Ruth Zenkert

Beiträge zum Thema Ruth Zenkert

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Mutworte - Ruth Zenkert
Die Vielfalt der Vögel

Ein schwarzer Rabe sitzt auf meinem Schreibtisch und schaut mir bei der Arbeit zu. Er ist aus Holz geschnitzt von meinem Vater. Beim Vogelhaus in seinem Garten flogen viele Vögel ein und aus, meine Eltern kannten jeden einzelnen. Rotkehlchen, Meisen, Finken, Amseln, Schwalben, Tauben, freche Spatzen und die großen Elstern. Es war eine lebendige Freundschaft. Dann begann mein Vater, Vögel zu schnitzen. Einige dieser bunten Exemplare sitzen jetzt bei mir. Allen voran der Rabe, unser Vereinslogo....

  • 30.06.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Raum zum Überleben

Der Regen hat die Mauer aus Lehm unterspült, lange steht sie nicht mehr. Vom Wellblech-Dach tropft es auf den Boden – blanke Erde. Alles, es ist nicht viel, ist feucht. Antonica haust hier mit ihrem neunjährigen Mädchen. Maria ist das Einzige, was ihr geblieben ist. Der Mann hat sie verlassen, Verwandte und Freunde gibt es nicht. An Maria klammert sie sich fest, ihr darf nichts passieren. Sie lässt sie nicht in die Schule gehen, weil die anderen Kinder ihr etwas antun könnten. Eine Allergie...

  • 09.06.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Der dritte Mann

Ein beißender Geruch und Rascheln in allen Ecken waren eindeutige Anzeichen: zu viele Mäuse im Kornlager. Der junge Mann zuckte die Schultern; da könne man nichts dagegen tun. Dann wurde der Traktor kaputt, nicht richtig gewartet.Die Planung für die Feldbestellung passte nicht, zu viel Mais, zu wenig Heu. Die Hühner wurden krank und mussten schnell geschlachtet werden. Es war zu viel, was danebenging. Wir trennten uns. Der nächste Kandidat zeichnete sich durch Einsatzbereitschaft aus. Aber er...

  • 26.05.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Die Sprache der Liebe

Mit Sonnenaufgang weckte mich jeden Morgen um fünf Uhr das Läuten einer Kuhglocke. Eines Tages schaute ich aus dem Fenster und sah im Garten nebenan die alte Nachbarin auf und ab gehen, die Glocke in der Hand. „Ist das ein orthodoxes Morgengebet?“, fragte ich sie. „Gegen die frechen Spatzen, die mir die Samen aus der Erde picken!“, rief sie zurück. Alt und gebückt, kann sie keine großen Sprünge mehr machen, auch ihr erwachsener Sohn hat eine körperliche Beeinträchtigung – er hinkt – und kann...

  • 28.04.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Das Gewand des Gerechten

Lange Zeit hatte Adi ein Arbeitsgewand im Kofferraum. „Ich gebe zu, in den ersten Wochen habe ich mich im Auto umgezogen und desinfiziert. Meine Frau hatte Angst, dass ich Läuse mitbringe oder ein Floh unserem Baby Krankheiten bringt.“ Es war schwer für Adi, als er sich entschloss, an unserer Musikschule zu unterrichten. Seine Kollegen lachten, als sie hörten, er wolle „Zigeunern“ Saxophonspielen beibringen. In Sibiu, Brasov, Cluj, bis nach Bukarest suchten wir Lehrer. Das Gehalt war hoch,...

  • 14.04.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Gerechtigkeit gewinnt

„Sag Sebi zu mir!“, sagte der neugewählte Bürgermeister, während er sich Gummistiefel anzog. Dann gingen wir zum Cartier de Tigani, dem „Zigeuner“-Viertel. Schon beim ersten Haus packte er den Hausvater am Kragen. „Wir haben dir alles gegeben, was du brauchst, ein Haus, Kleidung, Lebensmittel. Wenn du deine Kinder nicht zur Schule schickst, bekommst du Probleme mit mir, mit mir persönlich!“ Sebi, der Bürgermeister, liebt seine Leute, auch die (sogenannten) Zigeuner, obwohl das hier riskant ist....

  • 03.03.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Was klingt im Leben?

