Christian Stefaner im Gespräch mit Christine Weeber
Märchen: „Hinter diesen Geschichten liegt ein weites Land“

Der „Sonntag“ im Gespräch mit dem Märchenerzähler Christian Stefaner aus dem Lesachtal über die Kunst des guten Ausdrucks und warum Märchen an sich immer
ein „Happy End“ haben. 
von Christine Weeber

Herr Stefaner, wie wird man Märchenerzähler? Was steckt dahinter?
Stefaner: Vielleicht ist eine gewisse Veranlagung für die Liebe zu Geschichten schon vorhanden gewesen. Der zweite Teil war einfach, dass ich auf Menschen gestoßen bin, die ein Vorbild gewesen sind. Es gibt nicht viele aus dieser Zunft, aber ich habe bereits in jungen Jahren als Lehrer zwei davon getroffen, die in mir die Leidenschaft erweckten, die wahrscheinlich schon hier war. Mittlerweile bin ich seit 36 Jahren Märchenerzähler.

Die waren? Welche Ausbildung haben Sie?
Stefaner: Ich habe als junger Mensch die Lehrerausbildung, die damalige Pädak, absolviert, und dort habe ich neben Deutsch und Geografie, meinen Standardfächern, eine geistliche Schwester aus Wernberg kennengelernt, Schwester Romana, zu ihrer Zeit eine sehr bekannte Schwester, die tiefenpsychologisch im Umgang mit Märchen sehr geschult war. Das war für mich die erste Begegnung, die mir gezeigt hat, dass hinter diesen Geschichten ein weites Land ist. Der zweite Mensch, der mich in der Ausbildung geprägt hat, war Peter Vorderegger, ein gebürtiger Gailtaler und ehemaliger Stadtrat von Hermagor. Er war und ist selbst ein leidenschaftlicher und exzellenter Erzähler. Er hat mir gezeigt, dass es möglich ist, mit einer Geschichte Menschen auf eine sehr intensive Art und Weise anzusprechen. So war mein Weg.

Ist das typisch für Märchenerzähler?
Stefaner: Ich kenne viele Märchenerzähler, und kein Weg gleicht dem anderen. Alle kommen aus unterschiedlichen Berufen. Sie treffen sich aber dann eben beim Erzählen von Märchen.

Waren Märchen für Sie immer von großem Interesse?
Stefaner: In meiner Kindheit hat mir meine Mutter Märchen erzählt. Für gute Geschichten habe ich immer schon etwas übrig gehabt.

Welche konkret?
Stefaner: In der Kindheit faszinierten mich besonders die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm, und später alle Arten von Leseliteratur, und irgendwann waren es diese kurzen Formen von Geschichten, nicht nur Märchen, sondern auch Gleichnisse, Fabeln und Parabeln, eine Art von Literatur, die sehr schnell und in großer Dichte eine Aussage genau auf den Punkt bringen kann.

Man kann Sie ja auch anhören bzw. lesen ...
Stefaner: Ich habe an die zehn Bücher udn viele Tonträger veröffentlicht. Ich kann sehr schnell erkennen, wenn eine Geschichte einen Tiefgang hat und sich gut erzählen lässt.

Gibt es da eine Methode? Was ist das Besondere an Ihrer Art, Märchen zu erzählen?
Stefaner: Ich glaube, dass es mir gut gelingt, eine Geschichte in verschiedene Sprachebenen zu übersetzen. Weg von der reinen Hochsprache des Theaters, des Kabaretts, in die Alltagssprache, manchmal auch in die des Dialektes. Damit kann man Kinder sehr persönlich erreichen. Das Besondere an den Märchen ist, dass sie wie ein Zauberspiegel auf eine magische und verfremdete Art und Weise dazu verführen, einen Blick in sich selbst zu wagen – aber eben über den Umweg einer Geschichte.

