Kirche Steiermark
Interview mit David Steindl-Rast
- Der Benediktiner-mönch und bekannte geistliche Autor Br. David Steindl-Rast, der lange in den USA tätig war und jetzt im Europakloster Gut Aich in St. Gilgen lebt, feiert am 12. Juli seinen 100. Geburtstag.
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Bruder David, vielen Dank, dass Sie uns kurz vor Ihrem hundertsten Geburtstag dieses Gespräch ermöglicht haben.
Steindl-Rast: Ich glaube, wir können per Du sein! Ich bin der David.
Sehr gerne – Alfred. Wollen wir mit einem Gebet beginnen?
Ja! (betet in Stille) Besonders für die Leser! Dass sie in ihrem Glauben gestärkt werden, und nicht erschüttert.
Ein Schlagwort, das heute oft zu hören ist, ist „Longevity“, also das Streben des Menschen, seine Lebenszeit zu verlängern, vielleicht sogar zu verewigen. Du feierst demnächst den 100. Geburtstag. Was ist Dein Geheimnis?
(Lacht) Das ist eines von den Dingen, zu denen ich wirklich nichts beigetragen habe. Das kommt oder nicht. Ein reines Geschenk! Und es geht ja gar nicht um Verlängerung des Lebens, es geht um Vertiefung und Ausreifen. Ich habe junge Menschen gekannt, viele leider im zweiten Weltkrieg, die ausgereift waren und mit zwanzig sterben mussten. Da war eine Zeit, wo ich mehr verstorbene Freunde gehabt habe als lebende. Manche Leute leben hingegen bis in ein sehr hohes Alter und sind nicht ausgereift. Der große Denker Otto Mauer, ein Priester in Wien, hat gesagt: Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe. Ein wunderschöner Satz! Darum bemüht man sich.
Es gibt einen Chatbot, der KI-gestützt ist, wo Deine Stimme imitiert wird und Deine Gedanken wiedergegeben werden, dem man auch persönliche Fragen stellen kann. Kommt Dir das nicht ein bisschen gruselig vor?
Es ist mir schon komisch vorgekommen, als die Universität Salzburg mich gebeten hat, das machen zu dürfen, und ich habe mir das auch gründlich überlegt. Das Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, hat sehr darauf geachtet, dass da nicht andere Ansichten hereinkommen, die nicht die meinen sind. Das ist eben wie ein Buch, ein sehr sonderbares Buch zwar, das mit meiner Stimme spricht, aber es ist nicht so anders, und darum stört es mich nicht und ich bin dankbar, dass dadurch Leute erreicht werden, für die es eine Hilfe ist.
Was wünscht Du Dir, was von Deinem Leben, von Deinen Anliegen und Themen zurückbleibt oder weiterwirkt?
Weißt Du, so ein Wunsch ist mir etwas völlig Fremdes. Ich habe keine solchen Wünsche. Viele Menschen sagen, dass meine Schriften und Vorträge ihnen geholfen haben. Es wäre schön, wenn das weiterhin geschieht, aber das ist kein Wunsch von mir. Meine ganze Spiritualität hängt daran, dass man sich zwar etwas wünschen kann, aber nur ja nicht zu klar und fest, sondern dass man in jedem Augenblick dem Leben antwortet. Und das Leben bringt mir jetzt, hier, in diesem Augenblick so viel entgegen. Wenn ich nur einen kleinen Bruchteil davon höre und darauf antworte, bleibt ja überhaupt keine Energie über, noch irgendwelche Wünsche zu äußern. (Beide lachen) Im Augenblick leben, das ist das Entscheidende und die Wünsche …
Da ist schon auch etwas Gutes dran, das Leben selber hat ja Wünsche, es will immer vielfältiger werden, es will sich erhalten. Solche grundlegenden Wünsche sind natürlich immer da in uns. Aber ich kenne so viele Leute, die sich unglücklich machen, weil sie ganz klare Wünsche haben, und die gehen höchst selten in Erfüllung. Das könnten wir uns ersparen, denn das Leben schenkt uns ohnehin viel mehr, als wir uns wünschen können, wir müssen nur hinhorchen und mitarbeiten.
