Mutworte - Ruth Zenkert
Wer Glut haben will
Eines Tages erhielten wir eine unverhoffte Einladung: Zwei Mädchen überbrachten sie von ihrem Chef. Wir würden staunen, wer es sei! Neugierig gingen wir mit. Vor einem Abbruchhaus erschien Mihai, unser gefürchteter „Rocker“. Er beherbergte hier neun Jugendliche, mit denen wir nicht fertiggeworden waren. Er berichtete, dass er morgens alle wecke und jeder eine Aufgabe habe. Sogar ein Abendgebet hatte er eingeführt. Als wir aufbrechen wollten, verriet er sein Anliegen. Jetzt kommt der Preis für den Besuch, dachte ich. Leise fragte Mihai, ob wir ihnen zehn Gebetshefte geben würden. Die Lieder könnten sie auswendig, aber die Psalmen nicht.
Heute, zwanzig Jahre später, ist Mihai in unserem neuen Haus in Bukarest das Herz einer Gemeinschaft von Menschen, die auf der Straße waren. Er brennt für die Ärmsten. „Wer Glut haben will, soll sie nicht auf den Berggipfeln suchen, wo man nur Sturm erntet; er soll sich lieber bücken und sie unter der Asche suchen.“ (Elie Wiesel). So haben wir die kostbare Säule für unser jüngstes Werk gefunden. Einen Menschen wie Abraham, der Gott antwortete: „Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ Eine jüdische Weisheit sagt: Es ist die Art des Feuers, sich in der Asche zu verbergen.
Ruth Zenkert ist Leiterin des Sozialprojektes ELIJAH in Rumänien. Aus: elijah.at/bimail
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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