Thema
Zeit der Hinwendung
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Islam und Christentum starten heuer zeitgleich in die Fastenzeit. Von Sinn, Praxis und Gemeinsames erzählen eine islamische Religionspädagogin und ein katholischer Theologe aus Graz.
Perspektiven
Mevlida Mešanović ist Professorin für Religionspädagogik an der Privaten Pädagogischen Hochschule (PPH) Augustinum in Graz. Fasten bedeutet für sie auch, „sich selbst zurückzunehmen, um den Blick für andere zu schärfen – insbesondere für jene, die am Rand stehen“.
Mit dem Monat Ramadan – dem neunten Monat im islamischen Kalender – beginnt die wichtigste Fastenzeit des muslimischen Jahres. Fasten ist eine der fünf Säulen, auf denen der Islam aufbaut. Es bedeutet den Verzicht von Essen, Trinken und Intimität – von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Gebet, das Lesen des Qur’an (Koran) und das Teilen gehören ebenso zum Ramadan wie die Disziplinierung der eigenen Bedürfnisse. Fasten erfordert im Islam aber nicht nur körperliche Praxis, sondern auch Einübung in Selbstdisziplin und Mitgefühl.
Gemeinsamer Kern. Fasten meint nicht, sich selbst zu quälen, weder im Christentum noch im Islam. Trotz unterschiedlicher theologischer Begründungen verbindet beide Fastenzeiten ein gemeinsamer Kern: das Innehalten, die Auseinandersetzung mit mir selbst, mit Gott und Mitmensch und die Frage, was im Leben wirklich trägt.
Verzicht als Gewinn. Aus muslimischer Perspektive ist der Ramadan nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern vor allem eine Zeit der Barmherzigkeit, der Achtsamkeit und der Hinwendung zu Gott. Was die ethische Dimension des Ramadan betrifft, so stehen Geduld, Konfliktvermeidung und das Verzeihen im Zentrum, sowie das Teilen mit Bedürftigen.
Chance. Das zeitliche Zusammenfallen von Ramadan und christlicher Fastenzeit stellt pädagogisch und gesellschaftlich eine große Chance dar. Muslimische und christliche Gläubige können voneinander lernen, dass religiöse Praxis unterschiedlich gelebt wird, jedoch von ähnlichen Grundfragen getragen ist: Wie übernehmen wir Verantwortung? Wie gehen wir um mit Verzicht? Wie stärken wir Mitgefühl, Solidarität und Gemeinschaft? Und: Was ist mir persönlich wirklich wichtig?
Wolfgang Weirer leitet das Institut für Religionspädagogik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Graz. Sein gemeinsam mit Mevlida Mešanović durchgeführtes Forschungsprojekt „Teamteaching“ (2021–2024) zeigt, wie religionsübergreifender Schulunterricht funktionieren kann.
Christinnen und Christen starten am Aschermittwoch in die Fastenzeit. Anders als der Fastenmonat Ramadan steht diese Zeit aber nicht für sich alleine. Sie ist gedacht als vorösterliche Buße, also als Vorbereitungszeit auf Ostern als dem Fest der Auferstehung Jesu Christi.
Vom Ich zum Wir. Beim Fasten geht es nicht darum, Regeln um ihrer selbst willen zu befolgen, sondern vielmehr darum, durch freiwilligen Verzicht mehr Freiheit zu gewinnen: frei zu werden für das Verhältnis zu mir selbst, für die Hinwendung zu Gott und für den Blick auf meinen Nächsten. Hier können ChristInnen von MuslimInnen lernen – etwa vom Gemeinschaftssinn beim täglichen Fastenbrechen beim Sonnenuntergang, zu dem auch immer wieder Nicht-MuslimInnen eingeladen werden. Was ich schön finde ist, dass Fasten im Islam ganz klar mit der Hilfe für Notleidende verbunden ist.
Im Gegensatz zu den Fastenvorgaben im Islam entscheiden ChristInnen mittlerweile stärker individuell, ob sie auf Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten ... verzichten oder z. B. die Bildschirm-Zeit am Handy reduzieren wollen. Gleichzeitig bietet Fasten ChristInnen die Chance, ein neues Körperbewusstsein zu entwickeln – gerade nach vielen Jahrhunderten der Leibfeindlichkeit in der Kirche.
Respekt und Lernen. In unserem dreijährigen Forschungsprojekt zum gemeinsamen Religionsunterricht haben Mevlida und ich gesehen: Das Wichtigste für junge ChristInnen und MuslimInnen ist gegenseitiger Respekt. Das bedeutet, auch über das Fasten in anderen Religionen Bescheid zu wissen. Was uns gemeinsam ist: Fasten dient dazu, sich freizumachen von Ballast, um den Blick auf sich zu richten, auf Gott und auf unsere Mitmenschen.
Redaktion: A. M. Steiner
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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