Die Dankbarkeit ist bei Dir ein sehr großes Thema. Wie findet man zur Dankbarkeit und was bewirkt sie im Leben?
Dankbarkeit ist ein Wort, das jeder Mensch kennt. Viele andere Stichworte, die in der Spiritualität verwendet werden, sind sehr speziell und man muss erst lernen, was sie bedeuten. Aber Dankbarkeit versteht jedes Kind. Das ist der große Vorteil. Ich freue mich über etwas Wichtiges, das mir völlig frei geschenkt wird. Ich muss nicht zahlen oder arbeiten dafür, ich muss mich nicht bemühen, es wird mir frei geschenkt. So gesehen ist das größte Geschenk das Leben selbst. Das ist mir eigentlich das Wichtigste in dieser ganzen Dankbarkeitsspiritualität: das Lebensvertrauen.
Das ist zugleich auch die Antwort auf Deine Frage – wie lernt man das? Dadurch, dass man dem Leben vertraut. Wer dem Leben vertraut, ist schon dankbar. Das ergibt sich einfach. Für unsere Großeltern, Urgroßeltern, die das Wort Spiritualität gar nicht gekannt haben, war Dankbarkeit einfach die Spiritualität. Warum? Weil Lebensvertrauen einfach gang und gäbe war, das hat niemand hinterfragt. Heute haben so viele Menschen ihr Lebensvertrauen verloren und darum diese Schwierigkeit mit der Dankbarkeit. Die Frage muss also eigentlich heißen: Wie können wir unser Lebensvertrauen wiedergewinnen?
Was siehst Du als Ursachen, dass es verloren gegangen ist?
Viele Menschen sagen, dass die Krisen, Kriege und Umweltkatastrophen daran schuld sind. Das kann mitspielen. Ich selber halte nicht viel von dieser Antwort. Meine Antwort ist, dass uns das Lebensvertrauen wegen unserer Oberflächlichkeit verloren gegangen ist, unsere Gesellschaft krankt an einem Mangel an Ehrfurcht. Für viele junge Menschen ist das Wort Ehrfurcht etwas ganz Unbekanntes. Ich würde mit Kindern in eine dunkle Kirche gehen und in der Stille eine Kerze anzünden. Oder sie in die Berge mitnehmen, einen Regenbogen anschauen, ein Gewitter erleben. Also etwas tun, das die Ehrfurcht stärkt.
Was würdest Du einem Menschen, der nach Lebensvertrauen sucht, raten?
Ich würde ihm sagen: Du vertraust dem Leben doch ohnehin zu 99,9 Prozent. Und du konzentrierst dich auf das eine Zehntelprozent, wo du das intellektuell nicht nachvollziehen kannst. Du kannst nicht einmal dein Frühstück selbst verdauen, das muss das Leben machen. ALLES macht das Leben. Jede Sekunde sterben in deinem Leib zwei Millionen rote Blutkörperchen und müssen ersetzt werden. Versuch das einmal! Du vertraust dem Leben, das alles zu erledigen. Also sag dir doch: Auch wenn ich dieses eine kleine Zehntel von einem Prozent nicht so klar sehe, gehe ich trotzdem davon aus, dass das, was im körperlichen Leben so nachweislich ist, auch für das psychische Leben gilt.
Du denkst, dass du unabhängig bist, doch du hattest keinen Einfluss darauf, wann und wo du geboren bist, von welchen Eltern und damit Hunderttausenden von Vorfahren, die alle in dich hineinwirken. Du vertraust dem Leben, dass das alles richtig war, oder du sagst, es war alles falsch. Dann wird es irgendwann so unerträglich werden, dass du dir überlegen musst, ob es da vielleicht noch eine andere Möglichkeit gibt. Diese andere Möglichkeit ist, dem Leben zu vertrauen, jeden Augenblick. Und wenn wir das wirklich, also nicht nur vom Kopf her, sondern als Ganzes tun, mit dem Herzen, mit dem Bauch, dann macht uns das auch dankbar. Und weil das die richtige Einstellung ist, für die der Mensch gebaut ist, trägt das auch sehr viel zur Gesundheit bei, zur intellektuellen Aktivität, ja, zur Lebendigkeit.
