Kirche Steiermark
Kirchliche Gebäude neu denken
- Das Kirchenschiff der Caritas Wien ist ein Beispiel, wie eine Kirche neu und vielfältig genutzt werden kann, ohne sie als Sakralraum aufzugeben. Unter anderem wird mit beweglichen Möbeln aus dem Kirchenraum kurzfristig ein Kleiderladen mit kostenloser Kleidung für Bedürftige.
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Mehr als Messe. Was tun mit Kirchen und Pfarrhöfen, die kaum genutzt werden? Ideen aus Wien und ganz Europa.
Was tut eine Diözese mit Kirchen, Pfarrhöfen und anderen kirchlichen Gebäuden, die kaum noch genutzt werden? Mitarbeitende der Diözese Graz-Seckau haben sich Ideen geholt: bei einem europäischen Festival in Brüssel und einem Lokalaugenschein in Wien. Ihr Fazit: Es geht nicht zuerst ums Bauen. Es geht um die Menschen.
Zuerst der Mensch, dann das Gebäude
Ein Kirchturm, der die Silhouette eines Dorfes prägt. Ein Pfarrhof, in dem an drei Nachmittagen im Monat Licht brennt. Wer in der Steiermark unterwegs ist, kennt diese Bilder. Dass sie eine europäische Dimension haben, wurde Lena Posch und Sarah Wack im Juni in Brüssel deutlich vor Augen geführt: Die beiden nahmen von 10. bis 12. Juni am Festival des New European Bauhaus (NEB) teil, zu dem die Europäische Kommission heuer zum dritten Mal ArchitektInnen, StadtplanerInnen, ForscherInnen und zivilgesellschaftliche Initiativen aus ganz Europa zusammenbrachte.
Das New European Bauhaus verbindet drei Ziele: Nachhaltigkeit, Inklusion und gute Gestaltung. Das Motto des Festivals lautete „Life. Spaces. Buildings.“ – also: Leben, Räume, Gebäude. Diese Reihenfolge ist Absicht – denn am Anfang steht nicht das Haus, sondern das Leben der Menschen und das, was sie brauchen. Erst danach stellt sich die bauliche Frage: Wie muss ein Raum aussehen, damit er dazu passt?
Für kirchliche Gebäude ist dieser Per-spektivenwechsel bemerkenswert konkret, finden die beiden Mitarbeiterinnen, die beim diözesanen Referat für Förderungen tätig sind. Die Frage laute dann nicht mehr: Was machen wir mit dieser Kirche, diesem Pfarrhof? Sondern: Was fehlt den Menschen hier – ein Ort der Begegnung, ein Raum für Kinderbetreuung, eine Bühne für das kulturelle Leben? Die bauliche Antwort komme danach.
Kirchen und Pfarrhöfe prägen das Ortsbild in vielen Gemeinden. Menschen verbinden Erinnerungen mit den Gebäuden. Gleichzeitig werden manche nur noch selten genutzt. Wer sie öffnet, erhält nicht nur alte Mauern, weiß Lena Posch, die „Nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung“ studiert hat. „Es entstehen neue Räume für Begegnung, für soziale Angebote, für Kultur und für das Leben im Ort“, so Posch.
Ein Besuch im Wiener Kirchenschiff
Wie das konkret gelingen kann, zeigte eine Exkursion, die Anfang Juli vom diözesanen Bereich Seelsorge für Mitarbeitende aus verschiedenen Teilen der Diözese organisiert worden war. Ziel war das Kirchenschiff der Caritas Wien in der Kirche Auferstehung Christi im fünften Wiener Bezirk. Dort bündelt die Caritas viele Angebote für Menschen, die von Armut betroffen sind. Es gibt Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung. Außerdem werden Sozialberatung und Deutschkurse angeboten sowie Schutz bei großer Hitze und Kälte.
Daneben gibt es Platz für Nachbarschaftstreffen: für gemeinschaftliches Kochen, für Initiativen aus dem Grätzel, für Veranstaltungen und Konzerte. Gottesdienst, Gebet, Seelsorge und stille Momente bleiben selbstverständlich Teil des Hauses. Mehr als 20 Projekte füllen das Kirchenschiff mit Leben. Laut Projektwebseite werden damit jede Woche über 500 Menschen erreicht.
