Stichwort: Fußball und Glaube
Dreimal heilig

Eröffnungsspiel der Fußball-WM im legendären Azteken-Stadion in Mexico City.  | Foto: KNA
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Was den Fußball mit Religion verbindet. Ein Dialog an der Schnittstelle zweier Welten, die mehr verbindet, als man vermutet.

Die Fußball-Weltmeisterschaft erlebt diesen Sonntag ihr großes Finale. Bernd Kindermann, Geschäftsführer der Diözesansportgemeinschaft Steiermark, und Alfred Jokesch, deren Geistlicher Assistent, begaben sich in der Tiroler Tageszeitung auf die Spurensuche nach dem Heiligen. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Gespräch:

Heilige Regeln
Alfred Jokesch: Über kaum ein Thema können Fußballfans leidenschaftlicher streiten als über Schiedsrichterentscheidungen. Nur: Es nützt nichts. Sie sind unantastbar. Das Spiel lebt davon, dass es Regeln gibt, die von allen akzeptiert werden, und die Hüter des Regelwerks, auch wenn sie nicht unfehlbar sind, tabu bleiben. Wer sich daran nicht hält, zerstört das Spiel.
Es gibt auch ungeschriebene Gesetze, die ebenso wichtig und Kennzeichen eines wahren Sportsgeists sind. Etwa, dass der Gegner kein Feind ist und die Rivalität mit Respekt ausgetragen wird. Dazu gehört der Hand­shake vor und nach dem Spiel, dass man einander in die Augen sehen kann oder sich nach einem Foulspiel entschuldigt. Denn das Verbindende, die Liebe zum gleichen Sport, steht über allem.
Bernd Kindermann: Ich sehe hier viele Parallelen zum Glauben. Wie im Fußball geben auch die Glaubensregeln Orientierung, weisen eine Richtung und schaffen Gemeinschaft. In beiden Fällen zeigt sich, dass Regeln nicht dazu da sind, einzuengen, sondern ein gemeinsames Miteinander überhaupt erst ermöglichen. Sie bilden einen Rahmen, in dem sich jeder bewegen kann, ohne andere zu verletzen oder auszuschließen. Sie schaffen erst den Raum, in dem Gemeinschaft möglich wird.

Heilige Zeremonien
Jokesch: Jedes Fußballspiel hat einen festen Rahmen: 22 Spieler, ein Ball, ein klar begrenztes Spielfeld, zwei Tore. Doch innerhalb dieses Rahmens bleibt viel Platz für Spontanität und Intuition, für einen Geniestreich oder einen haarsträubenden Fehler. Es gibt keine zwei Spiele, die gleich ablaufen, und niemand ist in der Lage, auch nur fünf Spielzüge exakt vorauszuplanen. Das macht den Reiz des Spiels aus und verleiht ihm einen göttlichen Charakter.
Im Stadion gibt es ein Zeremoniell. Die Namen der Spieler werden lauthals skandiert. Hymnen werden abgespielt und Flaggen präsentiert. Fangruppen stimmen ihre Gesänge an. Oft haben sie eine spezielle Choreografie vorbereitet. Aber sie reagieren auch spontan auf das Geschehen am Spielfeld, es entsteht eine Wechselwirkung zwischen Fans und Spielern, alle verbinden sich zu einer Einheit, deren Aufmerksamkeit sich ganz auf den einen Punkt bündelt, an dem sich der Ball befindet.
Kindermann: Dieses Gefühl von Verbundenheit und Geborgenheit, selbst wenn es nur kurze Zeit anhält, wünsche ich mir auch für meinen Glauben. Natürlich kann ich ihn auch individuell leben. Aber er gewinnt für mich an Kraft, Intensität und Tiefe, wenn ich ihn gemeinsam mit anderen erlebe. Da spüre ich besonders deutlich, wie der Glaube verbindet und inspiriert.
Jokesch: Eine kirchliche Feier folgt der gleichen Logik. Als etwas Heiliges, als mystische Erfahrung, erlebe ich sie, wenn sie mich mit anderen verbindet – und im Sport wie im Glauben kommen Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten oder ideologischer Gruppen auf gleicher Ebene zusammen – und wenn sie mich in den Augenblick eintauchen lässt. Dieses Erlebnis hebt mich heraus aus dem Gewöhnlichen, es verdichtet und vertieft mein Leben.

Heilige Räume
Jokesch: Es war ein unvergessliches Erlebnis, als ich meine Lieblingsmannschaft zu einem Champions-League-Spiel nach Dortmund begleitet habe. Beim Betreten des berühmten Westfalen-Stadions, gefüllt mit 70.000 Fans, befällt einen schon so etwas wie Ehrfurcht. Es ist eine Kathedrale des Fußballs, ein „heiliger“ Ort. Er ist voll mit Erinnerungen an legendäre Spiele, mit Emotionen und Leidenschaft. Ich fühle mich als Teil von etwas Großem.
Das Betreten eines heiligen Raumes öffnet mich für die Begegnung mit einer anderen Wirklichkeit. Es verändert die Wahrnehmung meiner selbst und der Welt, verbunden mit der Erfahrung von Gemeinschaft, von einem größeren Eins-Sein.
Kindermann: Wenn es im Sport wie im kirchlichen Bereich „heilige Räume“ gibt, stellt sich die Frage, warum wir diese Welten nicht stärker verbinden. In vielen Fußballstadien gibt es Kapellen oder Räume der Stille – Orte des Innehaltens mitten in der Leidenschaft des Spiels. Wir könnten als Kirche auch den umgekehrten Schritt gehen? Warum gibt es keine Sportkirchen, in denen Bewegung, Spiritualität und Gemeinschaft selbstverständlich zusammengehören? Darin sehe ich unsere Aufgabe: dem sportlichen Menschen Räume zu eröffnen, in denen Körper und Geist Heimat finden.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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