Schlusspunkt von Józef Niewiadomski
Im kleinen Nest

Gut sechzig Jahre sind es her. Im kleinen Nest bereitete der Kaplan das Krippenspiel vor. Er verteilte die Rollen, gab Texte zum Auswendiglernen und schärfte ein, man solle sich um Geschenke kümmern: von einer Stange Schafskäse bis hin zum lebendigen Huhn sollte die Palette der Mitbringsel reichen. Da ich einer der kleinsten Buben war, fiel mir die Rolle des Waisenjungen zu. In schäbigen Kleidern sollte ich ein Lied anstimmen. Mit krächzender Stimme angestimmt, sollte es die Hirten im Stall zum schallenden Gelächter animieren. Ich fing zu singen an. ‚Hör doch auf! Das Kind kriegt einen Schock bei diesem Gekreische!“, rüffelte Josef den kleinen Jozef. In Tränen aufgelöst stand ich da. Ein Niemand. Ein Nichtsnutz. Einer, der sich schämt, dass er lebt. Ein Gossenkind sozusagen. Maria sorgte für den Höhepunkt. Sie nahm die Figur des Jesukindes aus der Krippe und legte sie mir in die Arme. Das von den großköpfigen Haberern, von den Mächtigen zur Seite gedrängte Waisenkind, das nichts geschenkt hat – außer seiner komplexbeladenen, schlichten Anwesenheit, außer seinen erstickten Tränen und auch der Wut auf die anderen, auf jene, die glänzen – dieses Kind stieg aus dem Spiel als der eigentliche Gewinner aus. Es hat die Logik der Menschwerdung Gottes am eigenen Leibe erfahren.
Gesegnete Weihnachten!

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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