Erzählung
Großmutters große Liebe

Der Tisch war übersät mit ungewohnt gezackten Bildern. Alle schwarz-weiß, manche ein bisschen unscharf.
„Oma, bist du das?“, rätselte Sabrina ungläubig.
Oma nickte.
„Und wo ist Opa“?
„Den kannte ich damals noch nicht.“
„Aber dieser junge Mann, von dem es so viele Fotos gibt, wer ist denn das?“
Oma nahm eines der Bildchen hoch, lächelte zärtlich und sagte: „Das war die große Liebe meines Lebens.“ Sabrina erstarrte förmlich. „Weiß Opa das?“, japste sie.
„Ich glaube nicht“, verwirrte Oma ihr Enkelkind noch mehr.
„Du musst es ihm sagen. Man muss ehrlich sein, wenn es um Liebe geht.“ Oma lächelte milde. Für eine Vierzehnjährige hatte Sab­rina unerwartet strenge Ansichten. „Nach fast fünfzig Ehejahren wird es ihn nicht mehr schrecken“.
Sabrina stellte sich entschlossen vor ihre Oma und forderte mit ernster Miene: „Erzähle es mir. Dann kann ich beurteilen, ob Opa es erfahren soll.“ Oma lachte laut. Dann nahm sie das Bild dieses jugendlichen Adonis zur Hand, strich sanft darüber und ließ ihren Gedanken freien Lauf.
„Mein Vater erschien eines Tages mit einem jungen Mann im Schlepptau. Er stellte ihn als Jacques, den Sohn seines elsässischen Freundes vor. Jacques war 22 Jahre alt und sollte als Volontär in unserer Fabrik kaufmännische Erfahrungen sammeln. Artig begrüßte Jacques jedes Familienmitglied. Als er mir die Hand gab, schenkte er mir ein so erfrischendes Lächeln, dass ich ihn sofort ins Herz schloss. Von diesem Augenblick an durchtränkte er alle meine Gedanken.
In den folgenden Wochen verbrachten wir so viel Zeit wie möglich miteinander. Er versuchte Deutsch zu lernen und ich Französisch. Wenn ich ihm etwas erzählte, verstand er ganz sicher kein Wort. Aber er sagte: „Oui, chérie.“
An einem herrlichen Sommerabend schlichen wir uns heimlich aus dem Haus. Ich wollte ihm den kleinen See zeigen, in dem ich immer badete. Das Malheur geschah, als ich mich vorsichtig ins Wasser tastete. Ich achtete nicht auf den großen Stein, fiel rücklings ich ins Wasser, schlug mit dem Kopf auf und war kurzzeitig sehr benommen. Jacques half mir hoch und trug mich vorsichtig nach Hause. Den ganzen Weg schlang ich meine Arme um seinen Hals und fühlte mich wie im siebten Himmel. Das Lamento zu Hause brachte mich unsanft zurück auf den Boden der Tatsachen und ins Bett. Drei Tage musste ich dort verbringen, und als ich aufstehen durfte, war Jacques nicht mehr da.
Ich konnte es nicht fassen. Ich weinte und jammerte bitterlich.
Um mich zu trösten, versprach meine Mutter, mit mir einkaufen zu gehen. Ich bekam einen roten Pullover und die herrlich langen Buntstifte. Denn ich war sechs Jahre alt und in einer Woche begann für mich die Schule.
Ursula Berg

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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