Vernehmungsprotokolle gezeigt
Die streng geprüften Wunder vom Taferlberg
- Pfarrkirchenrat Christian Schüller und der Pfarrer von Maria Taferl, Pater Stefan Obergfell OMI, zeigen Besucherinnen die Verhörprotokolle, in denen penibel Personen befragt wurden, die Wunder erfahren haben sollen.
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Protokolle lesen sich oft mühsam – besonders, wenn sie jahrhundertealt sind. Die Protokollbücher von Maria Taferl jedoch, in denen Menschen im 17. Jahrhundert streng zu ihren Wunderzeugnissen befragt wurden, sind packende Zeitdokumente. Nicht nur Fachleute können diese Schriften entziffern. Auch interessierte Laien finden leichten Zugang, da die Werke in einer schönen Handschrift und in einem relativ einfachen, verständlichen Deutsch verfasst sind. Die kirchenrechtlichen Untersuchungsprotokolle und Mirakelbücher aus den Jahren 1659 und 1660 stellen faszinierende historische Quellen dar. Sie belegen den rasanten Übergang von einer lokalen Volksandacht zu einem der bedeutendsten Barockwallfahrtsorte Österreichs.
Untersuchungskommission
Als im 17. Jahrhundert die Berichte über Lichterscheinungen, Engelsweihen und Spontanheilungen auf dem Taferlberg sprunghaft anstiegen, gerieten die kirchlichen und weltlichen Behörden unter Zugzwang. Um religiösen Fanatismus oder Betrug auszuschließen, wurde eine offizielle Untersuchungskommission eingerichtet, deren Original-Protokolle der Zeugenbefragungen bis heute erhalten sind.
Viele Wunderberichte zu Beginn
Christian Schüller, Pfarrkirchenrat in Maria Taferl und vielfältig um die Basilika engagiert, betont, dass die damaligen Autoritäten die Wundererzählungen keineswegs ungeprüft übernahmen, sondern akribisch hinterfragten. Zahlreiche Wunder sollen sich allein in der Entstehungsgeschichte am Taferlberg ereignet haben. Doch auch heute noch sind viele Besucher überzeugt, dass ihre Gebete erhört wurden und werden. Davon zeugen die zahlreichen Votivgaben, die bis heute nach Maria Taferl gebracht werden, sowie die vielen brennenden Lichter in der Kerzenkapelle – sichtbare Zeichen für Bitten und des Dankes für erfahrene Hilfe.
Wer Maria Taferl besucht, spürt sofort, dass es ein lebendiger Gnadenort ist.
In den 1650er-Jahren erlebte der Hügel über der Donau einen unkontrollierten Pilgeransturm. Rechtlich glich die Situation einem Pulverfass, da das Territorium weltlich zur regensburgischen Herrschaft Pöchlarn gehörte, geistlich jedoch zur weit entfernten Diözese Passau. Gleichzeitig verlangte die katholische Gegenreformation im Sinne der Dekrete des Konzils von Trient eine strikte Überprüfung angeblicher Wunder.
Übernatürliche Ereignisse durften nicht bloß auf Gerüchten basieren. Im Dezember 1659 reiste deshalb eine bischöfliche Kommission nach Klein-Pöchlarn und Marbach, um Zeugen unter Eid zu verhören und gerichtsfeste Protokolle anzulegen. Die kirchenrechtlichen Verhöre konzentrierten sich primär auf die Gründungs- und Heilungswunder rund um die alte Eiche und das dort angebrachte Gnadenbild.
Befragung des Thomas Pachmann
Thomas Pachmann wurde als einer der ersten Zeugen befragt. Der Schäfer gab zu Protokoll, dass er im Jahr 1633 versucht habe, die morsche Eiche umzuhacken, an der damals ein einfaches Kreuz, das sogenannte Taferl, hing. Dabei rutschte er ab und verletzte sich schwer an den Beinen. Nach einem verzweifelten Stoßgebet zur Gottesmutter hörten die lebensgefährlichen Wunden sofort auf zu bluten. Die Kommission prüfte die Glaubwürdigkeit des Mannes penibel, da seine Heilung den eigentlichen Startschuss für die Wallfahrt gegeben hatte.
Ein weiteres zentrales Protokoll betrifft den Marktrichter Alexander Schinagl aus dem Jahr 1642. Er litt unter schweren psychischen Leiden, die im Protokoll als Melancholie und Selbstmordgedanken beschrieben werden. Schinagl sagte aus, ihm sei im Traum befohlen worden, das hölzerne Kreuz an der Eiche durch eine Pietà aus seinem privaten Hausaltar zu ersetzen. Nach der Ausführung dieses Befehls genas Schinagl innerhalb weniger Jahre vollständig von seinen chronischen Leiden.
