Positionen - Christian Teissl
Sorgsam sein
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Hast du viel zu tun, dann leg dich schlafen, sagt ein altes jiddisches Sprichwort. Das klingt beim ersten Hinhören widersprüchlich und weltfremd, denn wer von uns, der gerade in Zeitnot ist, unter Termindruck, in Eile, kann es sich leisten, einfach innezuhalten, das Tempo bis auf den Nullpunkt zu drosseln, die Telefone läuten zu lassen, die Wartenden warten zu lassen, die Anfragen, die über alle Kanäle hereinkommen, unbeantwortet zu lassen, sich für eine Stunde oder zwei in eine Wiese zu legen, eine blühende Maiwiese, die Augen zu schließen und nicht an die vielen anstehenden Dinge zu denken?
Die alte jiddische Spruchweisheit scheint genau das anzuempfehlen, und zwar notabene nicht als Feiertagsübung, sondern mitten am Werktag, bei laufendem Betrieb. Ein Aufruf zur Sorglosigkeit? Eine Anstiftung zu unzuverlässigem Handeln aus der Laune des Augenblicks? So wirkt es zunächst. Und doch ist hier das Gegenteil gemeint: nicht Sorglosigkeit, sondern der sorgsame Umgang mit den eigenen Kräften.
Denn wer sicher ans Ziel kommen will, muss erst einmal wieder zu sich kommen, und wer für die andern da sein will, muss erst einmal für sich selber da sein, muss anwesend sein, nicht bloß vorhanden.
Christian Teissl
teissl@mur.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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