Mutworte - Elisabeth Rathgeb
Meister des Rückzugs
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Ich liebe den Rhabarber: Dieses Gemüse, das wie Obst verwendet wird. In Kombination mit einem Stängel Zimt, ein paar Gewürznelken und einer guten Portion Zucker gibt es ein herrlich erfrischendes Kompott. Und sonst Saft oder Kuchen.
Im Frühling, wenn am Morgen der Raureif noch das Gras bedeckt, bohren zeitig die ersten roten Blattknospen aus der Erde. Sie schauen beinahe außerirdisch aus. Anfang Mai lassen sich die ersten Stängel ernten, die ich vorsichtig aus der Wurzel ziehe. Aber nach Johannis am 24. Juni ist Schluss mit Rhabarber. Danach soll man ihn nicht mehr genießen, weil er viel Oxalsäure bildet.
Faszinierend finde ich im Herbst, wie effizient sich Rhabarber in den Boden zurückzieht: Nach ein paar Frösten bedecken nur noch einige gelbe Blätter den Boden. Und bald sind sie ganz von der Bildfläche verschwunden, und er begibt sich in den Winterschlaf. Der Rhabarber ist ein Meister des Rückzugs. In der Stille des Winters sammelt er neue Kraft. Im Frühling explodiert er geradezu und beschert bald reiche Ernte. Danach kommen wieder Reifezeit und Rückzug. Diese Klarheit des Lebensrhythmus’ imponiert mir.
Elisabeth Rathgeb ist Caritas-Direktorin in Tirol.
Aus: Kopfsalat mit Herz. Tyrolia, 2021.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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