Mysteriöse Lichterscheinungen
Besonders spektakulär und im barocken Protokollwesen detailliert erfasst sind die Massenphänomene zwischen 1658 und 1661. Unabhängig voneinander sagten Dutzende Bewohner der umliegenden Donauorte, darunter Schiffer, Bauern und Handwerker, unter Eid aus. Sie alle wollten über dem Taferlberg mysteriöse Lichterscheinungen und weiße Gestalten gesehen haben. Die Zeugen beschrieben diese Phänomene als feierliche, schwebende Prozessionen, die von Engeln abgehalten wurden. Für die kirchlichen Prüfer war dies das entscheidende Indiz, denn die Erscheinungen wurden so gedeutet, dass der Himmel selbst die Weihe dieses Ortes forderte.
Die Auswertung der Protokolle im Winter 1659/1660 fiel folglich positiv aus. Die Zeugen wurden als vertrauenswürdig eingestuft, während Betrug oder dämonischer Einfluss ausgeschlossen werden konnten. Die Konsequenzen folgten unmittelbar, sodass der hölzernen Notkapelle am 19. März 1660 offiziell die Messlizenz erteilt wurde. Nur einen Monat später, am 25. April 1660, folgte die Grundsteinlegung für die monumentale barocke Wallfahrtskirche, bei der die untersuchte Eiche baulich direkt in den Hochaltar integriert wurde.
Die Autoritäten übernahmen die Wundererzählungen keineswegs ungeprüft, sondern hinterfragten sie akribisch.
Nachdem die frühen Wunder protokollarisch legalisiert worden waren, begann man ab 1660 mit der systematischen Dokumentation aller weiteren Gebetserhörungen in gedruckten Mirakelbüchern, wie dem „Österreichischen Myrrhenberg“ ab 1723. Eine besonders wertvolle handschriftliche Aufzeichnung aus dem Jahr 1705 enthält 385 Wunderberichte.
Statistiken erforscht
Marlene Hawel, geboren in Waidhofen an der Thaya, hat diese Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts wissenschaftlich untersucht und ihre Ergebnisse in dem gleichnamigen Buch veröffentlicht. Diese Bücher dienten als barocke Erfolgsberichte und hielten fest, dass tausende Pilger Heilung von Blindheit und Seuchen oder Rettung aus den Gefahren der Donau erfuhren. Sogar Eltern totgeborener Kinder pilgerten dorthin, in der Hoffnung auf ein kurzes Lebenszeichen für eine rettende Nottaufe.
Diese lückenlose Kette aus juristisch-theologischen Befragungen und populären Mirakelberichten ließ Maria Taferl im 18. Jahrhundert zum zweitgrößten Wallfahrtszentrum Österreichs heranwachsen, das jährlich rund 300.000 Pilger anzog.
Die Aufzeichnungen spiegeln eine enorme gesellschaftliche Vielfalt wider, denn vom einfachen Tagelöhner bis zum Hochadel suchten alle Schichten den Gnadenort auf. Frauen machten dabei rund 57 Prozent der dokumentierten Heilungen aus, während 28 Prozent Kinder betrafen.
Die Anziehungskraft reichte weit über die Grenzen Niederösterreichs hinaus und verband Gläubige aus der gesamten Habsburgermonarchie sowie aus Bayern.
Berichte über wundersame Heilungen, wie die plötzliche Genesung der gehörlosen Theresia Schmiedbäuerin aus St. Florian im Jahr 1755, bestärkten das Vertrauen der Menschen nachhaltig. Aus heutiger Sicht lassen sich viele dieser Phänomene gewiss durch starke religiöse Erwartungshaltungen, die besondere Atmosphäre des Ortes oder psychologische Effekte erklären – was auch bei der Landesausstellung im Landesklinikum Mauer thematisiert wird. Dennoch bleiben sie wertvolle historische Zeugnisse gelebten Glaubens. Untermauert wurde der Dank durch unzählige Votivgaben wie Krücken, Schmuck oder kunstvolle Bilder. Für die Region bedeutete der enorme Pilgerstrom zudem einen entscheidenden Wirtschaftsfaktor, der Gasthäusern, Händlern und Handwerkern über Jahrhunderte hinweg sichere Einnahmen bescherte.
Bis heute zeugt die Basilika hoch über der Donau von dieser tiefen, geschichtsträchtigen Verbindung aus Glaube, Hoffnung, menschlichen Schicksalen – und Wundern.
Autor:Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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