Dankbarkeit ist eigentlich identisch mit Lebensfreude und die kommt zustande, wenn man richtig liegt mit dem Leben. Dass man Danke sagt, ist eine gesellschaftliche Abmachung, das ist etwas Kulturelles. In Indien zum Beispiel sagt man nicht Danke, da gibt es überhaupt kein Wort dafür. Das wäre so, wie wenn du deinem Bruder Trinkgeld gibst. (Lacht.) Doch selbstverständlich ist man dankbar. Das drückt man in seinem ganzen Wesen aus. Dass man das noch sagt, ist lächerlich und peinlich. Und das ist in vielen Kulturen so.
Du hast ja sehr intensiv den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen gesucht. Was hast Du dabei entdeckt und was kann man von ihnen lernen?
Die Religionen, unsere eigene eingeschlossen, sind nicht letztlich unsere Gottesbeziehung. Die Gottesbeziehung ist uns angeboren, die haben wir, ob wir je von einer Religion gehört haben oder nicht. Wir kennen dieses große Geheimnis. Das macht uns ja zu Menschen, dass wir auf dieses Geheimnis angelegt sind und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, dass wir tiefe Fragen stellen: Was ist denn eigentlich alles? Warum gibt es überhaupt etwas? Wie soll ich leben?
Diese existentiellen Fragen leiten jeden Menschen unabhängig von irgendeiner Religion, wenn die dringendsten Bedürfnisse wie das nach Nahrung erfüllt sind. Sie stellen sich jedem Menschen, der ein menschenwürdiges Leben führt, auch in unserer Gesellschaft, zumindest beim Tod eines Freundes, bei einer schweren Erkrankung, bei der Geburt eines Kindes oder in Gipfelerlebnissen, die einfach aus dem Blauen kommen. Warum?
Das führt uns in die Tiefe: Was ist das? Wenn man weiterfragt, immer weiterfragt, kommt man schließlich dazu – das ist jetzt schon religiös ausgedrückt, weil ich eben Christ bin und mich religiös ausdrücke –: letztlich ist alles Wort. Es sagt mir etwas. Wenn es mir nichts sagt, bemerke ich es ja gar nicht. Das Wort, das mich anspricht und aus dieser Tiefe kommt, ist zugleich mein Du, denn jedes andere Du versteht nicht meine tiefsten Geheimnisse. Wenn uns jemand wirklich lieb ist, dann wollen wir ihm unsere Geschichte erzählen, unsere Lebensgeschichte, eine Geschichte, die erlebt wird. Und wir merken – je näher wir jemandem kommen, umso schmerzlicher –, dass es nicht ganz gelingt, weil eben jedes andere Du Vorwand – das ist ein wunderschönes deutsches Wort – ist für unser großes Du. Das ist eben dieser Urgrund, dieses Geheimnis. Und das spricht zu uns, wir können diese Beziehung kultivieren und pflegen. Das Wie ist dann das Dynamische und da kommt man letztlich darauf: Worauf es wirklich ankommt, ist Beziehung. Wenn die nicht gepflegt wird, sind wir nicht glücklich, und glücklich sind wir eben, wenn wir auf dieses Du bezogen sind, wenn wir hinhorchen auf jedes Wort und in Beziehung stehen mit uns selbst, mit allen anderen, mit Tieren, Pflanzen, Menschen und mit dem großen Geheimnis. Und im Christlichen ist das Du zugleich das Es, dieses komische Es, von dem wir immer sagen: Es regnet, es gibt dies und es gibt das … Dieses Es, das alles gibt, ist zugleich das große Du und das ist dieses Geheimnis, das göttliche Geheimnis.
