Tirol | TIROLER Sonntag - Kommentare & Blogs

Beiträge zur Rubrik Kommentare & Blogs

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Ausruhen

In meiner Heimat läuteten samstags um 15 Uhr die Glocken: der Sonntag wurde eingeläutet. Signal, es gut sein zu lassen mit der Arbeit. Bis um 15 Uhr herrschte hektisches Treiben. Auf dem Dorf schaut ja doch ein jeder, ob der Hof gekehrt, der Rasen gemäht und das Haus geputzt ist. Für den Sonntag sollte alles blitzblank sein. Die Sonntagsruhe musste man sich erst verdienen. Mit dem Urlaub ist es auch oft so. Eingeläutet wird er nicht von Kirchenglocken, sondern von Aufgaben, die noch zu...

  • 27.07.26

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Lobgesang des Gehirns

„Frag’sch einfach ChatGPT“, gibt ein Volksschüler dem anderen als Tipp, als diesem nichts für den Aufsatz einfällt. Jetzt nimmt sich der Papst der Sache an. Fällt es Ihnen auch auf? (Scheinbar) elaboriert klingende Texte schießen wie Schwammerln aus dem Boden. (Scheinbar) aufwändig gestaltete Plakate für jedes noch so kleine Event ebenso. Künstliche Intelligenz (KI) ist allgegenwärtig. Einfach einen „Prompt“ (Aufforderung) eingeben und zack, fertig. Hinterfragt wird wenig, solange es „schön“...

  • 15.06.26

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Da ist was dahinter

Kennen Sie die Geschichte von der Maus Frederick von Leo Lionni? Ich denke an sie, wenn ich gefragt werde: „Du bist noch in der Kirche? Glaubst du das – echt?“ Frederick ist ein Außenseiter unter den Mäusen. Während alle anderen emsig beschäftigt sind, zu ernten und Vorräte für den Winter anzulegen, sitzt Frederick da. Er sammle Sonnenstrahlen, antwortet er, wenn er von den anderen für seine Untätigkeit kritisiert wird. Oder er sammle Farben. Oder Wörter. Als der Winter dann länger als gedacht...

  • 19.02.26

Kommentar von Gilbert Rosenkranz
Gott nicht klein denken!

Eine der Versuchungen besteht darin, Gott zu klein zu denken. Zu klein in seinen Möglichkeiten, in dem, was er ist und damit auch in dem, was er für uns ist und sein kann. Aus einem „Großen Gott“, den wir besingen, wird mitunter ein Gartenzwerg. So klein geschrumpft machen wir mit ihm, was wir wollen. Wir missbrauchen ihn zum Behübschen, zum Schmücken und Verzieren, führen ihn im Mund ganz nach unserem Belieben. Und versehen unsere Handlungen nach Herzenslust mit dem Etikett „Gott“. Der...

  • 15.01.26

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Zum eigenen Profil stehen

Das Christentum ist ohne Bücher kaum denkbar. Und doch hat es christliche Literatur zunehmend schwerer. „Wir wollen uns öffnen“, erklärt mir die Buchhändlerin auf meine Frage, warum man die theologische Literatur in den kleineren, hinteren Raum verfrachtet habe. Im vorderen Bereich der Dombuchhandlung einer großen deutschen Stadt gibt es jetzt Krimis, Kochbücher und Ratgeber. In Deutschland hat in den letzten fünf Jahren ein Viertel aller Buchhandlungen geschlossen. Die Entwicklung in...

  • 05.12.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Die leisen Töne

Das Hören auf die leisen Töne des Menschseins ist eine Kunst und eine Gnade. Und es ist in höchster Gefahr. Er sitzt oft still auf dem Balkon und lauscht: auf das Rauschen der Bäume, auf entfernte Stimmen, vor allem aber auf das Vogelgezwitscher. Manchmal kommen ihm dabei vor Freude die Tränen. Denn das Singen der Vögel hat er fast 40 Jahre lang nicht mehr gehört. Seitdem er auf beiden Seiten Hörimplantate trägt, hat sich ihm eine neue Welt eröffnet, der er dankbar und ergriffen lauscht. Meinen...

