern, die sich auch auf die Zuseher vor dem Fernsehschirm überträgt. Ungefähr in der Mitte des Programms sagt der dirigierende André Rieu einen Titel an, bei dem ich...

  • 16.12.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Mutter Courage mit Happy End

Die Geschichte passierte zwar schon vor über 60 Jahren. Sie handelt von einer Mutter mit Courage. Im Gegensatz zum Drama von Bertolt Brecht endete sie jedoch positiv. Die Story: Der erst sechsjährige Hubert schwingt sich wieder einmal heimlich auf das Fahrrad seines Vaters und fährt die Dorfstraße entlang. Pech für ihn, weil gerade in dieser Minute eine Streife der Gendarmerie auftaucht. Anstatt einer Abmahnung samt Belehrung nehmen die gestrengen Beamten dem Buben sogleich das Fahrrad ab und...

  • 11.11.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Mit dem Opa reden

Ees ist ein Wunder: wie Kinder so nach und nach das Sprechen lernen und so beginnen, sich die Welt um sie her anzueignen. Das gilt auch für meinen Enkel Fabian und seine noch jüngere Schwester Paulina. Mit einem Mal verwenden sie Wörter, die sie irgendwann, vielleicht ein einziges Mal gehört haben, z. B. „Avocado“ oder „Nacktschnecke“. Aber nun sind sie im Gedächtnis gespeichert. Alles hatte mit einzelnen Wörtern begon­­nen: Mama, Papa, Susi – das ist der Hund –, Auto. Dann folgten die ers­ten...

  • 21.10.20
Bewusst leben & AlltagPremium

Erzählung von Paul Sieberer
Glück im Augenblick

Die Blätter sollen am Baum hängen bleiben! Der Schnee macht den Schmutz weg. Im Frühling sind sie wieder grün und sauber. Warum macht der Herbst die Blätter runter?“, fragt der achtjährige David, während er sich bückt, um eine besonders glänzende Kastanie aufzuheben. Seine Großmutter, die es genießt, in dieser Jahreszeit mit einem ihrer Enkelkinder spazieren zu gehen, sucht nach einer schönen Antwort: „Weißt du, David, die Menschen sagen, dass ein Jahr in der Natur wie das Leben eines Menschen...

  • 14.10.20
Bewusst leben & AlltagPremium
In der Falkenschlucht.

Erzählung von Kurt Neumeyr
Umtausch ausgeschlossen

Da, schau‘n Sie her!“, forderte mich mein Wohnungsnachbar im halbdunklen Stiegenhaus auf, und ehe ich mich versah, hatte er mir schon sein Smartphone unter die Nase gehalten, dessen Bildschirm irgendeinen Sandstrand zeigte. Mein Nachbar war ansonsten nicht besonders gesprächig, aber diesmal sprudelte es nur so aus ihm heraus: „Zwei Wochen Griechenland – einfach traumhaft, sag’ ich Ihnen!“ Inzwischen bekam ich weitere Aufnahmen palmengesäumter Sandstrände vorgesetzt, Pools, Drinks,...

  • 07.10.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Endlich aufgewacht?

An einem wunderschönen Sonn­tagmorgen sitzen Klara und Franz am Frühstückstisch. Die Sonne hat den Frühnebel in die Schranken gewiesen, die Natur hat reichlich frische Luft im Angebot, und ein paar Vögel zwitschern um die Wette. „Reich mir bitte die Butterdose, sei so nett!“, bittet Klara, während sie ein Glas selbstgemachte Kirsch­marmelade öffnet. „Hier, bitte schön! Hast du denn gut geschlafen?“, erkundigt sich Franz. Sie schneidet Scheiben vom Brotlaib, hält inne und antwortet: „Ehrlich...

  • 30.09.20
Bewusst leben & AlltagPremium
Steinpilze

Erzählung von Margret Pfaffenbichler
Schätze des Waldes

Als ich vier oder fünf war, durfte ich schon gelegentlich mit der Familie meiner Freundin Anna zum Schwammerlsuchen mitgehen. Manchmal schon um sechs Uhr früh. In den damals wahrlich noch herrlich gesunden Wald rund um unser Heimatdorf Gutenbrunn. Durch Annas Mutter und Vater lernten wir zwei Mädchen schon früh, die guten, essbaren Schwammerl von den giftigen zu unterscheiden. Am begehrtesten waren aja die Herren- oder Steinpilze, wie sie so stramm in den Wald gestellt sich darboten; derart...

  • 23.09.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Gott denkt mit …

Mein Beruf ist abwechslungsreich. Auch das Schreiben ge­hört dazu. Oftmals sind es Theaterstücke und Liedtexte, dann wieder Kurzgeschichten, aber auch Hörspiele sowie Reime für kleine Kindertaschenbücher. An diesem heutigen Vormittag soll und will ich für einen Auftraggeber die Geschichte eines Mäd­chens erzählen, das liebend gerne in sein Tagebuch schreibt. Um mich möglichst gut in die von mir „erdachten Menschen“ hineinfühlen zu können, ist es für mich besonders wichtig, eben diesen einen...

  • 16.09.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Meine unsichtbaren Schlüssel

Mein Schlüsselbund präsentiert sich beinahe etwas wichtigtuerisch: Zahlreiche Schlüssel fin-den nämlich in ihm Platz: große und kleine, messingfarbene und silberfarbene, altmodische und mo­derne. Einige benötige ich ständig, andere fallweise und wieder andere gar nicht. Dennoch erzeugt es ein gutes Gefühl, auch diese zu besitzen. Man weiß ja nie … Darüber hinaus nenne ich noch einen zweiten Schlüsselbund mein Eigen: Bezeichnenderweise einen unsichtbaren, denn dessen Schlüssel sind Worte, die...

