Roma-Wallfahrt
Der Muttergottes danken

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Spiritualität, Erinnerung, Gemeinschaft:

Zum 25. Mal pilgerten heuer Angehörige aus der Volksgruppe der Roma nach Mariazell.

Oliver ist ganz schön mutig: Das Mikrofon fest in seiner Rechten, liest der Zwölfjährige in der bis auf den letzten Platz gefüllten Mariazeller Basilika die Fürbitte, die er für seine in Ungarn lebenden Großeltern geschrieben hat. „Bitte gib, dass unsere Familien alles haben, was sie zum Leben brauchen. Damit jeder von ihnen in Würde leben kann.“ Als junger Rom gehört Oliver der größten Minderheit Europas an, den Roma. Gemeinsam mit seinen Eltern, Mitgliedern der Malteser und der Caritas und weiteren Grazer Roma-Familien begab er sich am
8. August auf eine Wallfahrt, die für die Volksgruppe der Roma und Sinti mehr ist als Ausdruck gemeinsamer Spiritualität.

Heraus aus dem Verborgenen
Schriftlich belegt sind Roma-Pilgerreisen ab dem 19. Jahrhundert, doch begangen wurden sie mit großer Wahrscheinlichkeit schon viel früher. „Die Idee einer organisierten, großen Roma-Wallfahrt nahm im Zuge der Institutionalisierung 1989 und der Volksgruppenanerkennung im Jahr 1993 Gestalt an“, weiß Michael Teichmann, Roma-Forscher und aktuell Leiter von Caritas-Inlandsprojekten für Romnija und Roma in der Steiermark. „Neben dem spirituellen Gemeinschaftserlebnis stand gerade in diesen Anfangsjahren der Wunsch im Vordergrund, damit auch als Volksgruppe sichtbar zu werden und aus dem ‚Leben im Verborgenen‘ herauszutreten.“ Ihre Wiederbelebung fand die Roma-Wallfahrt nach Mariazell unmittelbar nach dem bis heute schwersten politisch motivierten Attentat der Zweiten Republik, der Ermordung von vier Roma in Oberwart durch eine von Franz Fuchs gebaute Rohrbombe. In der Nacht von 4. auf 5. Februar 1995 fanden mit Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon vier Burgenland-Roma gewaltsam den Tod. Im selben Jahr wurde das Referat der Romapastoral in der Diözese Eisenstadt ins Leben gerufen, das auch in diesem Jahr wieder die Wallfahrt nach Mariazell organisierte – allen voran Referatsleiterin Manuela Horvath, die beim Attentat in Oberwart zwei ihrer Cousins verlor.

Den Tod überwinden
„Weißt du, wenn wir das KZ überleben sollten, dann machen wir wieder eine Wallfahrt nach Mariazell und danken der lieben Mutter Gottes.“ Die Romni Ceija Stojka ist noch ein Kind, als ihr die Mutter in einem Konzentrationslager dieses Versprechen gibt. Sie überlebt drei Konzentrationslager und damit den nationalsozialistischen Völkermord – anders als 500.000 Volksgruppenangehörige in Europa. Von den in Österreich lebenden Roma und Sinti wurden 90 Prozent im Zuge des Genozids ermordet. Ceija Stojka überlebt als eine von sechs Mitgliedern ihrer 200 Personen zählenden Großfamilie den Nationalsozialismus. Einige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2013 wird die 1933 in der Steiermark geborene Schriftstellerin und Malerin von Gottesdienst-Zelebrant und Roma-Seelsorger Helmut Schüller als Erwachsene gefirmt. Auch daran wurde im Rahmen der heurigen Roma-Wallfahrt in Mariazell gedacht: an das Leben und die gelebte Spiritualität von Romnija und Roma in Österreich.

Anna Maria Steiner

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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