Erzählung
Urlaub „made in Malaysia“

Blick auf Petrcane in Kroatien | Foto: xbrckx-stock.adobe.com

Es ist schon eine gute Weile her, dass ich meinen Urlaub erstmals in einem beschaulichen Ort an der kroatischen Adria verbrachte. Eher zufällig waren wir einem Wegweiser zur Küste gefolgt und hatten ein einfaches Appartement gefunden, das sehr nah am Strand lag. Die Spuren des Krieges waren noch allerorten sichtbar, über skelettierten Häusern ragten verkohlte Balken in den Himmel.

Just damals gastierte in dem Ort ein Ferienevent unter englischer Flagge. Die durchwegs jungen Gäs­te verbrachten den Tag auf einem Schiff, den Abend in der Bucht und die Nacht in Zelten gleich vor unserer Tür; nur eine hüfthohe Steinmauer lag zwischen dem Gäss­chen und dem Campingplatz dahinter. Bis dort die letzten Stimmen verstummten, regte sich schon das morgendliche Leben im Ort. Trotzdem habe ich einen gewissen Grund, dem ausgelassenen Treiben dankbar zu sein.

Es machten sich nämlich einige Gelsen in unserem Schlafzimmer bemerkbar, das frisch adaptiert und noch ohne Gelsenschutz vorm Fenster war. Mittels einer Fliegenklatsche versuchte ich, vom Bett aus einige der Plagegeister von der Decke zu bekommen. Ich war ja gar nicht gesprungen – und schon krachte ich samt Mat­ratze und Lattenrost bis zum Boden durch. Was tun? Ich begutachtete den Schaden. Eine dünne Leiste hatte der Belastung nicht standgehalten. Auch der Seitenteil des Bettes war aus einer sehr dünnen Press­spanplatte. Entsprechend kurz waren die Schrauben. Und an der Innenseite stand, wie mit einem großen Stempel hingedruckt: „MADE IN MALAYSIA“.

Beim Notfallset im Auto war ein Schraubenzieher, mit dem sich die Schrauben an neuen Stellen (ohne Vorbohren) wieder eindrehen ließen – selbstverständlich von Hand. Aber ganz traute ich der Sache noch nicht. Doch wo nimmt man kurz vor Mitternacht in einem Urlaubsdorf passende Schrauben her? Ich fand sie in der Küche – die Sitzflächen der Sessel mussten zwei Schrauben entbehren.

Dass der Hausherr, der in dem hellhörigen Gebäude nebenan sein Zimmer hatte, nicht viel merkte, lag wohl auch an der jugendlichen Geräuschkulisse im Hintergrund. Das Provisorium hat gehalten, wenn auch mit der nötigen Vorsicht. Im nächsten Jahr ging’s wieder in diesen Ort; schöner hätten wir es kaum wo finden können. Und die Sessel bekamen ihre fehlenden Schrauben ersetzt. LS

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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