Interview mit Sr. Johanna Datzreiter
"Wir Missionarinnen haben eine Sendung zu den Armen"

Sr. Johanna Datzreiter im Interview mit Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer und Praktikantin Magdalena Salzmann. | Foto: missio
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Die Missionsschwester Johanna Datzreiter aus Frankenfels verbrachte 43 Jahre im westafrikanischen Staat Liberia. In ihrem dritten Buch „Ich bin, weil wir sind“ erzählt sie von der Lebensfreude und dem Wert der Gemeinschaft in Afrika. „Kirche bunt“ bringt im Oktober Auszüge aus dem Buch und traf sie zum Interview im Haus der „Missio“ in Wien.

Inzwischen sind Sie schon länger wieder in Österreich. Fehlt Ihnen Afrika? Gibt es Momente, in denen Sie zurück wollen?

Sr. Johanna: Ja. Das ist einfach in meinem Herzen. Ich würde es sofort wieder machen. Jeder hat seine Berufung – auch heute, wo es so viele Ablenkungen gibt. Was mir immer sofort in den Sinn kommt: Wir schätzen die afrikanische Kultur nicht genug. Ich hatte einige Erlebnisse hier in Wien, die haben mich wirklich gekränkt. Ein Afrikaner ist kein anderer Mensch. Nur die Hautfarbe ist anders, wegen der Pigmente, der Sonne.

Sie sagen, dass der Afrikaner kein anderer Mensch ist. Gibt es dennoch Unterschiede?

Sr. Johanna: Die Menschen in Afrika sind Gemeinschaftsmenschen. Jeder Afrikaner ist Teil seiner Großfamilie und auch die Ahnen gehören dazu. Für die Afrikaner ist die Familie das Um und Auf. Europa ist für viele ein Lockvogel, auch wegen des Geldes. Das ist verständlich, denn damit können sie ihre Großfamilie unterstützen. Wenn ich höre, dass jemand sagt: „Er schickt ja alles zu seinen Leuten“, dann sage ich: „Du musst einmal dort leben und sehen, wie sie leben.“

Bei uns ist oft die Rede: „Die Afrikaner sind ja selber schuld. Die arbeiten zu wenig und müssen einfach fleißiger sein, dann hätten sie auch weniger Probleme.“

Sr. Johanna: Diesen Sommer hat eine Schwester hier in Wien zu mir gesagt: „Jetzt verstehen wir, dass man nicht hart arbeiten kann, wenn es so heiß ist.“ Die Hitze hat uns heuer auch in Österreich gefordert. Vielleicht verstehen wir jetzt besser, wie kräftezehrend es bei so hohen Temperaturen sein kann, ein normales Leben zu führen. Für mich sind 30 Grad angenehm. In Liberia ist es eine feuchte Hitze, das zehrt an einem. Aber man gewöhnt sich daran. Man kann nicht aufgeben und sagen: „Das halt ich nicht aus.“

Was können wir in diesem Sinne von den Menschen in Afrika lernen?

Sr. Johanna: Der Afrikaner lebt viel mehr in der Natur – er lebt noch mehr von seinen Wurzeln her. In Europa haben wir so viel Neues, dass wir oberflächlich werden. Ich habe keinen einzigen Afrikaner getroffen, der nicht gläubig ist. Der nicht immer alles auf Gott bezieht, auch im Elend. Manche Leute sagen ja, die kommen nur zur Kirche, weil sie so arm sind und die Kirche ihnen hilft. Diesen Leuten muss ich widersprechen: Die Afrikaner haben schon einen Gott gehabt, bevor wir da waren. Dieser Schöpfergott, der alles geschaffen hat, das war für sie ein Begriff, weil sie mit ihm gelebt haben.

Aber ist das der Gott der Bibel oder ist das ein Gott der Natur?

Sr. Johanna: Nein, das war der Naturgott. Und an den muss man anknüpfen. Man kann Religion nicht erzwingen, sie muss wachsen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Weltkirche in Zukunft?

Sr. Johanna: Ich finde, dass der jetzige Papst ein besonderes Geschenk für unsere Kirche heute ist. Er ist das Oberhaupt von fast 1,5 Milliarden Katholiken – und sie kommen aus allen Sprachen und Nationen. Das allein ist schon ein großes Wunder. Europa ist nicht die Weltkirche, sondern ein kleiner Teil von ihr. Deshalb sollten wir unseren Horizont erweitern, wir sollten voneinander lernen, wir sollten uns bemühen, andere besser zu verstehen, und den Dialog mit allen pflegen. Ich glaube, unsere Kirche ist auf einem guten Weg, den Auftrag Christi zusammen neu zu entdecken – auf den Weg zur Einheit, wie unsere afrikanischen Schwestern und Brüder es ausdrücken würden. Denn: Ich bin, weil wir sind!

Was würde Liberia helfen? Reicht es, wenn die Machthaber, die das Land ausbeuten, abziehen? Oder braucht es da viel mehr?