Und diese menschliche Grundreligiosität drückt sich in den verschiedenen Religionen unterschiedlich aus, weil sie zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kulturen von ganz verschiedenen Menschen gegründet wurden und dann eine lange Geschichte haben, in der sie noch vieles aufgenommen und abgestoßen haben bis jetzt. Wir sehen, dass die anderen Kulturen und Religionen von unserer tiefen menschlichen Religiosität andere Aspekte entwickelt und gepflegt haben und vielleicht etwas daraus gemacht haben, was wir übersehen haben. Ich habe Thomas Merton einmal gefragt, ob seine Beschäftigung mit dem Buddhismus etwas zu seinem Verständnis des Christentums beigetragen hat. Gewöhnlich, wenn man ihn so etwas gefragt hat, hat er nur gelacht, aber in dem Fall hat er sehr ernstlich darüber nachgedacht und hat dann nach einiger Zeit gesagt: „Ja, ich muss schon sagen, ich sehe das Christentum jetzt in einem ganz anderen Licht.“ Und das hat natürlich, weil hunderttausende von Menschen seine Bücher lesen, hunderttausende Menschen beeinflusst – auch mich.
Vom Buddhismus können wir als Christen lernen, was man eine Theologie des Vaters nennen könnte. Unsere Theologie enthält ja schon das Wort „Logos“ und ist fast ausschließlich Christologie. Wir haben sehr wenig über den Heiligen Geist und praktisch nichts über den Vater, weil wir unter Theologie Reden und Schreiben verstehen. Wenn das Schweigen das Entscheidende ist, sind wir verloren, das Herzstück der christlichen Tradition ist das Wort. Das Herzstück der buddhistischen Tradition ist das Schweigen und wie man sich auf das Schweigen einlässt, wie man sich in das Schweigen hinunterlässt, wie man mit dem Schweigen umgeht, wie man jedem Wort das Schweigen beifügt. Das könnten wir eine Theologie des Vaters nennen und – darüber habe ich oft nachgedacht –, dann müsste es doch auch eine Theologie des Heiligen Geistes geben. Das wäre das Verstehen. Aus dem Schweigen kommt das Wort, und das Verstehen, das ein tiefes Hören ist, führt uns wieder zurück in den Grund, aus dem das Wort kommt, zum Vater. Die kappadozischen Väter haben das den Reigentanz der Trinität genannt. Ich habe mir dann immer gedacht, es müsste eigentlich noch eine große Religion geben, die die Theologie des Heiligen Geistes entfaltet hat, das Verstehen also. Und dann habe ich von Swami Venkatesananda, einem ganz großen hinduistischen Dichter und Lehrer, ausdrücklich gehört, dass Yoga, die Spiritualität des Hinduismus, „Verstehen“ bedeutet.
Und plötzlich war für mich das Ganze da. Unsere Gottesbeziehung ist zu unerschöpflich, als dass eine Religion sie ganz ausschöpfen könnte. Wir haben uns als Christen auf das Wort konzentriert. Ebenso haben sich die Buddhisten auf das Schweigen und die Hindus auf das Verstehen konzentriert. Wunderschön. Wir können alles Mögliche voneinander lernen und tun es auch.
Könnte man den Heiligen Geist nicht auch in vielen Naturreligionen finden, etwa dieses Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist?
Da hast Du vollkommen recht. In den Naturreligionen findet man alle drei Pole noch ganz vereint. Das Tiefste ist unsere allgemein menschliche Religiosität, aus der entwickeln sich die Naturreligionen, die schon hunderttausende von Jahren alt sein können. Aus denen wachsen dann diese drei Säulen heraus, die wir heute sehen, da trennt sich das mehr, aber in den Naturreligionen ist es noch eins.
Ich habe ja das große Glück gehabt, mit amerikanischen Indigenen zusammen sein zu können und da wird ein ganz ähnliches Ritual praktiziert wie zum Beispiel das „Puja“ in Indien, ein Opfer, das jeden Tag, von jeder Familie und bei allen Gelegenheiten dargebracht wird. Wenn man Feuer macht, ist das nicht nur einfach Feuer machen, es ist ein sakraler Akt. Und genauso habe ich es auch bei den Papua-Neuguineanern erlebt.
