Rom: Stadt der Wunder | Teil 9
Immer so, wie Gott es will

„Kirchen, auf deren Vorplatz Streunende in Rom vornehmlich lagern, können ihnen kein Dach bieten, vielleicht aber einen gedanklichen Schutz, denn es wird kein Zufall sein, dass sich die Herumstreunenden stets um die Gotteshäuser versammeln“, so Eva Sichelschmidt, die in Rom lebende Autorin. | Foto: stock.adobe.com
  • „Kirchen, auf deren Vorplatz Streunende in Rom vornehmlich lagern, können ihnen kein Dach bieten, vielleicht aber einen gedanklichen Schutz, denn es wird kein Zufall sein, dass sich die Herumstreunenden stets um die Gotteshäuser versammeln“, so Eva Sichelschmidt, die in Rom lebende Autorin.
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Wohnungslos in der Ewigen Stadt

Auch das gehört zur römischen Realität: dass man überall auf wohnungslose Menschen trifft. Wobei viele von ihnen tatsächlich gar keine Sesshaftigkeit anzustreben scheinen. Heute hier, morgen dort …

Johannes der Täufer war bis vor Kurzem beinahe täglich im Supermarkt Pam an der Chiesa Nuova anzutreffen. Er kann nirgendwo lange inkognito bleiben, man erkennt ihn sofort, nicht nur am Zottellook und dem Hirtenstock. Leider war er in keiner guten Verfassung. Die spärliche Langhaarfrisur war ungut verklebt und das zerfetzte Gewand entblößte den abgemagerten Körper mehr, als dass es ihn verdeckte. Seine Haut war dreckverkrustet. Es wirkte, als wäre er von dunklen Algen bewachsen. Im vergangenen Herbst musste er barfuß – er war es noch immer – die Alpen überquert haben, denn ich kannte ihn noch aus Berlin. Dort wohnte er eine Weile am Ende eines U-Bahn-Schachts am Hermannplatz. Wenn ich ihn nun im historischen Stadtzentrum beim Einkaufen traf, fröstelte ich. Rom kann sehr kalt sein, auch im Frühling.

Landstreicher, nicht Wohnungslose
Bei Tagesanbruch ist es nicht nur die Temperatur, die einem auf den Straßen Roms eine Gänsehaut bereitet, sondern auch der Anblick touristischer Verwüstung und menschlichen Elends.
Ganz besonders die schmale Via del Governo Vecchio wirkte um fünf Uhr wie die Filmkulisse zu „Bladerunner“. In der Ferne konnte man schon die kleinen LKW der Müllabfuhr hören, die anrückten, um die von Möwen aufgefetzten Müllbeutel, die Pizzahälften, Kotelettknochen und Fäkalien zu beseitigen. Diejenigen, die zusammengerollt in ihren Schlafsäcken in den Nischen der Kirchen, unter Baugerüsten und Supermarkteingängen schliefen, würden in Kürze mit rotierenden Bürsten verjagt werden, wie die Tauben, Mäuse und Ratten. Die obdachlosen Menschen versammelten sich dann wieder auf den Stufen der Kirche des heiligen Filippo Neri, wo sie die Nacht unter grölenden Gesängen oder lärmendem Streit beendet hatten. Und so wie der letzte Tag ausgeklungen war, würden sie auch den neuen wieder beginnen, mit ein paar Tetrapack Rotwein, sobald der Supermarkt um acht Uhr wieder seine Pforte öffnete. Die Kirche, auf deren Vorplatz sie vornehmlich lagern, kann ihnen kein Dach bieten, wohl aber einen imaginären Schutz, denn es wird kein Zufall sein, dass sich die Herumstreunenden stets um die Gotteshäuser versammeln.
Mehr Menschlichkeit täte Not
Obdachlose soll man inzwischen Wohnungslose nennen, doch beide Bezeichnungen treffen auf die „Barbone“ (ital.: bärtige Männer) im historischen Stadtzentrum von Rom nicht zu. Im Gegensatz zu den Gestrandeten, die in dem labyrinthartigen Tunnelsystem am Bahnhof Termini vegetieren, stammen sie nicht aus dem Globalen Süden und sind auch nicht Opfer harter Drogen. Sie sind in klassischer Weise Landstreicher. Fast ausschließlich männlich, fast immer betrunken, leicht verdreckt und tagsüber friedlich. Nie betteln sie aggressiv, verlassen sich eher entspannt auf Almosen. Nachts jedoch können sie im Vollsuff erschreckend grausam werden, sich mit Schnapsflaschen blutig zurichten und auf ihre Hunde einschlagen. Beim Anblick der nächtlichen Kämpfe fühle ich mich manchmal ins finstre Mittelalter versetzt, die zerschlagenen Visagen verfolgen mich bis in die Träume. Dann liege ich wach und grüble. Kann man diesen Menschen nicht helfen? Also richtig, nicht nur mit einer Tasse dünnem Kaffee an der Chiesa Santi Silvestro e Martino oder den drei öffentlichen Duschen am Petersplatz, die sich die Straßenmenschen mit einer Mehrzahl an Pilgern teilen müssen.
Manchmal würde ich mir nur noch etwas mehr Menschlichkeit wünschen. „Buon coraggio“, hörte ich neulich einen römischen Signore im eleganten blauen Zwirn zu einem Bettler sagen, den er, ganz Realist, nicht nur mit guten Wünschen, sondern auch mit einer Flasche Wein, einem belegten Brötchen und einem Päckchen Tabak versorgte.

Auf gepacktem Koffer
Ich habe in Rom einen alten Bekannten. Wir kennen uns nicht gut, aber immerhin grüßen wir uns, seit über zehn Jahren. Der kleine bärtige Mann sitzt am Esquilino, vor einer eher unbedeutenden Kirche auf seinem Rollkoffer. Er kann, das habe ich gesehen, wie der heilige Franziskus mit den Vögeln reden. Ich glaube, er ist ein guter Mensch. Der freundliche Mann ist von Montag bis Freitag von Sonnenaufgang bis zum Mittagsläuten zuverlässig an eben dieser Stelle anzutreffen. Für jeden Cent, den man ihm gibt, bedankt er sich mit einer segnenden Geste. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, sagt er: Sempre come vuole dio. Immer so, wie Gott es will.

Eva Sichelschmidt
◉ Erstmals veröffentlicht auf: communio.de

Eva Sichelschmidt lebt als Schriftstellerin in Rom und Berlin. Seit 1997 ist sie Inhaberin des Berliner Geschäfts „Whisky & Cigars“. Zuletzt erschien ihr Roman „Transitmaus“ im Rowohlt Verlag.
CC BY-SA 4.0/Amrei-Marie

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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