23. Sonntag im Jahreskreis | 7. September 2025
Meditation

Im Orangeland

Wer durch das „Orangeland“ in Graz geht, wird sofort von den warmen, leuchtenden Fassaden empfangen – wie ein Sonnenstreifen zwischen grauen Häuserzeilen. Hinter einer dieser Türen leben Marianne und Myriam – zwei Ordensfrauen aus der Gemeinschaft der Kleine Schwestern Jesu.

„Meistens ist unsere Tür offen“, sagt Kleine Schwester (KS) Marianne lachend. Oft kommen Nachbarinnen vorbei – mit einem Teller Baklava auf einen kurzen Plausch. „Manchmal liegt einfach etwas vor unserer Tür – ein stilles Geschenk, ohne Absender“, berichtet KS Myriam. Das „Orangeland“ ist ein Wohnkomplex mit vorwiegend muslimischen Nachbarn. Für die Kleinen Schwestern ist die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens Teil ihrer Spiritualität. Religion ist dabei nicht Grenze, sondern Brücke. „Wir sind zuerst Nachbarinnen – und begegnen uns als Menschen“, sagt KS Myriam.

Neben ihrem Engagement im Viertel arbeiten die beiden auch „draußen“: Marianne ist ehrenamtlich in einem Caritas-Tageszentrum für Arbeits- und Wohnungslose tätig. Dazu besucht sie Gefangene in der Justizanstalt Graz-Karlau. Sie beschreibt ihre Arbeit als „präsent sein“: zuhören, Zeit teilen, Hoffnung schenken – ohne zu urteilen. „Manchmal ist es schon viel, wenn jemand spürt: Da ist Eine, die mich sieht.“

KS Myriam begleitet im Elisabethinischen Patientenservice vor allem ältere und psychisch belastete Menschen in der geriatrischen Psychiatrie. „Oft ist es das Zuhören, das die größte Wirkung hat – und ein kleines Lächeln.“
Der Alltag der Kleinen Schwestern ist schlicht und im Gebet verankert: Morgengebet, Eucharistie, stille Anbetung. Dazwischen Arbeit, Begegnungen, gemeinsames Essen – und einmal im Monat ein Wochenende in der Stille. Beide entschieden sich für den Orden, weil er kontemplatives Gebet mit einem einfachen Leben unter den Menschen verbindet. Sie wollen durch ihre Präsenz bezeugen, dass Gott es gut mit den Menschen meint. „Wir wollen im ganz gewöhnlichen Alltag einen Ort der Begegnung mit Gott schaffen“, sagt KS Myriam. „Das kann jeder Mensch – wir dürfen es als Kleine Schwestern gemeinsam leben.“ So zeigt sich: Mitten im Leben entsteht ein Ort, an dem Glaube und Menschlichkeit sich berühren – leise, unspektakulär und reich an Tiefe.

Aus dem Podcast „Orden on Air“, #64

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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