Lebensjahr 2008 - Impulse | Teil 01
Rechnereien machen mir Angst

Im Grazer LKH: Hannah Seitz betreut Holocaust-Überlebende.

Wir sitzen gerade am Bett einer Holocaust-Überlebenden, die kurz vor ihrem Lebensende steht. Wie geht es einer Jüdin, wenn sie über das Leben spricht? Fällt Ihnen dabei nicht unweigerlich die Geschichte des jüdischen Volkes ein?
Ja, sehr stark sogar. Meine Überzeugung: Das Leben, das da ist, muss sichergestellt werden, und wir müssen liebevoll damit umgehen. Auch wenn ich Mütter mit Zigaretten in der Hand und schreienden Kindern daneben sehe, werde ich mit einer Ungerechtigkeit konfrontiert, auf die ich keine Antwort weiß

Welche Bedeutung hat das Leben für eine praktizierende Jüdin?
Leben ist für uns Juden nicht nur unantastbar, sondern eine Leihgabe des Ewigen, die man achten muss. Diese Verantwortung für das eigene und fremde Leben kriegt man bei uns mit der Muttermilch mit. Noch etwas erscheint mir wichtig: Nur wer selber sorgsam mit sich umgeht, kann auch sorgsam zu anderen sein.

Durch welche Ansichten zum Thema „Leben“ unterscheidet sich das Judentum von anderen Religionen?
In meiner Religion ist der Wert des Lebens noch stärker ausgeprägt als in allen anderen Religionen. Ein Beispiel: Wir haben 613 Gebote. Alle von ihnen müssen wir brechen, wenn es darum geht, Leben zu retten. Denn bei uns heißt es: Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.

Können Sie konkrete Abweichungen zur christlichen Religion aufzählen?
Der Beginn des Lebens beginnt für uns mit der Einhauchung des Geistes, die erst einige Zeit nach der Verschmelzung von Ei und Samenzelle stattfindet. Das hat beispielsweise Konsequenzen auf die Embryonalforschung.

Wie sieht die Haltung des Judentums zur Embryonalforschung aus?
Wir sehen die Embryonalforschung äußerst positiv. Das Leben, das existiert, hat absolut Vorrang und einen Erstanspruch. Man muss daher alles tun, um dieses zu retten. Du hast nur dieses eine Leben. Deshalb ist es so heilig.

Zum Lebensbeginn: Wie betrachtet man die Zeugung von neuem Leben? Ist Verhütung im Judentum erlaubt?
Geschlechtsverkehr sollte bei uns generell nur im geschützten Rahmen der Ehe stattfinden. In der Realität ist das, wie im Christentum, natürlich anders. Der Geschlechtsverkehr ist aber nicht nur da, um Nachkommen zu zeugen. Generell muss man bei uns solche Fragen selbst mit dem Schöpfer ausmachen. Eigenverantwortung ist etwas Wesentliches, und Lust ist ein Geschenk. Der Mensch ist dem Ewigen niemals näher als im Geschlechtsakt. Nur das Kondom sollte man nicht dafür verwenden, weil der männliche Same nicht verschwendet werden darf.

Zum Lebensende: Wie geht man im Judentum mit Sterben und Tod um?
Wir wollen die Würde des Menschen vom Beginn bis zur Übergabe an die Erde wahren. Auch wenn sich die Seele verabschiedet hat, ist kein respektloser Umgang erlaubt: Der tote Körper sollte so schnell wie möglich begraben werden. Wir wollen nicht zulassen, dass der Leichnam schon auf der Erde in die Verwesung übergeht. Selbst bei Totenwaschungen darf das Schamgefühl nicht verletzt werden: Der Tote darf niemals ganz nackt daliegen.

Wie steht man dann zu Obduktionen?
Uns ist wichtig, dass der Körper, so wie er geschenkt wurde, wieder zur Erde zurückgegeben wird. Unsere toten Körper dürfen daher grundsätzlich nicht obduziert werden. Bei Verbrechen ist eine Obduktion aber erlaubt und auch dann, wenn das Leben eines Angehörigen verbessert oder gerettet werden kann. Denn alles, was dem Leben dient, hat Vorrang.

Das heißt, Juden befürworten auch Organspenden, wenn sie zum Überleben beitragen?
Wir sind sogar verpflichtet, uns eine Schweine-Herzklappe einsetzen zu lassen, wenn sie die beste Art ist, das Überleben zu sichern. Und die menschliche Organspende wird als eine besondere Mitzwe („Aufgabe“) angesehen.

Können Sie einige inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der katholischen Kirche in Sachen „Lebensschutz“ benennen?
Das Lebensthema ist ein wesentlicher An-knüpfungspunkt für interreligiöse Gespräche. Freilich gibt es Differenzen, aber in sozialer Hinsicht treffen wir uns ganz stark.

Im Christentum gibt es päpstliche Enzykliken, die Regeln zum Schutz des Lebens vorgeben. Wonach richtet sich das Judentum?
Im Judentum kann niemand für den anderen sprechen. Wir sind nicht aufgefordert, das zu glauben, wie Autoritäten die Schrift für uns auslegen. Es gibt im Judentum keine Instanz wie den Papst. Bei uns gibt es nur die Schriften in der Thora und im Talmud. Aber deshalb ist unser Umgang mit dem Leben nicht beliebig.

Wo überall beobachten Sie Gefährdungen des Lebens?
Wissenschaftliche Diskussionen zum Leben sehe ich irrsinnig gelassen. „Je weiter die Forschung kommt, desto gläubiger werde ich“, hat Albert Einstein gesagt. Wenn ich aber sehe, wie zynisch manche mit dem Leben spielen, fürchte ich mich. Rechnereien in Bezug auf das Leben machen mir Angst, ebenso Terrorismus und das Zündeln und Herabwürdigen von bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen.

Welche Aspekte fehlen Ihnen in den Diskussionen rund um das Thema „Lebensschutz“?
Ich vermisse die Betonung auf den sorgsamen Umgang mit dem Leben, das schon existiert. Mir geht es kalt den Rücken hinunter, wenn ich Berechnungen höre, wie sehr alte Menschen unsere Gesellschaft belasten würden.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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