Du sprichst gerne von Gott als dem großen Geheimnis. Da schwingt für mich etwas Unnahbares mit, dass man Gott nicht verstehen kann, dass er zu groß ist. Jetzt während dieses Gesprächs ist mir in den Sinn gekommen, das große Geheimnis als das Du zu betrachten, mit dem ich mein Geheimnis teilen kann. Ist das so gedacht?
Das Geheimnis enthält ja das Wort Heim. Das Geheimnis ist im tiefsten Sinn, was die Familie weiß, ohne darüber reden zu müssen. Und hier geht es um das große Geheimnis der ganzen Menschheitsfamilie. Wir kennen es, aber wir müssen nicht darüber reden. Aber man kann es auch anders nennen, zum Beispiel das große Du.
In Deinem jüngsten Buch ermutigst Du dazu, das geschichtliche Ereignis Jesus von Nazareth neu zu interpretieren für unsere Zeit. Wie könnte das aussehen?
Karl Rahner – glaube ich – hat unterschieden zwischen Theologie von unten und Theologie von oben. Das betone ich so, weil unsere ganze Christologie von oben kommt und daher den geschichtlichen Jesus – zum Teil bis zum Irrtum – verzerrt. Wenn Gläubige das Evangelium lesen, dann stoßen sie auf einen Jesus, der sich etwa im Johannesevangelium vollkommen anders benimmt als bei den Synoptikern. Im Johannesevangelium ist er ein Avatar, ein Gott, der, wie man das im Hinduismus hat, als Mensch verkleidet herunterkommt. Für aufgeweckte Menschen, die Fragen stellen, ist das eine völlig unglaubwürdige menschliche Persönlichkeit. Einerseits ist er ein Mensch, der weint, wenn sein Freund stirbt, andererseits handelt er wie ein Gott, der auf Erden herumgeht mit einer menschlichen Maske. Deshalb müssen wir von unten beginnen, die Christologie aufzubauen, denn wenn wir oben beginnen, ist das wie, wenn man zuerst das zweite Stockwerk baut und es kommt dann herunter auf uns. Wir müssen eigentlich mit der Anthropologie beginnen.
Nach der christlichen Lehre ist jeder Mensch Gottes Sohn oder Tochter, denn der Mensch ¬– Adam – ist noch nicht lebendig, sondern nur ein kleines Tonfigürchen, bevor Gott ihm den Lebensatem einhaucht. Wir sind lebendig mit dem Leben Gottes. Was er da einhaucht, ist der Heilige Geist. Jeder Mensch, der geboren wird, ist Gottes Kind, aber wir sind geschaffen in Gottes Bild und Gleichnis. Die Kirchenväter haben das immer schon so ausgedrückt: Das Bild bleibt, das kann man nicht zerstören, das sind wir. Aber das Gleichnis kann man zerkratzen, verstellen und übermalen. Wir haben die Gleichheit verloren. Und jetzt kommt einer, der das wird, was wir als Menschen werden sollten: Jesus Christus. Ein Mensch, der Gottes Sohn ist, das ist nicht etwas ganz Außergewöhnliches, keine völlige Überraschung. Wenn wir da anfangen, wird auf einmal alles lebendig, wird alles verständlich.
Jesus hat das Reich Gottes verkündet. Du sprichst stattdessen gerne vom Haushalt Gottes. Was hat es damit auf sich, was ist der Unterschied?
Naja, jetzt wollen wir natürlich über die Geschichte Jesu etwas wissen und da kommt uns die geschichtliche Forschung, die Textkritik sehr zu Hilfe. Was die Textkritik in den letzten 200 Jahren geleistet hat, ist, dass sie den geschichtlichen Kern des Lebens Jesu vom mythologischen Überbau unterschieden hat. Man kann zwischen dem geschichtlichen Jesus, dem, was sich da wirklich ereignet hat, und dem, was offensichtlich eingefügt wurde, als dieses Evangelium geschrieben wurde, unterscheiden. Wenn Jesus dort etwa spricht: … „dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ [Joh 17,3; Anm.] Das ist höchstwahrscheinlich nicht aus dem Mund Jesu gekommen! Wenn wir jedoch das Leben Jesu anschauen, dann sehen wir, dass er ein großes Anliegen gehabt hat, und zwar das Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Wir würden heute sagen: den Gotteshaushalt.
