Kolumbien
Kindheit unter Palmen

Karges Leben am Fluss. In den abgeschiedenen Dörfern im Landesteil Bolívar leben die Menschen hauptsächlich von dem, was sie anbauen und ernten. Im Dorf Leticia (Bild) unterstützt die Mutter-Herlinde-Moises-Stiftung (FMHM) mit Spenden aus Österreich und der Hilfe von Sei So Frei Kinder beim Lernen und bietet alle drei Wochen medizinische Betreuung. Am Tag unseres Besuches in Leticia ließen sich 200 Menschen behandeln.  | Foto: Steiner
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  • Karges Leben am Fluss. In den abgeschiedenen Dörfern im Landesteil Bolívar leben die Menschen hauptsächlich von dem, was sie anbauen und ernten. Im Dorf Leticia (Bild) unterstützt die Mutter-Herlinde-Moises-Stiftung (FMHM) mit Spenden aus Österreich und der Hilfe von Sei So Frei Kinder beim Lernen und bietet alle drei Wochen medizinische Betreuung. Am Tag unseres Besuches in Leticia ließen sich 200 Menschen behandeln.
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Seit 60 Jahren helfen Spenden aus Österreich Menschen an der Karibik-Küste. Auch weiterhin ist Hilfe nötig.

Lebensfreude, bunte Kleidung, Mangos zum Frühstück oder Ananas, deren Süße in Österreich ihresgleichen sucht: Was kommt Ihnen bei „Kolumbien“ als Erstes in den Sinn? Fragt man die sieben Reisenden aus Österreich, die im Mai Hilfsprojekte von Sei So Frei und der Fundación Madre Herlinda Moises (FMHM) an der Karibik-Küste besucht haben, könnte die Antwort lauten: Das Land, die Tierwelt und die Menschen erscheinen paradiesisch. Doch auf den zweiten Blick weicht die vermeintliche Idylle oft großer Armut.

Nur beinahe Paradies. Für einen großen Teil der kolumbianischen Bevölkerung bleibt viel von dem, was in Österreich als selbstverständlich gilt, ein Wunschtraum. Fast 40 Prozent der 50 Millionen BewohnerInnen haben nicht genug zu Essen, kaum Geld für medizinische Versorgung oder hochwertige Bildung. Und wie überall trifft Armut besonders jene hart, die noch zu jung sind, um für sich selbst zu sorgen.

Projektpartner. Im Dorf Recreo erleichtert eine Maschine die mühevolle Arbeit des Reis-Schälens vor dem Verkauf. Eine Bäuerin zeigt Helmut Dachs von Sei So Frei (l.) und Reinhold Oster stolz den von allen im Dorf genutzten, mit Spenden finanzierten Apparat.  | Foto: Steiner
  • Projektpartner. Im Dorf Recreo erleichtert eine Maschine die mühevolle Arbeit des Reis-Schälens vor dem Verkauf. Eine Bäuerin zeigt Helmut Dachs von Sei So Frei (l.) und Reinhold Oster stolz den von allen im Dorf genutzten, mit Spenden finanzierten Apparat.
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Aus dem Armenviertel an die Uni. Einer von ihnen ist Jesús. Als der Sohn einer Alleinerzieherin von acht Kindern als Volksschulkind vom Armenviertel ins Zentrum der FMHM in Passacaballos kommt, nimmt sein Leben eine Wende. Heute ist er am Ende seiner Schullaufbahn, engagiert sich ehrenamtlich für die Umwelt und denkt als talentierter Maler an ein Kunststudium an der Universität von Cartagena. All das, und dass er als 16-Jähriger mit einer Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum im Interview ruhig und besonnen anwortet, ist der Beziehungs- und Sozialarbeit im FMHM zu verdanken. Um nicht in die Kriminalität zu schlittern, wo Jugendliche aus den Slums das schnelle Geld erhoffen, brauche es neben Schule und sinnstiftenden Freizeitangeboten vor allem eines: das Zutrauen in Kinder aus den Armenvierteln, bekräftigt Marina Mosquerk von der Madre-Herlinda-Stiftung.