In dem dunklen Gang sah ich fast nichts, doch ein Klopfen war zu hören. Den Rhythmus hatte ich am Vortag mit den Kindern einstudiert. Dann entdeckte ich den kleinen Buben in der Ecke; wieder einmal war er aus der Klasse hinausgeschickt worden. Die Lehrerin verzweifelte, weil er nur störte. Als ich bei ihm stand, trommelte er begeistert an die Wand, um mir zu zeigen, wie gut er den Takt schlagen konnte. Was würde wohl aus Dumitru werden? Als wir unsere Musikschule aufbauten, war Dumitru einer...

  • 20.01.21
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Mutworte - Ruth Zenkert
Wer ist fremd?

„In unserer Straße wohnt kein Zigeuner“, rühmten sich die Rumänen in Hosman. Es ist nicht so lange her, dass in dieser Straße auch kein „Rumäne“ wohnen durfte. Denn Holzmengen, wie Hosman auf Deutsch heißt, war in der Hand der Siebenbürger Sachsen. Sie schauten auf „die Rumänen“ herunter. Wenn ein Sachse eine rumänische Freundin hatte, war dies ein Skandal. Inzwischen sind die Sachsen fort, Rumänen wohnen in ihren Häusern. Im letzten Jahr bot ein Sachse sein leerstehendes Haus in der...

  • 02.09.20
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Mutworte - Ruth Zenkert
Ein Zeichen wie der Regenbogen

Das letzte Schuljahr sollte er fertig machen, um einen Abschluss zu haben. Querflöte sollte er lernen, weil er musikalisch hochbegabt ist. Und er wollte den Führerschein machen. Viele begeisterte Gespräche hatten uns zu diesem Arbeitsprogramm für Marius geführt. Er begann alles – und brach es ab. Verstrickte sich in Ausreden und Lügen, am Schluss wurde es ein Schreikonzert, in das auch ich einstimmte. Da fiel mein Blick auf ein Bild, das an meiner Pinnwand hängt, und plötzlich öffnete es mir...

  • 01.07.20
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Mutworte - Ruth Zenkert
Mit Schuld umgehen

Große Freude! Andrea durfte zu uns nach Hosman ziehen. Und Angelica war begeistert, dass sie eine neue Zimmerkollegin hatte. In den ersten Tagen war alles in Ordnung. Das junge Mädchen machte in der Haushaltsschule gut mit, war aufmerksam und wurde gelobt. Da begann es auch schon, ich erkannte es am finsteren Blick Angelicas. „Hätte ich Andrea nicht aufgeweckt, hätte sie heute verschlafen“, meckerte sie. Wir sahen die aufflammende Eifersucht und versuchten Angelica zu besänftigen.Doch wenige...

  • 06.05.20
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Mutworte - Ruth Zenkert
Zwei sind besser als einer allein

Feuerwehr-Übung in der Wohngemeinschaft für behinderte Menschen. Es herrschte große Aufregung. Alle liefen zur Tür und mussten sechs Sprossen auf einer Leiter hinuntersteigen. Tobias war der Letzte. Zitternd stand er vor der kleinen Leiter und rührte sich nicht vom Fleck. Die Erzieher ermutigten ihn: „Komm herunter, das ist nicht schwer.“ Tobias wollte zurück ins Haus. Da kletterte Carolin wieder hinauf, fasste ihn an der Hand und sagte: „Tobi, ich führe dich. Komm, wir wollen doch nachher...

  • 25.03.20
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Mutworte - Ruth Zenkert
Wo drücke ich mich vor der Entscheidung?

Die Schlitten und die Jause waren ins Auto gepackt, nun war alles fertig für den Ausflug. Die fröhlichen Kinder warteten vor dem Sozialzentrum mit Lidia, der Leiterin. Und da sah ich unter den Kindern Bogdan. Ich nahm Lidia zur Seite und fragte, warum er hier sei. Jeder wusste, dass er bei Nachbarn eingebrochen war und gestohlen hatte. Außerdem hatte er oft in der Schule gefehlt. Lidia schaute mich an wie ein scheues Reh. „Es war so schwer für mich, Nein zu sagen. Ich will nicht die Böse sein,...

  • 25.03.20
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