Jesus hat in einem Land gelebt, das unter Besatzung stand: Die römische Besatzungsmacht war eine Machtpyramide, der oberste Machthaber hat mit Gewalt alles andere unterworfen. Gewalt, Rivalität und Habsucht haben diese Machpyramide geprägt. Und Jesus wollte im Gegensatz dazu den Gotteshaushalt oder das Reich Gottes hier auf Erden aufrichten. Das steht außer Zweifel. Und er ist auch deshalb hingerichtet worden, denn die römische Macht hat eines ganz klar erkannt: Er hat ein Netzwerk aus Netzwerken aufgerichtet, er ist herumgewandert, er war gewaltfrei, pazifistisch, für Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfeleistung statt Rivalität, für das Teilen statt Habsucht. Also ganz genau das Gegenteil.
Und er ist auch mit seiner eigenen Religion in Widerspruch gekommen. Der Hauptpunkt war meiner Meinung nach nicht, dass er sich „Sohn Gottes“ genannt hat. Das passt einfach nicht. „Sohn Gottes“ hat einfach geheißen, dass er ganz erfüllt war vom Geist Gottes. Für das Volk Israel war die Bezeichnung „Sohn Gottes“ kein Problem. Auch der König, solange es ihn gegeben hat, war Sohn Gottes. Dieses Problem haben wir da hineinprojiziert. Der Punkt war, dass die jüdischen Autoritäten mit dem Römischen Reich eng zusammengearbeitet haben und dass die Steuern im Tempel aufbewahrt und vom Tempel erst an Rom gezahlt wurden. Der Tempel und die Hohepriester und Schriftgelehrten rundherum, die waren ihm ein Dorn im Auge und er ihnen. Die haben sich dann mit dem Römerreich und mit Pilatus zusammengetan. Jesus wurde als Hochverräter gekreuzigt, denn die Kreuzigung war nur für Hochverräter und davongelaufene Sklaven. Pilatus ließ – das weiß man aus der Geschichte – tausende Menschen kreuzigen, und wenn es ein Anführer war, auch dessen Jünger. In diesem Fall wurden seine Jünger jedoch nicht von Pilatus verfolgt, weil er gesehen hat, dass Jesus völlig pazifistisch war. Da bestand keine Gefahr. Warum also Kreuze verschwenden. Das spricht klar für den Pazifismus Jesu. Und er wollte dieses Reich Gottes.
Man sieht in der Apostelgeschichte, dass am Anfang die Gemeinde in Jerusalem noch wirklich egalitär war, gewaltfrei, alles geteilt hat. Das hat sich ökonomisch nicht bewährt und so zeigt sich – besonders in den Apostelbriefen –, wie sich nach und nach die Machtpyramide wieder durchsetzt, die den Menschen, auch uns, eingebläut ist. Die ganze Zivilisation kennt diese Machpyramide.
Aber es hat immer wieder in der Geschichte Gruppen gegeben, die wirklich das Reich Gottes gelebt haben. Die bedeutendste waren die Franziskaner, weil sie auch von der Kirche angenommen wurden. Und das Großartige an der gegenwärtigen synodalen Bewegung ist die Bemühung, endlich diese Machtpyramide abzubauen und sie umzubauen in ein Netzwerk aus Netzwerken. Das ist so etwas Wunderschönes, geschichtlich gesehen.
Ist es angesichts der globalen Probleme, vor denen wir heute stehen, nicht eine Überlebensfrage für die Menschheit, dass wir lernen, als ein Netzwerk zusammenzuwirken?
Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschheitsfamilie eines Tages entdeckt, dass das, was Jesus gepredigt hat, ihr heute helfen kann. Das wäre wunderschön. Es brauchen nicht alle katholisch zu werden, aber das wäre schon etwas Großartiges. Und das wäre Mission, das immer wieder zu sagen.
