29. Sonntag 2026: P. Jason Rushton
Gott fangen oder von Gott gefangen werden?

Von der Missionsstelle in Kasachstan betreute Jugendliche.  | Foto: zVg
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Am Anfang meines Glaubensweges vor ungefähr 20 Jahren stand einmal ein alter Jesuit am Ende der Abendmesse auf, um diese Anekdote zu erzählen: Er war vor seiner Pensionierung selber sein Leben lang Missionar in Indien. Dort gab es ein Dorf, in dem er viele Jahre gewirkt hatte. Immer wieder fanden größere Taufen statt. Eines Tages kam ein Mann aus dem nicht-christlichen Nachbardorf auf ihn zu: „Pater, bitte, taufen Sie mich. Ich möchte auch Christ werden!“ Der Jesuit riet ihm aber davon ab: „Du weißt, dein Dorf ist nicht wohlgesonnen den Christen gegenüber! Es wäre gefährlich für dich, Christ zu werden. Du wirst aus deiner Familie ausgestoßen und vielleicht passiert dir noch Schlimmeres.“ Der Mann redete aber lang auf den Jesuiten ein und letztendlich gab er nach. Er wurde getauft.

Ungefähr vier Wochen später, bei seinem nächsten Besuch in dieser Gegend, sah der Missionspater den Mann wieder – aber schon aus der Ferne erkannte er, dass seine schlimmsten Befürchtungen eingetroffen waren. Der Mann war übelst zugerichtet, in Verbänden gewickelt, mit geschwollenen Augen und Wunden von Kopf bis Fuß. Der Pater sah ihn mit Tränen in den Augen an, umarmte ihn und schluchzte: „Es tut mir so leid, dass ich dich getauft habe! Was habe ich nur getan!“ Aber der neue Christ trat einen Schritt zurück, schaute den Pater mit Mitleid an und sagte: „Pater, Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich bin.“

Ich wünschte mir, ich könnte in einer geschriebenen Predigt eine ausgedehnte Pause einlegen, damit diese Aussage in Ihren Ohren nachklingt. Was muss man fühlen, um so etwas sagen zu können! Als der Jesuit den Satz geendet hatte, wurde es leise im Volk. Ich frage mich, welche Stufe von Meta-Noia es braucht (Meta-Noia ist das griechische Wort, das Jesus am Anfang seines Auftretens für Bekehrung verwendet, wörtlich bedeutet es „komplett neu denken“) bei so vielen Wunden so viel Freude zu empfinden?

Jahre später bin ich nun selber aktiv als Missionar in Kasachstan und stelle mit Freude fest, dass solche Sätze immer wieder gesprochen werden. Gelobt sei Gott! Letzte Woche habe ich einen wunderbaren irischen Missionar kennengelernt, Pater Michael Kelly, der mir von einem der prägendsten Momente seines Lebens erzählte. In den 70er-Jahren wurde er auf den Karibik-Inselstaat Grenada von einer Mutter zu ihrer kranken Tochter gerufen. Das Haus – besser gesagt Hütte – hatte nur ein einziges Zimmer, in der Mitte war ein Vorhang, auf dessen anderen Seite das 14-jährige Mädchen lag.

„Pater, Sie können sich
nicht vorstellen,
wie glücklich ich bin."

Pater Michael war überrascht zu sehen, dass sie mit einem weißen Tuch zugedeckt war – er dachte, sie wäre schon gestorben. Als er das Tuch hob, verstand er: Jede Fliege in der Wohnung ist schlagartig auf das arme Mädchen herabgestürzt, ihr Körper war mit Ausschlag und offenen Hautstellen übersät. Welche Schmerzen! Der Tod würde nicht lange auf sich warten lassen. Pater Michael hat ihr die Sakramente gespendet und mit ihr gebetet. Er war sprachlos, als er sah, mit welchem Eifer, welcher Dankbarkeit und welcher Liebe sie mit Gott redete: „In meinem ganzen Leben bis dahin und in meinem ganzen Leben seither, habe ich noch nie erlebt, dass ein Mensch so betet wie dieses Mädchen an jenem Tag.“

Bitte nehmen Sie sich wieder Zeit für eine längere Pause! Liebe Leserinnen und Leser von „Kirche bunt“! Mir kamen diese beeindruckenden Zeugnisse aus den Missionsländern heute wieder in den Sinn, als ich die anstrengenden Fangfragen unseres Evangeliums gelesen habe. Es ist doch ein vergebliches Unterfangen, den in die Ecke zu treiben, der nicht nur die Ecke, sondern das ganze Universum gemacht hat! Die Pharisäer haben alles, aber nichts davon – Gott selber steht vor ihnen, aber sie spüren nichts von der Freude des Mannes in Indien oder des Mädchens in Grenada. Es ist alles eine Frage der Haltung: Gott fangen zu wollen, oder sich von Gott fangen zu lassen.

Erst wenn wir von Gott ergriffen sind, können wir alles andere richtig begreifen – u. a. den relativen Stellenwert von Steuern. Ich finde, meine siebenjährige Nichte hat es auf den Punkt gebracht, als sie letztens stolz ihrer Familie verkündete: „Wenn Gott dein Copilot ist, tauscht die Plätze!“ Echter Glaube bedeutet, Gott die Führung zu überlassen.

Spendenmöglichkeit für den Einsatz der Missionare in Kasachstan:
Empfänger: Diener Jesu und Mariens
IBAN: AT16 3205 9000 0002 1907

Von der Missionsstelle in Kasachstan betreute Jugendliche.  | Foto: zVg
Pater Jason Rushton SJM | Foto: zVg
Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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