  • 05.12.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Eine Ruine als Fundament

Ein Bild geht mir in diesen Tagen nicht aus dem Kopf: Das der völlig verfallenen „Saint Mary of the Assumption Church“ in einem Vorort von Chicago. Es ist jene Pfarrkirche, in der Robert Francis Prevost, der heutige Papst Leo XIV., aufgewachsen ist. In den 1950er und 60er Jahren blühte dort das pfarrliche Leben, die ganze Familie war engagiert: die Mutter im Kirchenchor und als Katechetin, der Vater als Mesner, Robert und seine Brüder als Ministranten. Heute ist die Pfarrkirche verfallen. Ein...

  • 22.09.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Voll der Gnade

„Longevity“ heißt der neue Gesundheitstrend: Das Streben nach einem möglichst langen und gesunden Leben, das allerhand Maßnahmen erfordert. An sich ist das Streben nach Gesundheit und einem langen Leben ja etwas Gutes. Ich frage mich nur: In was für einer Welt soll dieses lange perfekte Leben dann stattfinden? In einer Welt, in der anderswo die Menschen elendig an Hunger zugrunde gehen, in der die Luft zum Atmen nicht mehr reicht, ganz zu schweigen vom Wasser? In einer Welt, in der auch bei uns...

  • 06.08.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Aber...

Am Anfang war das... Aber. Das große Aber. „Aber“, so lernte ich einmal in einem Schreibseminar, löscht alles davor Gesagte aus. Es ist wie ein Radiergummi. „Ich liebe dich, aber...“: So macht man keine Liebeserklärung. „Eine gute Idee, aber...“: So erstickt man Motivation im Keim. „Der Urlaub war schön, aber...“: So löscht man Erinnerungen. Ein „Aber“ lässt sich immer finden. Es ist die bequemste Art, zu argumentieren, sich zu Wort zu melden, wenn einem nichts einfällt, außer zu widersprechen....

  • 24.06.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Wahre Stärke

„Notte serena per Papa Francesco“: Der Papst hat eine gute Nacht verbracht – mit dieser Meldung starte ich in den Tag, seit der Papst im Krankenhaus liegt. Denn noch immer ist die erste Meldung der Nachrichten des italienischen Internet-Radiosenders, den ich morgens gern höre, wie es dem Papst geht. In den letzten Wochen, die von politischem Säbelrasseln und weltweiter Unsicherheit geprägt waren, hat wohl nicht nur mich der Gesundheitszustand des Papstes, jenes Mahners für Frieden,...

  • 23.05.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Den Mund aufmachen

Der Jahresbeginn 2025: In Österreich scheitern die Regierungsverhandlungen. Erstmals scheint es möglich, dass ein FPÖ-Politiker Kanzler wird. Donald Trump streckt die Hand nach Grönland aus. Russland meldet weitere Siege über die Ukraine. Ein Tech-Milliardär, der seine Kinder nach Flugzeugen benennt, pusht Politiker seiner Gesinnung. Hugh Grant sagt in der „Furche“ über die Geburt Jesu: „Diese Geschichte kaufe ich denen nicht ab.“ Diese Geschichte gibt es auch nicht zu kaufen. Zur Erinnerung:...

  • 27.01.25

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Reiß die Himmel auf

Jetzt im Herbst dauert es – auch in sonnenverwöhnten Gegenden wie Tirol – manchmal ganz schön lange, bis sich die Sonne durch die Nebelschwaden kämpft, manchmal wird es Mittag. Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in der wochenlanger Hochnebel im Winter selbstverständlich war. Lange Staus am Wochenende Richtung Sonne waren eine der Folgen, deprimierte graue Gesichter unter der Woche eine andere. Wenn es hier in Tirol mittags aufreißt, der fetzblaue Himmel und die angezuckerten Bergspitzen zum...