Also, dass die Kirche mehr in die Welt hinauswirken soll …
Das ist es, nicht, dass man versucht, sie zu taufen.
Ein Thema vielleicht möchte ich noch gerne ansprechen. In dem Jahr, in dem Du geboren wurdest, ist Rainer Maria Rilke gestorben, der Dich von Jugend auf stark geprägt hat. Was fasziniert Dich an diesem Dichter?
Als Kind hat meine Mutter mir Rilkes „Stundenbuch“ geschenkt, da war ich erst zehn oder zwölf. Das sind einfache Gebete, die mir als Kind einfach gefallen haben, so wie einem anderen Schmetterlinge gefallen, die er sammelt. Als Jugendliche im Widerstand haben wir Rilke gerne verwendet, wenn wir Rundbriefe an unsere Freunde an der Front geschrieben haben. Sein Buch „Der Cornet“ war damals ein Modebuch für junge Leute. Dann habe ich im Laufe des Lebens immer mehr seiner Gedichte entdeckt und wenn ich jetzt zurückschaue, stelle ich fest, dass das ganz genau auf meine Situation gepasst hat. Rilke wurde von einer etwas bigotten Mutter sehr streng katholisch erzogen, er musste sich aus dieser Enge befreien, hat aber zeitlebens sein christliches Erbe bewusst mitgetragen, auch wenn er sich klar gegen die Kirche gestellt hat. Auf all seinen Reisen hat er die Bibel bei sich getragen und gesagt, dass er täglich darin gelesen habe. Das ist mehr, als wir Mönche es machen. Das trifft die Situation unzähliger Menschen heute, ihre natürlich angeborene Religiosität räsoniert sehr stark mit den christlichen Vorstellungen und Bildern, aber sie wollen mit der Kirche nichts zu tun haben. Also ist Rilke, hundert Jahre nach seinem Tod, wie geschaffen für die heutige Situation. Meine Co-Autorin Alexandra Kreuzeder und ich beschäftigen uns gerade mit seinen Gottesnamen. Wir haben fast 200 Namen gefunden, die er für Gott verwendet. Er hat immer neue Namen erfunden, und es ist wunderschön, wie uns das auch heute belebt, denn unsere traditionellen Gottesnamen wie „König“, „Herrscher“ stehen für etwas, das wir gar nicht wollen. Wer will heute einen König, wer will einen Herrscher? Und da kommt Rilke mit Namen wie „Mitte aller Mitten“ …
Ist diese bildhafte Sprache uns im Ausdruck unseres Glaubens verloren gegangen?
Bei Rilke kann man noch vieles davon finden. Er hat zum Beispiel ausdrücklich gesagt, dass er in den „Sonetten an Orpheus“ mit Orpheus nicht Christus meint. Er will Orpheus mit dem Dichter identifiziert haben, und der Dichter ist der vollendete Mensch. Das passt doch total zu dem, was ich vorhin über die Christologie von unten gesagt habe. Wenn wir das fühlen, können wir seine Gedichte lesen. Da schreibt er über Orpheus: „Er ist einer der bleibenden Boten, / der noch weit in die Türen der Toten / Schalen mit rühmlichen Früchten hält.“ Das ist doch ein wunderschönes Auferstehungsbild, nicht? Und immer wieder kommen solche Bilder, immer wieder auch religiöse Ausdrücke. Wir haben uns selber oft gewundert, was wir da entdeckt haben.
Wem möchtest Du Rilke besonders ans Herz legen?
Gerade für religiös sensible Menschen, von denen in unserer Kultur ja doch die meisten aus dem Christentum kommen, ist Rilke wunderschön und sehr empfehlenswert. Wir haben in unserem Buch „HerzWerk“ etwas versucht, was bisher niemand – höchstens einmal in einem Aufsatz – gemacht hat, nämlich zu zeigen, wie religiös und wie christlich gefärbt Rilke ist.
Vielen Dank für dieses wunderbare Gespräch!
Dankeschön. Ich wünsche alles Gute!
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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