Wahre Begebenheit
Eine Mostviertlerin am Arlberg

Foto: privat

„1965 in Dezember, biʼn ih miʼn Zug am Arlberg gʼfoahrn“, so eröffnete letztens die 86-jährige Margarete ihre Rede an mich, um von einer Episode aus ihrer Jugend zu erzählen. Eine Freundin von ihr, die dort saisonmäßig schon arbeitete, hatte sie nach Zürs vermittelt. So saß sie nun im Zug dorthin. Im heimatlichen St. Peter in der Au eingestiegen, von wo aus ihr Bruder sie nach Linz begleitet hatte. Es herrschte Winterwetter mit Schneefall, der immer mehr zunahm. Ab Innsbruck dann wildestes Schneetreiben, das sich vorstellen lässt! In Langen am Arlberg schließlich steckte der Zug fest, es war aus und es gab kein Weiterfahren mehr! Also aussteigen mit allen anderen, sich umsehen, sich irgendwie zurechtfinden! Im Hotel Arlberg musste Margarete sich ein Zimmer verschaffen, um gleich auch zu telefonieren und der künftigen Chefin in Zürs von dem Zwischenfall zu berichten; dass sie eingeschneit seien!
Von dorther gleich einmal beruhigende Töne, Grete möge sich nicht schrecken, alles würde gut, aber es könne dauern.
Dann war eine Woche lang alles gesperrt! Eine Zeit bangen Wartens für das Mädchen – aber die Chefin rief alle Tage an, und das war jedes Mal tröstlich. Nach acht Tagen kam ein Bus und es ging weiter nach Zürs und endlich zur „Frühstückspension Ulli“, wo sie erwartet wurde.

Grete fand sich mühelos hinein in ihre Aufgabe als Zimmermädchen.

Auch hier lagen Massen an Schnee, allein schon oft meterhoch auf den Hausdächern; beeindruckend die übermächtig-nah hereinragende Berg-Winterwelt, daneben und rundherum sportliches Hin und Her, überall Betriebsamkeit, geschulterte Schi, die herumgetragen wurden ... Sport! Sport! war die Devise.
Grete fand sich danach fast mühelos hinein in ihre Aufgabe als Zimmermädchen, wie Bettenmachen, Zimmerrichten, beim Frühstück Servieren für die Gäste, zur Hand sein. Das konnte sie alles von Haus aus. Die Chefleute waren äußerst behilflich in allem, es waren ja auch zwei hauseigene Kinder da, ein Bub von fünf Jahren, ein Schwesterchen dazu etliche Monate alt und noch im Kinderwagen. Mit den Kindern konnte Grete besonders gut, dabei litt sie selbst, vor allem anfangs, unter schrecklichem Heimweh!
Das flaute aber bald ab angesichts der Winterwirklichkeit, die Tag für Tag zu bestehen war. Wo man das Nachbarhaus vor Schneetreiben nicht mehr sehen konnte. Die Gäste und Touristen aus aller Herren Länder, die versorgt werden mussten, aus Deutschland, England, sogar Amerika; aus Dänemark, den Niederlanden und so fort.
„Waunn de Chefleut owi iʼs Laund habm müassn, ah oft am Obmd, woar ih alloa für de Kinder vaontwortlih“, erzählt Grete auch. Und von den Lawinenmeldungen. Und von den Menschen, die in der Lawine umkamen. Und von den auf der Piste Verunglückten, die in Gips mussten.
Bald jedoch war Grete als „freundliches Gesicht des Hauses“ in der Umgebung bekannt, von den Chefleuten geschätzt und gefördert. Gar bald auch von Stammgästen des Hauses – und das nicht nur ihres Hübschseins wegen, nein, es war vor allem das anständige Mädchen in ihr erkannt worden. Und bald war sie von Heiratsanträgen überfordert. Heute noch redet die 86-Jährige mit leuchtenden Augen „von dieser Zeit am Arlberg“, wo sie so viel Zustimmung und Anerkennung ihrer Person erfahren durfte, wie später nie mehr in ihrem Leben. Sie war aber zu scheu und ängstlich, sich auf etwas einzulassen. Ihr war, so sagt sie, die ihr anvertraute Arbeit, bestmöglich ausgeführt, damals das Wichtigste.
„Ih biʼ ma vielleicht sölber a wengl in Weg gʼstaundn“, das anerkennt Grete heute schon. Und von ihrem Selbstvertrauen sagt sie, es wäre halt noch nicht entwickelt gewesen ... Ja, und mit April endete dann für sie der Einsatz am Arlberg.
Margret Pfaffenbichler

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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