  • 28.11.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Wessen Wille geschehe...

Wahlen stehen vor der Tür und die Straßenränder sind mit Plakaten gepflastert. Der Ton ist rau. Bei manchen Ansagen und Werbespots wird mir angst und bang. Die Welt in schwarz und weiß zu zeichnen, die Guten hier, die Bösen da, die Anständigen hier, die Sündenböcke da, die Regierung hier, das Volk da: Das ist sehr einfach. Mit wenigen Strichen lässt sich so ein tolles Panorama skizzieren und das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Was fehlt, sind Nuancen, Schattierungen, Details. All das,...

  • 19.09.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Aufhören können

Viele haben darauf gewartet, aber schließlich kam Joe Bidens Rückzug als Präsidentschaftskanidat der Vereinigten Staaten doch überraschend. Anfangen ist leicht: Pläne machen und an die große Glocke hängen, das Blaue vom Himmel versprechen, voll Elan durchstarten – in Politik und Kirche wie im Privaten. Aufhören dagegen ist schwer: Feststellen, dass ein Projekt nicht mehr zeitgemäß ist, mehr Kosten als Nutzen verursacht, kaum Interessent:innen findet. Das Scheitern einer Beziehung ehrlich...

  • 25.07.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Pflanzen und Roden

Ruhig ist es geworden im Klostergarten. Früher lebte hier eine Schar Laufenten und eine Hasenfamilie. „Scheidungshasen“ manchmal – denn es hatte sich herumgesprochen, dass es Tieren im Klostergarten gut geht. Seit es nur noch eine Gärtnerin gibt, ist es mit den Tieren zu viel geworden. „Ich bin immer noch sehr glücklich hier“, sagt sie, als sie mich durch den Garten führt. Es ist auch immer noch viel Arbeit. Ihren Händen sieht man sie an, dem jung gebliebenen Gesicht nicht. Wir kommen zu den...

  • 28.05.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
FOMO im Mai

„Fear of missing out“ – kurz FOMO: ein Jugendwort für die Angst, etwas zu verpassen. Vom Jungpflanzenmarkt bis zum Festgottesdienst, der Muttertags-Grillerei über Kindergeburtstage, kulturelle und sportliche Veranstaltungen aller Art bis hin zum Kurztrip über die vermeintlich angenehmen langen Wochenenden: Im Mai platzen nicht nur die letzten Knospen auf, sondern bei den meisten auch die Terminkalender aus allen Nähten. Was eigentlich Freizeit, Erholung, Feiertag sein soll, verkommt zum...

  • 28.05.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Seid Menschen

Margot Friedländer war zwölf, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Sie überlebte das KZ Theresienstadt, verlor aber ihre gesamte Familie. Kein einziger Angehöriger überlebte. Außer Margot. Nach dem Krieg wanderte sie mit ihrem Mann, ebenfalls einem Holocaust-Überlebenden, in die USA aus und arbeitete u.a. als Änderungsschneiderin. Spät im Leben besuchte sie einen Kurs über biographisches Schreiben, erzählte einem Filmemacher ihre Geschichte, ging an Schulen. 2010, im Alter von 89...

  • 05.02.24

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Vom Gift des Vergleichens

Sich mit anderen zu vergleichen und so den Selbstwert aufzupolieren, bereitet viel Unglück. „Warum sitzt du noch auf diesem Baby-Kindersitz, ich hab‘ schon einen für Große!“, sagt das eine Kind zum anderen. „Warum fahrt ihr nicht mal weiter weg? Wir waren gerade in Brasilien“, sagt die eine Frau zur anderen. „Warum spendet ihr für Leute in Afrika, vor der eigenen Haustür gibt es doch genug Not!“, sagt der eine Kirchenbesucher zum anderen. „Ich verstehe die anderen Leute nicht, so schwer kann es...