- Von Brüssel nach Wien: Sarah Wack (oben, r.) und Lena Posch (l.) vom diözesanen Referat für Förderungen besuchten das New-European-Bauhaus-Festival in Brüssel. Dort stießen sie auf neue Ideen für die Nutzung kirchlicher Gebäude und passende Fördermittel.
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Inspiration für die Steiermark
Bemerkenswert sei vor allem eines, hebt Anton Tauschmann, Leiter des Bereichs Seelsorge in der Diözese Graz-Seckau, hervor: „Die Kirche bleibt eine Kirche. Sie wurde nicht profaniert, also nicht aus dem kirchlichen Gebrauch genommen.“ Der sakrale Raum wurde nicht ersetzt, sondern erweitert. Viele Möbel und Elemente lassen sich verschieben. So könne der Raum je nach Bedarf anders genutzt werden. Das Kirchenschiff zeigt: „Liturgie, Seelsorge, soziale Hilfe und Nachbarschaftsarbeit müssen nicht getrennt gedacht werden“, resümiert
Anton Tauschmann.
Ein Ziel der Exkursion: kirchliche Mitarbeitende zu inspirieren. Was davon könnte man auf die Steiermark übertragen? Es gehe aber nicht darum, das „Wiener Modell“ zu kopieren. Entscheidend sei die Haltung: kirchliche Räume von den Bedürfnissen der Menschen her weiterentwickeln – und zugleich ihre spirituelle Bedeutung bewahren.
Beispiele aus ganz Europa
Beim Festival des New European Bauhaus in Brüssel wurde deutlich: „Was in unseren Pfarren rund um leerstehende Kirchenräume und Pfarrhöfe diskutiert wird, bewegt derzeit ganz Europa“, berichten Sarah Wack und Lena Posch. Auch anderswo entstehen neue Nutzungen. Die frühere St.-Petrus-Kirche im niederländischen Vught ist heute das „Wohnzimmer von Vught“: mit Bibliothek, Museum, Sozialladen, Café und Veranstaltungsflächen. Im vorarlbergischen Sulzberg wurde aus einem lange leerstehenden Pfarrhof ein Dorfhaus mit Bücherei, Pfarrbüro und Begegnungsraum. Weitere Beispiele: eine Buchhandlung in einer ehemaligen Dominikanerkirche in Maastricht, eine Kletterkirche in Mönchengladbach und ein Begegnungszentrum in einer früheren Aufbahrungshalle in Dresden.
Was die Projekte gemeinsam haben: Die künftige Nutzung wird aus dem Bedarf vor Ort entwickelt – nicht am Schreibtisch. Bevölkerung und örtliche Organisationen werden früh eingebunden. Mehrere Nutzungen werden miteinander kombiniert. Es gibt eine klare Trägerschaft und ein Betriebsmodell, das langfristig trägt. Bauliche Eingriffe bleiben behutsam und möglichst flexibel.
Außerdem: Wer bestehende Bausubstanz weiternutze, spare erhebliche Mengen an CO2 – jene „graue Energie“, die in Mauern und Dachstühlen längst stecke. Kirchliche Gebäude seien hier Musterbeispiele: „Sie stehen fast immer im Ortszentrum und sind identitätsstiftend. Eine Revitalisierung statt eines Neubaus am Ortsrand hält das Alltagsleben dort, wo es hingehört – in der Mitte“, so Lena Posch.
Mehr als eine Baufrage
Die Erfahrungen aus Brüssel und Wien machen deutlich: Bei der Zukunft kirchlicher Gebäude geht es um weit mehr als um Mauern, Dächer und Kosten. Es geht um die Frage, welche Rolle Kirche künftig in Dörfern, Städten und Nachbarschaften spielen kann.
Das New European Bauhaus biete dafür einen europäischen Orientierungsrahmen, ist Sarah Wack überzeugt. Und das Kirchenschiff in Wien zeige, wie aus einem vorher wenig genutzten Sakralraum ein lebendiger Ort werden kann, an dem Spiritualität, soziale Verantwortung und Gemeinschaft ganz selbstverständlich zusammengehören.
Katharina Grager
New European Bauhaus
Das New European Bauhaus ist eine Initiative der Europäischen Union. Sie will das Bauen und Gestalten in Europa an drei Werten ausrichten: nachhaltig, inklusiv und schön. Gefördert werden Projekte, die Menschen zusammenbringen und Orte lebenswert machen. Für kirchliche Gebäude bietet der Ansatz eine gute Grundlage – auch bei der Suche nach Fördermitteln.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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