Missbrauchsgefährdet  sind Mädchen und Buben besonders in Tourismusgebieten. Allein 48.000 Fälle von sexueller Ausbeutung im Internet innerhalb von sechs Jahren meldet UNICEF im Jahr 2018. | Foto: SeiSoFrei/Nebauer-Riha
  • Missbrauchsgefährdet sind Mädchen und Buben besonders in Tourismusgebieten. Allein 48.000 Fälle von sexueller Ausbeutung im Internet innerhalb von sechs Jahren meldet UNICEF im Jahr 2018.
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Unterdrückung und Befreiung. Schauplatzwechsel. Am Hafen von Cartagena de Indias spricht Reinhold Oster über die Kolonialgeschichte seiner Wahlheimat. „Nur wenige Meter von uns legten im 17. Jahrhundert die Schiffe mit den Sklaven an“, sagt der ehrenamtliche Leiter der FMHM zur siebenköpfigen Reisegruppe aus Österreich. Mit 18 kam der gebürtige Deutsche zum ersten Mal hierher, um – dem befreiungstheologischen Geist der 1970er-Jahre folgend – „Entwicklungshilfe“ zu leisten. Hier lernte er auch seine Frau kennen sowie Schwester Herlinde (Spalte rechts). Mit ersterer gründete er eine Familie, mit letzterer zahlreiche Hilfsprojekte in Dörfern und in den trostlosen Wellblechhütten-Siedlungen der Millionenstadt – zur Ehre Gottes und zum Dienst an Menschen, die nicht genug zum Leben haben, hier im vermeintlichen Paradies.

Anna Maria Steiner

Im OriginalTON

Marina Mosquerk  | Foto: Steiner


Marina Mosquerk ist seit neun Jahren Sozialarbeiterin der Fundación Madre Herlinda Moises (FMHM) in Armenvierteln in Kolumbien.

Frühe Gefährdung
Anna M. Steiner: Frau Mosquerk, Sie arbeiten im Armutsviertel einer 19.000-Einwohner-Gemeinde im Norden Kolumbiens. Wie wachsen Kinder hier auf?
Marina Mosquerk: Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind in Gefahr, in Prostitution oder Drogenhandel abzurutschen, oft schon ab einem Alter von zehn Jahren. Wird ein junges Mädchen schwanger, übergibt es ihr Kind oft anderen, um Geld verdienen zu können. Statistiken zeigen, dass zurückgelassene Kinder oft vernachlässigt werden und später selbst früh Eltern werden.

Steiner: Als Sozialarbeiterin bei der FMHM setzen Sie quasi das Werk von Sr. Herlinde Moises fort. Was hat die Arbeit der vergangenen Jahre verändert?
Mosquerk: ... viel für die Kinder und späteren Erwachsenen in Passacaballos. In den 1980er-Jahren gab es hier jährlich nur zehn Absolventen mit Matura. Heute gibt es 180 Abschlüsse im Jahr. Vor 60 Jahren war Bildung hier kaum institutionalisiert. Jetzt gibt es Kindergärten, Unterricht in den ersten fünf Schulstufen und damit eine komplette Grundschulbildung. Im Anschluss daran können die SchülerInnen das Gymnasium im Nachbardorf besuchen.

Steiner: Was ist vorrangig in Ihrer Arbeit?
Mosquerk: Vieles – vor allem aber die Zusammenarbeit mit den Eltern. Denn erst, wenn sie die Bedeutung von Bildung erkennen, können wir die Kinder zum Schulbesuch motivieren. Statistiken zeigen, dass Mädchen mit Schulabschluss nicht so früh Mütter werden.

Bildung bedeutet Zukunft. Die FMHM unterstützt mit Essen und Schulbildung. | Foto: Steiner
  • Bildung bedeutet Zukunft. Die FMHM unterstützt mit Essen und Schulbildung.
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Hilfe aus den Alpen

Sr. Maria Herlinde Moises (1928–2006) brach vor über 70 Jahren von Österreich nach Kolumbien auf. Ihren Kampf gegen die Armut führen Organisationen fort.

Foto: Sei So Frei/FMHM

Als Missionarin mit einem Schiff kommt die als Maria Moises in Bad Hofgastein geborene Bauerntochter 1952 nach Kolumbien. Bald schon beginnt Schwester Herlinde an der Karibik-Küste in Cartagena mit Bildung und medizinischer Versorgung. In den verarmten Fluss-Dörfern und Slums hilft sie den Ärmsten – u. a. mit Unterstützung von Sei So Frei, der entwicklungspolitischen Organisation der Katholischen Männerbewegung (KMB).

Foto: Sei so frei

„Furchtlos und willensstark“ – so beschreiben Wegbegleiter wie Helmut Dachs oder Reinhold Oster (kl. Bild links oben) die Franziskanerin. Mit der landlosen Bevölkerung besetzt Sr. Herlinde brach liegendes Land von Großgrundbesitzern und Banken, wird dafür verhaftet, gefoltert und zeitweise aus Kolumbien ausgewiesen. Im nach ihr benannten Slum gilt „Madre Herlinda“ als Heilige. 1982 erhält sie den Oscar-Romero-Preis der KMB.

So können Sie helfen!
Mit einer Spende an Sei So Frei, der entwicklungspolitischen Organisation der Katholischen Männerbewegung Österreich, unterstützen Sie die Projekte von Sr. Herlinde Moises in Kolumbien.
IBAN: AT24 2011 1842 3156 7401 oder
online unter seisofrei.at/spenden.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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