Sr. Johanna: Das reicht überhaupt nicht. Man kann nur helfen, indem man die Leute langfristig ausbildet. Es geht nicht nur darum, mit einem Projekt die Beschaffung eines Traktors für ein Dorf zu fördern, sondern es geht um die Aus- und Weiterbildung für die Leute dort, damit sie wissen, wie sie diesen Traktor erhalten können. Es muss immer um eine nachhaltige Bildung gehen.

Wenn Sie von der Armut in Afrika erzählen, von den Krankheiten und Bürgerkriegen, aber auch dem Gottvertrauen und der Gemeinschaft – haben Sie jemals gezweifelt und sich gefragt: „Was tue ich da?“

Sr. Johanna: Natürlich hat man diese Momente des Zweifelns; vor allem, wenn man in einem endlos scheinenden Bürgerkrieg keine Zukunft sieht. Aber wir Franziskanerinnen Missionorinnen Mariens haben eine Sendung von der Kirche zu den Armen weltweit. Wir leben in Gemeinschaft, das ist es, was uns zusammenhält. In Momenten des Zweifelns kommt es darauf an, sich zu fragen: Was ist meine Berufung? Was habe ich dem Herrn versprochen? 
Wo ist mein Zeugnis jetzt gefragt?

Hatten Sie jemals dunkle Stunden, in denen selbst Gott fern schien?

Sr. Johanna: Ja, ganz bestimmt. Besonders wenn man für lange Zeit keinen Lichtblick sieht. Wenn man Glauben hat und dieser Glaube herausgefordert wird, kann man nicht aufgeben. Für mich war das nie eine Option, besonders angesichts des Leides so vieler Unschuldiger. Ich glaube, wir schulden unseren afrikanischen Schwestern und Brüdern sehr viel. Der Einsatz meines Lebens in Afrika war nur eine Konsequenz dieser Überzeugung.

In solchen dunklen Stunden hilft auch die Gemeinschaft?

Sr. Johanna: Ja, genau. Kommunikation mit Gleichgesinnten ist eine große Hilfe. Man wird auch vom Gebet der Gemeinschaft getragen und gestärkt. Durch gemeinsames Durchhalten in aussichtslosen Situationen kann man am Ende auch wahre Wunder erleben, wie zum Beispiel einen endgültigen Frieden in Liberia.

Würden Sie sagen, dass die Mission der katholischen Kirche sich über die Jahre verbessert hat?

Sr. Johanna: Ja, definitiv. Man hat im Laufe der Zeit viele Erkenntnisse erworben. Zum Beispiel Respekt vor jeder Kultur und der Heilsgeschichte eines jeden Volkes.

Was denken Sie, ist die wichtigste Aufgabe für Mission?
Sr. Johanna:
Mission geht immer in die Weite. Aber es fängt bei mir an, in meiner eigenen Umgebung. Dass ich das, wovon ich selbst überzeugt bin, lebe und an mein Umfeld weitergebe. Darum ist es so wichtig, dass ich selbst feste Wurzeln habe.

Wenn Sie an Ihre eigenen Wurzeln denken, an Ihre Eltern und Großeltern, welche Erinnerungen kommen Ihnen da in den Sinn?

Sr. Johanna: Ich habe alles von meiner Familie bekommen. Ich bin die Älteste von neun Kindern. Es war eine schwierige Kindheit, denn ich bin während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Ich habe noch die KZ-Häftlinge an unserem Haus in Frankenfels vorbeimarschieren gesehen. Meine Mutter und die Tante haben denen hinter der Hausmauer Milch gegeben, was verboten war. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Menschen am Straßenrand zusammengebrochen sind, wie Menschen nach Mauthausen getrieben wurden ... Diese Kindheitserfahrungen haben mich sicher im Hinblick auf die Not der Fremden und Ausgegrenzten geprägt.

Mission – braucht Österreich das heute auch?

Sr. Johanna: Mission ist nie zu Ende. Die Weiterbildung, die bei Missio Österreich geschieht, ist für alle wichtig. Offenheit für den Heiligen Geist, der alle Völker zusammenführen will, soll ein Merkmal unserer katholischen Identität sein. Auch für Österreich. Interview: Sonja Planitzer und Magdalena Salzmann

Sr. Johanna Datzreiter im Interview mit Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer und Praktikantin Magdalena Salzmann. | Foto: missio
Sr. Johanna Datzreiter wurde 1938 in Frankenfels geboren. Seit 1958 ist sie Ordensschwester der Kongregation der Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens. Sie verbrachte 43 Jahre im westafrikanischen Staat Liberia. Dort erlebte sie den Putsch des Warlords Charles Taylor und den darauffolgenden Bürgerkrieg hautnah mit und musste mehrmals vor seinen Kindersoldaten und Söldnern durch den Dschungel fliehen. Später engagierte sie sich unter anderem für die Reintegration der ehemaligen Kindersoldaten in die Gesellschaft. 2017 kehrte sie wieder nach Österreich zurück und lebt heute im Ordenshaus in Wien.  | Foto: S. Planitzer
Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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