30. Sonntag im Jahreskreis: Pater Eduard Deffner
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst
- Pater Eduard Deffner SJM mit Gläubigen in Kasachstan.
- Foto: zVg
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Kasachstan ist eine ehemalige Sowjetrepublik. Das ist bis heute vor allem auf dem Land deutlich sichtbar. Es gibt immer wieder Ruinen der Kolchosen, die früher in jedem Dorf bestanden. Das sind oft Gebäude mit meterdicken Ziegelwänden, die den Jahrzehnten trotzen. Kürzlich bin ich mit einem Mann in einem Dorf spazieren gegangen, in dem vor 30 Jahren 1.500 Deutschstämmige gewohnt haben. Viele haben bereits in den 1990er-Jahren das Land verlassen, als die Aufnahme in Deutschland möglich wurde. Heute leben dort noch 25 Menschen.
Beim Anblick der Ruinen kam der Mann, der in Kasachstan zur Sowjetzeit geboren wurde, auf das Leben der Menschen damals zu sprechen. Gegenseitige Hilfe war großgeschrieben. Das Dorf blühte und die Menschen trafen sich in den Gassen nach der Arbeit. Gastfreundschaft war unverzichtbar, zumal in einem ehemaligen Nomadenland. Obwohl der Kommunismus an der Macht war, lebten die Menschen weitgehend im zwischenmenschlichen Bereich glücklich zusammen. Nächstenliebe, wie sie im Evangelium angesprochen wurde, war normal. Aber sie war ohne Gott. Die Gottesliebe fehlte oder durfte nicht gezeigt werden. Hier waren die Menschen unfrei.
Nächstenliebe und Gottesliebe
Heute ist Kasachstan auf dem Weg zu einer modernen Wirtschaftsnation. Das Land ist reich. Es gibt fast alle Bodenschätze, die die Technik heute braucht. Der Weltmarkt öffnet sich von allen Seiten und es gibt eigentlich alles für die, die Geld haben. Die Religionen, soweit sie staatlich anerkannt sind, können Gottesdienststätten betreiben und für ihre Gläubigen da sein. Öffentliche Mission ist untersagt. Der Staat wacht darüber, dass keine Konflikte entstehen und regt Treffen der Religionen untereinander an. Kasachstan eröffnete vor Kurzem eine Botschaft im Vatikan.
Die Jungen ziehen in die Städte; die Dörfer sterben aus. Man lebt in neu gebauten Hochhäusern und versucht, den Lebensstandard der Stadt zu erreichen. Ein Jahr Miete dort würde ausreichen, um bis zum Lebensende in einem Dorf zu leben. Die Menschen erleben sich isolierter. Es ist zwar möglich, Gott im Gottesdienst zu verehren, aber wer findet den Weg dorthin? Gott hat auch jetzt keinen Platz in der Gesellschaft.
Nächstenliebe und Gottesliebe – beide laufen Gefahr zu verschwinden. Das Wichtigste, was Jesus uns zu sagen hat. Der Weg in das ewige Leben. Und hier sehen wir ein globales Problem. Wir haben Freiheiten, aber wir verlieren uns in der Welt. Jesus sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.“ Das muss also in Fleisch und Blut übergehen – Herz, Seele, Denken. Das betrifft den ganzen Menschen. Aber wie kann es geschehen, wenn wir dem keine Zeit und keinen Raum geben?
Zeit ist das Kostbarste, das wir Menschen haben. Sie ermöglicht uns, zu lieben.
Die neue digitale Welt verschlingt den Menschen, wenn er sich nicht auf das Wesentliche besinnt. In Kasachstan wie in der ganzen Welt. Gott scheint in den Bedürfnissen des modernen Menschen keinen Platz mehr zu haben. Das ist nicht nur für uns Gläubige verheerend, sondern erschwert selbst Suchenden und noch Ungläubigen den Weg zu Gott.
Blicken wir zurück auf das Dorf. Dort waren die Menschen glücklich, weil sie Zeit füreinander hatten. Zeit ist das Kostbarste, das wir Menschen haben und nur sie ermöglicht uns, Gott und den Nächsten zu lieben. Zeit und Freiheit. Beides hätten wir nun in unserer modernen Welt, wenn wir uns die Zeit und damit unsere Möglichkeit der Unterscheidung, was wesentlich ist, nicht nehmen ließen. Wenn das nicht geschieht, dann haben wir in Wirklichkeit weder Zeit noch Freiheit, weil wir sie uns selber nehmen.
Gott fordert unser Herz, weil er uns nicht nur erschuf, sondern mit seinem Herzen erlöste. Dort ist die Zeit, die er uns als Gottmensch schenken möchte. Antworten wir darauf – nicht nur mit einem vielleicht noch vorhandenen Praktizieren, sondern mit einer im Menschen verwurzelten Antwort, die Herz und Seele erfasst! Lieben wir Gott mit unserem Herzen, unserer Seele und unserem Denken über alles, damit wir auch den Nächsten noch lieben können wie uns selbst! Hier und in Kasachstan.
Spendenmöglichkeit für den Einsatz der Missionare in Kasachstan:
Empfänger: Diener Jesu und Mariens
IBAN: AT16 3205 9000 0002 1907
Autor
Pater Eduard Deffner SJM wurde in München geboren und gehört der Ordensgemeinschaft der Diener Jesu und Mariens in Blindenmarkt an. Seit 2017 ist er in der Mission in Kasachstan an verschiedenen Orten tätig. Dort kümmert er sich um Menschen am Rand der Gesellschaft.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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