Erzählung
Die Weißnäherin

In meiner Jugend gab es noch den Beruf der Weißnäherin – und von einer solchen Frau, Marie mit Namen, weiß ich in der Lederergasse in St. Pölten. Wir hatten einander durch Zufall kennengelernt, sie war nie verheiratet gewesen, erzählte sie, und damals gerade 72 Jahre alt. Als Zubrot zur bescheidenene Rente ging sie noch immer in ein Geschäftshaus der Stadt: in eine Fleischerei, um dort alle zwei Wochen die reichlich anfallende Bügelwäsche zu machen und zugleich schadhaft Gewordenes an Wäsche und Arbeitskleidung auszubessern. Damals hatte noch alles seine Qualität und ein Stück wiederherzustellen lohnte sich. Die Bluse der Chefin mit dem Riss machte sie wieder wie neu, die Krägen an den Herrenhemden wurden ausgetauscht, die weißen Geschäftsmäntel für den Laden durch eine kleine Naht wiederhergestellt, und das Brandloch der Zigarette im Tischtuch – weggezaubert.
„Frau Marie“, fragte ich einmal die schier Unermüdliche, „würden Sie mir das ,Fleck-Einsetzen‘ lernen?“ Darauf sie: „Hat dir das deine Mutter nicht gezeigt?“ Ich: „Meine Mutter kann nur einen Fleck aufnähen, nicht aber einstückeln.“ „Und in der Schule?“, fragte sie. „Habe ich es auch nicht gelernt!“ Sie überlegte kurz, dann vereinbarten wir gleich den nächsten Dienstag. Ich sollte vormittags um halb neun zu ihr in die Wohnung kommen und gleich etwas Schadhaftes mitbringen, zum Üben.
Dieser Morgen war ein sehr heller, die Stadt schien wie in Sonnengold getaucht, während auf den Gehsteigen gerade der Schnee schmolz. Schließlich fand ich die Gasse und bald auch die gesuchte Wohnung. Danach trat ich schon ein ins bescheidene Reich der Frau Marie, mit ihrem grauen Haar und ihrem Lächeln in den Augen – und ihrer ruhigen Art, etwas vorzuzeigen. Wir schnitten aus, wir setzten ein, dazwischen surrte die Nähmaschine. In der Anleitung so knapp wie präzise, ließ sie mich viel alleine werkeln und überlegen. Es entstand das wonnige Gefühl: Ich lerne wie von alleine! Um halb zwölf ging ich schon wieder mit dem Hochgefühl, etwas gelernt zu haben, durch die Stadt, zurück zum Bahnhof. Um bereichert in mein Dorf heimzufahren.
Margret Pfaffenbichler

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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