Erzählung
Besuch am Samstag

Foto: Atmosphere Studio – stock.adobe.com

Schon beim Zähneputzen überlegte Johann, was er an diesem Tag sagen könnte. Vielleicht einen Satz über das Wetter. Oder über den Feuerwehreinsatz am Donnerstag. Langsam und sorgfältig rasierte er über seine faltige Wange. Mit fast 70 Jahren zitterte seine Hand ein wenig. Dennoch nahm sich Johann samstags besonders viel Zeit dafür. Johann mochte seinen gewohnten Alltag. Am Montag telefonierte er mit seiner Tochter. Am Freitag kam sie, um sauber zu machen und nach dem Rechten zu sehen. Jeden Donnerstag ging er einkaufen und wechselte einige Worte mit den Angestellten.
Aber der Samstag war besonders. Da kam Angelika. Sie brachte die Kirchenzeitung. Jeden Samstag gegen neun. Sie lächelte immer und hatte immer Zeit für einen kleinen Plausch. Worüber konnte er mit ihr reden? Johann kam selten aus dem Ort und erlebte kaum Neues, von dem er berichten konnte. Im Vorgarten zeigten Tulpen bereits ihre Köpfe. Vielleicht gefiel ihr das.
Kurz vor neun spähte Johann bereits aus dem Fenster. Endlich bog Angelika um die Ecke. Neben ihr ging eine ältere Frau. Er hatte sie schon öfter beim Einkaufen gesehen. Was bedeutete das?
„Guten Morgen, Herr Neumaier!“ Die Achtjährige strahlte über das ganze Gesicht.
„Guten Morgen, Angelika!“ Und schon wusste Johann wieder nicht, was er mit seiner jungen Besucherin sprechen konnte.
„Da Sie ja immer so alleine sind, habe ich mir gedacht, ich bringe heute meine Tante mit. Sie geht hier öfter spazieren und hat ihren Garten bewundert. Vielleicht möchten Sie ihr alles zeigen und ich bringe die Kirchenzeitung noch schnell zu den anderen Häusern.“ Und schon hüpfte sie munter den Weg zum nächsten Haus entlang. Verdattert starrte Johann sein Gegenüber an.
„Es tut mir leid, dass ich Sie so überfalle. Aber meine Nichte – Großnichte – meinte, sie hätten nichts dagegen, wenn ich mir Ihren Garten ansehen dürfte.“
„Aber selbstverständlich.“ Johann wusste später nicht, wie das alles vonstatten gegangen war. Aber zwei Stunden später entließ er Maria am Gartentor und man vereinbarte, sich wieder zu treffen. Und für Angelika würde er nächste Woche eine Tafel Schokolade bereit halten.
Karin Sieder

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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