  • 09.09.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Die Jagdsaison hat begonnen

Dabei geht es nicht um die Großwild-, Rotwild-, Niederwild- oder Entenjagd, vielmehr werden jährlich viele Menschen von einem regelrechten Jagdfieber nach den braunen Hüten mit den dicken Stängeln befallen. Wer einmal mit diesem Virus infiziert wurde, dem ist der jährliche Ausbruch des Jagdfiebers sicher. Es ist nicht leicht, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein und das möglichst allein. Wenn ich verdächtiges Knistern und Rascheln höre, verhalte ich mich mäuschenstill, um den Konkurrenten...

  • 08.07.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Nicht Sieger und Besiegte

Mein Urgroßvater war gegen Ende des Krieges längst über fünfzig und nicht im Fronteinsatz. Er bewirtschaftete mit seiner Familie einen kleinen Bauernhof. Drei Töchter waren ihm geboren worden und ein Sohn. Letzterer war inzwischen zum Kriegsdienst verpflichtet worden. Zudem hatte er einen französischen Landarbeiter zugewiesen bekommen: Der Mann erwies sich als brauchbar am Hof und auf dem Feld. Stammte der junge Familienvater doch selbst von einer Landwirtschaft. Gewiss hätte er lieber die...

  • 27.05.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Erinnerung an April 1945

Nachdem der gefürchtete Front­durchgang vorüber, das Schießgetöse von Artillerie, Stalinorgel, Panzerfäusten und was weiß ich noch alles sich in der Ferne verlor, trauten wir uns wieder aus den Kellern. Wir siedelten wieder zurück in unsere Häuser. Meine schier in allen Belangen unerschrockene Groß­mutter, damals 74 Jahre alt, war ja überhaupt nicht in den Keller gezogen. „Kimmt wosderwöll“, so ihre Rede, „aus unsarn Haus geh’ ih net ausse!“ „Aber Großmutter“, hatten wir zu bedenken gegeben,...

  • 15.04.20
Bewusst leben & Alltag

Erzählung
Neues Leben

Während der auferlegten Muße­zeit jetzt, die mir im Wechsel von Drinnen und Draußen zuzubringen gegönnt ist, bin ich ein bisschen zur Beobachterin von (scheinbar) Unscheinbarem geworden. Eine tote Grille vorm Grillenloch, abgelegt am Hang der „Weingartgstettn“, wo ich gehe, ist ja noch kein Zeichen von Aufbruch oder Leben. Oder doch? Die Grillen jedenfalls schaffen schon Ordnung nach dem Winter und der kleine runde Eingangs-„Spund“, wo sie sich sonnen, das Erdloch, ist frisch gerundet und...

  • 10.04.20
Bewusst leben & AlltagPremium
Wollen spinnen war eine Winterarbeit.

Erzählung
Im Winter dann

Die Kaffeemaschine spinnt schon seit Monaten. Manchmal mahlt sie ohne Bohnen. Manchmal gibt sie gar nichts her. Repariert wird sie „im Winter dann“. Die Bilder liegen schon lange bereit. Zum Aufhängen genau über dem Stiegenaufgang. Da muss man wahrscheinlich einen Pfosten auflegen. Die Leiter alleine reicht nicht. Das machen wir am besten „im Winter dann“. Die Werkstatt ist ein Ort der wahren Kreativen. Man findet Werkzeug nach Monaten an Orten, an denen man sie nie und nimmer vermutet hätte....

  • 04.03.20
Bewusst leben & AlltagPremium
"Das Abendessen" – Erzählung von Karin Sieder

Erzählung
Das Abendessen

Endlich kehrt der Frühling ein! Die Vögel zwitschern. Die Frühlingsblüher kämpfen sich durch die harte Erdkruste. Sorgfältig recht er das letzte Laub des Winters zusammen. Sammelt einige dürre, abgefallene Äste ein. Die Sonne scheint warm und kräftig und weckt die Lebensgeis­ter. Der Apfelbaum hat in diesem Jahr ganz viele Blüten angesetzt. Darüber wird sich seine Maria am meis­ten freuen. Bald ist Jausenzeit. Er klopft die Gartengeräte ab und räumt sie sorgfältig in den Schuppen hinterm Haus....

  • 26.02.20
Gesellschaft & SozialesPremium

Erzählung von Margret Pfaffenbichler
Beim Zahnarzt, 1941

Früher gingen die Leute nicht „leichtsinnig“ und schnell zum Doktor. Im Jahr 1941, ich war damals schon Schulmädchen, hatte ich einen eitrigen Zahn, und ich hatte schon länger Beschwerden, eine geschwollene Wange und Schmerzen. Als das Salbei-Gurgeln und das „Mäultüachl-Umbindn“ nicht mehr halfen und Hilfe von außen unumgänglich wurde, fassten meine Eltern den Entschluss, mit mir den Zahnarzt aufzusuchen. Also zogen wir dahin, ich brav an der Seite meiner Mutter, die sieben Kilometer lange...

  • 23.01.20
Bewusst leben & AlltagPremium

Erzählung von Renate Dopatka
Ein paar Farbtupfer

Mit hochgeschobener Brille blickt Erich auf den Küchenkalender. Buchstaben und Zahlen sind groß und fett gedruckt, sodass jeder Wochentag mit bloßem Auge zu erkennen ist. Ein ganzer langer Monat breitet sich da vor ihm aus. Dreißig einzelne Tage mit jeweils einer freien Spalte dahinter, in die wichtige Termine eingetragen werden können. Bis jetzt steht lediglich in zwei Spalten etwas notiert: Am Fünfzehnten muss er mit dem Auto zur Inspektion, und am Fünfundzwanzigsten, ja, da feiert Wolfgang,...

  • 22.01.20
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