  • 10.11.23

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Gott schläft nicht

Dunkelheit gehört zum Leben wie die Nacht zum Tag. So weit, so banal. Wir können sie nicht vermeiden – aber wir können lernen, anders mit ihr umzugehen. Die „dunkle Nacht der Seele“ haben viele Mystiker:innen als Fortschritt im geistlichen Leben erfahren, Antoine de Saint-Exupéry lobte sie als „selbstverständliche Zugabe zum Leben, durch die wir wachsen und reifen.“ Christ:innen glauben, dass Gott uns im Leid ganz nah ist. Doch wenn sich Dunkelheit im Leben ausbreitet, helfen diese Weisheiten...

  • 01.06.23

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Rollentausch

Über „die“ Rolle „der“ Frau in „der“ Kirche reden? Die vielen Singulare machen mich unruhig – weil sie eine Eindeutigkeit vorgaukeln, die es nicht gibt. Gedankenexperiment: Eine Veranstaltung zum Thema „Die Rolle des Mannes in der Kirche“, hauptsächlich von Männern besucht, Frauen sind in der Minderheit, weil es sie kaum betrifft. Die Vorstellung ist absurd. Männer haben in der Kirche nämlich, solange sie zölibatär leben, alle Möglichkeiten. Frauen nicht. Und daher sind Diskussionen über „die...

  • 12.05.23

Kommentar
Herzwärts leben

„Gott will nicht unsere Grübeleien, er will unser Herz“: Dieser Satz des Theologen Ladislaus Boros begleitet mich seit vielen Jahren. Er ist mir so wichtig, dass ich manchmal denke , er ist mein „zweites Credo“. Denn er hilft mir glauben, dass Gott uns so geträumt hat, dass wir nicht rein aus dem Kopf leben und Regeln einhalten. Nein, ich glaube, er hat uns als lebendige Menschen geträumt, die aus dem Herzen leben. Die sich selbst spüren, sensibel wahrnehmen, was ihnen und anderen guttut. Deren...

  • 22.03.23

Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Trotzdem

Die Nachrichten sind an manchen Tagen unerträglich. Abschalten, mich abschotten, ist für mich keine Alternative. Einen Psalm dagegen zu halten, schon. Eigentlich hatte ich diesen Kommentar zu einer wissenschaftlichen Hypothese geschrieben, wonach der Erdkern in regelmäßigen Abständen seine Rotationsrichtung wechsle – und welche Konsequenzen das für uns hat (Veränderung der Tagesdauer um Millisekunden). Schließen wollte ich mit einem Zitat aus Psalm 90: „O Herr, du warst uns Wohnung. Ehe geboren...

  • 09.02.23

Randnotiz von Lydia Kaltenhauser
Einfach nett zueinander sein

„Mein Sohn fragt mich oft: Bin ich Afghane? Iraner? Österreicher? Ich kann ihm keine Antwort darauf geben, ich weiß ja selbst oft nicht, wohin ich gehöre.“ Die Worte von Leila Aminpur (s. Porträt hier) machen betroffen. Menschen, die ihre Heimat verlieren, verlieren auch ein Stück ihrer Identität. Es sind nicht „Flüchtlinge“, die zu uns kommen, sondern Menschen mit ihrer Geschichte, so wie wir. „Einfach nett zueinander sein, das ist das Wichtigste“, sagt Leila, nach ihrer Kraftquelle gefragt....

  • 03.11.22

Schlusspunkt von Józef Niewiadomski
Auferweckung der Toten

„Glaubst du, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Glaubst du, dass du selbst auferweckt werden wirst? Wie Jesus?“ Diese Fragen stellt der heutige Mensch. Auch an mich persönlich. Warum dieser Einstieg? Vieles in der Kirche gleicht der Situation von damals. Die Tempelaristokratie war um Systemrelevanz der organisierten Religion besorgt: um die Finanzierung, um caritative Arbeit, um das Image in der Öffentlichkeit. Diese Sorge verdeckte den Verantwortlichen damals und sie verdeckt oft auch heute...

  • 12.04.22

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