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Schon genug gefastet?

Das letzte Jahr war durch die Corona-Pandemie geprägt von Einschränkungen und Verzicht. Armutsbetroffene Menschen fasten oft unfreiwillig, erzählt Philipp Friesenbichler vom Marien-stüberl. Die Theologin Elisabeth Fritzl beschreibt einen frei-machenden Zugang zum Fasten.

Fasten – nur weniger von allem?
Fasten ist modern. Schlägt man die Zeitungen rund um Aschermittwoch auf, fällt ins Auge: Fasten scheint zum guten Ton zu gehören. Es wird Fleisch gefastet oder Zucker, Autofahren oder Einkaufen. Aber ist Fasten nur Verzicht? Die Theologin Elisabeth Fritzl beschreibt ihren freimachenden Zugang zum Fasten. Durch die Einschränkungen auf Grund der Corona-Pandemie wurde heuer auch die Frage laut: „Haben wir nicht schon genug gefastet?“ Armutsbetroffene Menschen hatten es im letzten Jahr teils noch schwerer als sonst. Philipp Friesenbichler erzählt von unfreiwilligem Verzichten-Müssen und Faschingskrapfen im Marienstüberl.

»Fasten oder nicht – im besten Fall werden wir durch Fasten freier.«

Elisabeth Fritzl 

ist Pastoralreferentin im Seelsorgeraum Graz-Südwest.

Fast ein Jahr lang üben wir schon unfreiwillig Verzicht. Und jetzt auch noch fasten? Wie so oft im Leben kommt es auf die Sichtweise an. Wenn beim Fasten gleich der Verzicht anklingt, ist es verständlich, dass viele Menschen heuer lieber auf’s Verzichten verzichten. Doch es steckt mehr dahinter.
Für mich bedeutet die Fastenzeit in erster Linie eine geschenkte Zeit. Jedes Jahr werden uns die 40 Tage geschenkt, um das eigene Leben ganzheitlich auf den Prüfstand zu stellen. Ich versuche meine Beziehungen zu reflektieren: zu Gott, zu meinen Mitmenschen, zur Schöpfung. Immer wieder schleichen sich da Unstimmigkeiten ein. Es wäre natürlich wunderbar, wenn ich berichten könnte, dass ich jedes Jahr zu Ostern ein neuer und besserer Mensch bin. Das gelingt mir nicht, aber ich muss mich nicht stressen lassen. Gott ist geduldig und schenkt mir auch außerhalb der Fastenzeit Chancen zum Neubeginn.

Fasten ist Luxus
Wir Menschen brauchen geprägte und überschaubare Zeiten (siehe Neujahrsvorsätze). In der Fastenzeit auf Fleisch zu verzichten ist mein solidarischer Beitrag mit Menschen in Brasilien genauso wie mit BäuerInnen bei uns, die selten faire Preise bekommen. Somit ist Fasten einerseits Luxus, denn ich kann es mir leisten, meinen Lebensstil zu hinterfragen. Aber wenn sich jemand zum Beispiel vornimmt, auf negative Gedanken zu verzichten, ist das völlig gratis und kann zu einem erfreulichen Ergebnis führen. Fasten oder nicht – diese Entscheidung dürfen wir frei treffen, um im besten Fall freier zu werden. Eine frohe und fruchtbringende Fastenzeit wünsche ich Ihnen!

»Mit Faschingskrapfen fängt im Marienstüberl die Fastenzeit an.«

Philipp Friesenbichler

arbeitet im Marienstüberl der Caritas in Graz.

Bei den Menschen, die zu uns ins Marienstüberl essen kommen, ist im Leben schon viel schiefgelaufen. Einige sind obdachlos, alkoholkrank oder spielsüchtig, manche sind MindestpensionistInnen. Fast alle eint aber eine andere Form von Armut, wie Schwester Elisabeth Gruber es nennt, nämlich die Einsamkeit. Viele haben keinen Kontakt mehr zu Verwandten. Das Pflegen von Freundschaften kostet Geld, und so ist das soziale Umfeld sehr klein. Dieses traurige Faktum hat unsere BesucherInnen zu Beginn der Corona-Pandemie wahrscheinlich auch vor dem Virus geschützt. Sie waren – überspitzt gesagt – nicht in Ischgl auf Schiurlaub. Die Einschränkungen, also das Verzichten-Müssen, was von der Mehrheit der Bevölkerung inzwischen schon beklagt wird, hat unsere BesucherInnen nicht in diesem Ausmaß betroffen. Denn vieles von dem, was verboten bzw. nicht möglich war oder ist, konnten sie sich auch schon bisher nicht leisten.

Faschingskrapfen am Aschermittwoch
Bei uns fasten die Menschen oft unfreiwillig, wenn wir bei der Lebensmittelausgabe zum Beispiel nicht genug Obst oder Gemüse haben. Wenn wir am Aschermittwoch Faschingskrapfen gespendet bekommen, stellt sich nicht die Frage, ob wir diese noch älter werden lassen, als sie vielleicht schon sind, oder ob wir Menschen, die es gerade schwer haben, etwas Gutes tun. Dazu eine Anekdote: Beim Sortieren der gespendeten Waren heuer am Aschermittwoch lagen in einer Schachtel mit Krapfen auch Vanillekipferl. Wenn das Marienstüberl Faschingskrapfen und Weihnachtsmehlspeise bekommt – dann fängt bei uns die Fastenzeit an.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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