Was bewirken Märchen in einer Kinderseele?
Stefaner: Meine persönliche Erfahrung ist, dass – und das deckt sich mit der Erfahrung vieler Laien – Kinder immer wieder diesselbe Geschichte hören wollen, ähnlich wie der Effekt einer Massage funktioniert. Es wird wahrscheinlich so sein, dass eine Geschichte oder ein Märchen in bestimmten Stellen der menschlichen Psyche, der menschlichen Seele, eine Art Massageeffekt bewirkt. Dieser Effekt tut einfach wohl und verlangt nach einer Wiederholung.

Was halten Sie von Märchen für Erwachsene, gibt es diese?
STEFANER: Es gibt durchaus auch Märchen für Erwachsene. In der therapeutischen Szene, sprich in der Seminarszene, der Selbsterfahrungsszene, haben Märchen einen sehr guten Ruf. Ich selbst habe als Psychodramatiker über viele Jahre hindurch in geschlossenen Erwachsenengruppen gearbeitet, wo eine Geschichte ins Zentrum gerückt wird. Im Spiegel dieser Geschichte oder dieses Märchens wird die Persönlichkeitsentwicklung gefördert.

Wo können Märchen heilsam ansetzen –etwa in der Corona-Krise?
Stefaner: Ja, in der Zeit, in der die Schulen im Home Office waren, arbeitete ich als Religionslehrer und habe einen YouTube-Kanal eröffent mit „Geschichten machen Schule“. Wir haben über 10.000 Zugriffe auf die Geschichten bekommen. Auch in dieser Zeit ist es möglich. Ich meine sogar, dass der Funke von meinem Inneren zu anderen Menschen leichter überspringt als von Angesicht zu Angesicht. Ein Märchenerzähler ist eigentlich ein Analogerzähler.

Welchen Stellenwert hat der Kärntner Volkskundler Franz Franzisci, der ja als „Märchenerzähler“ bezeichnet und hoch angesehen wird?
Stefaner: Einen sehr hohen. Sein Wirkungsort und der meine decken sich, sein Lebensabend hier in Grafendorf und mein Geburtsort in Birnbaum im Lesachtal sind nicht weit auseinander. Er war ein Geschichtensammler, ich bin ein Geschichtenerzähler. Dies sind zwei sehr verwandte Berufe. Franz Franzisci war zu seiner Zeit einer der anerkanntesten Volkskundler von Kärnten. Heute wird das, was er in unserer Heimat gemacht hat, an den Universitäten gelehrt.Denn die moderne Form der Volkskunde an den Universitäten ist die Ethnologie.

Das Leben will es oft anders. Wo können denn Märchen hier ansetzen?
Stefaner: So ist es. Anders ausgedrückt: Manchmal verlangt das Leben nach einer Musterunterbrechung, um bereits eingeschliffene Muster wieder zu verlassen. Das ist kein leichter Weg, denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Alles, was wir uns angeeignet haben, ist wie Spurrillen auf der Autobahn. Hier zieht es uns immer wieder hinein. Man braucht wieder relativ neue Zugänge, die das Märchen deswegen ermöglicht, weil es die „normale“ Welt verlässt und in eine vollkommene Parallelwelt der Phantasie einlädt. Dort kann man eben Dinge ausprobieren, die im Alltag viel zu schwer umzusetzen sind.

Gehen alle Märchen eigentlich immer gut aus, wird das Gute immer belohnt?
Stefaner: Die Märchen gehen gut aus. Die Sagen allerdings nicht immer. Man muss immer zwischen diesen zwei Gattungen – Märchen und Sagen – unterscheiden.

Wo ist der zentrale Unterschied zwischen diesen beiden?
Stefaner: Sagen arbeiten oft mit dem berühmten erhobenen Zeigefinger. Wenn sich jemand gegen die Natur wendet, kann das zu einem schlimmen Ende führen. Sagen drohen, wenn das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur verletzt wird. In einem gesunden Maß auch damit, dass wir Menschen es uns einfach nicht verscherzen sollten mit der Natur. Aber Märchen haben immer das brühmte „Happy End“ – das glückliche Ende.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

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