Lebensjahr 2008 - Impulse | Teil 03
Für ein neues Lebenskonzept

„Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“ buchstabiert Driss Tabaalite seinen Zuhörern muslimisches Denken auch in arabischer Sprache.
  • „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“ buchstabiert Driss Tabaalite seinen Zuhörern muslimisches Denken auch in arabischer Sprache.
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Sie vertreten die muslimische Bevölkerung im interreligiösen Beirat des Grazer Gemeinderats. Wodurch ist das Leben von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit am meisten gefährdet?
Die Selbstherrlichkeit sehe ich als sehr große Gefährdung. Das heutige Leben ist durch Arroganz und Missachtung des anderen gefährdet. Der Verlust vieler menschlicher Werte zerstört das friedliche Miteinander-Leben. Auch Marktinteressen verunmöglichen das Zusammenleben und führen immer zu Konflikten und Krisen.

Ihre Antwort darauf?
Ich will an die Deklaration der Menschenrechte erinnern: Dort wird nicht von Österreichern oder Marokkanern, Weißen oder Schwarzen gesprochen. Leider haben die Menschen aber andere Definitionen von Menschsein gefunden. Die Mächtigen haben sich Wertungen einfallen lassen. Jede Religion spricht aber im Grunde von den Menschen, nicht von Muslimen, Juden oder Christen.

Was sagt der Koran dazu?
Der Koran hat eine vorrangige Botschaft für das Leben – nämlich „Mensch zu sein“. Erst dann wird kategorisiert. Die Botschaft des Koran, Mensch zu sein, impliziert, einander als Menschen zu betrachten, das Gemeinsame anzusprechen, bevor man die Unterschiede betont. Eine Stelle im Koran erinnert daran: „Oh, die ihr glaubt, wir haben euch Völker und Stämme geschaffen, damit ihr euch kennen lernt. Der Edelste von euch ist der Gottesfürchtigste.

Was heißt für Sie „Leben“?
Ich betrachte das Leben als Begegnung und als Wanderung auf einen Berg. Alle wollen leben, jeder nach seinen Fähigkeiten. Manche sind reich, manche arm, manche bescheiden, manche verherrlichen das Leben. Jeder von uns will denselben Berg besteigen, und jeder versucht das nach seiner eigenen Kapazität. Da die Wege zum Gipfel nicht gebahnt sind, ist das Gehen dorthin schwierig. Wir stolpern immer wieder. Manche von uns sind schneller, manche langsamer. Manchmal gehen wir den Weg allein, manchmal gemeinsam, manchmal kreuzen sich unsere Wege. Wie wir die Spitze des Berges erreichen, ist unterschiedlich. Sicher ist: Alle wollen zum einen Ziel.

Als Muslim werden Sie immer wieder mit Terror und Gewalt in Verbindung gebracht. Wie zeigen Sie persönlich, dass Ihnen das Leben aller Menschen kostbar ist?
Für mich persönlich ist wichtig, wie ich das Ziel bis zum Gipfel erreiche. Ich frage mich ständig, ob ich mich für andere eingesetzt habe oder ob ich ihnen Steine in den Weg gelegt habe. Ich möchte jemand sein, der einen Autostopper ein Stück auf seinem Lebensweg mitnimmt. Wir sollen einander helfen, uns unterstützen und sollen anderen auch Recht geben können. Wir dürfen uns den Weg nicht schwieriger machen, sondern müssen andere Menschen auf dem Weg mitnehmen.

Sehen Sie zwischen dem Islam und dem Christentum Anknüpfungspunkte, was die Betrachtung des Lebens betrifft?
Ja, auf jeden Fall. Die Diskussion um den Lebensschutz ist ein solcher Anknüpfungspunkt. Da gibt es enge Verständigung: Wir müssen auf das Recht der Menschen auf Leben pochen. Es ist unsere Aufgabe, Anwalt für das Leben der Menschen zu sein. Wir sind dafür da, uns für die Nächstenliebe einzusetzen. Wer sonst soll das tun?

In der Definition des Lebensbeginns unterscheidet sich der Islam aber von der katholischen Betrachtungsweise.
Im Islam beginnt das Leben mit der Beseelung des Embryos am 40. Tag nach der Befruchtung. Bis dorthin ist auch eine Abtreibung erlaubt – aber nur wenn die Mutter gefährdet ist. Es darf nur abgetrieben werden, um größeren Schaden zu beseitigen. Der Embryo hat nämlich ein Recht auf Leben, und wer kann, muss dieses Leben retten. Das ist unsere Verantwortung.

Ist die Wissenschaft manchmal lebensfeindlich oder lebensbedrohlich?
Der Islam fordert uns auf, nach Wissen zu suchen. Unser Prophet Mohammed hat gesagt: „Eine Stunde nach Wissen zu streben ist besser, als die ganze Nacht zu beten.“ Er sagt auch, wir sollen von der Geburt bis zum Tod nach Wissen streben. Auch wenn das Wissen in China liegt, sollen wir uns anstrengen, danach zu suchen. Schon der erste Vers im Koran spricht die Bildung der Menschen an: „Lies!“ Diese ständige Suche nach dem Wissen gilt für alle, auch für Frauen. Aber: Wir sind aufgefordert, nach dem Guten zu suchen. Das Wissen darf den Menschen nicht gefährden. Das heißt, wir dürfen Wissen und Wissenschaft nicht missbrauchen, sondern sollen es für das Leben der Menschen und deren Weiterentwicklung einsetzen, nicht für deren Zerstörung.

Wie steht der Islam zu medizinischen Methoden, die das Leben verlängern?
Der Islam befürwortet alle Heilungsmethoden. Die Menschen sind nämlich aufgefordert, alle Maßnahmen für die Heilung von Krankheiten einzusetzen und das Leben zu retten. Der Prophet sagt, für jede Krankheit gibt es Heilung. Nicht zu heilen entspricht nicht dem Willen Gottes. Leben heißt auch, Verantwortung für die Gesundheit zu haben.

Welchen Aspekt vermissen Sie in der Debatte um das Leben?
Ich wünsche mir eine Diskussion über ein neues Lebenskonzept – wie wir miteinander leben müssen, können, sollen. Ich denke, wir sollen eine neue Lebensphilosophie anstreben. Es muss uns mehr bewusst werden, dass wir von der göttlichen Botschaft weit entfernt sind und dass wir jetzt vieles zur Zerstörung des Lebens beigetragen haben. Vor allem sollten wir dabei überdenken, wie wir miteinander umgehen. Und wir sollen mehr für den anderen denken, nicht nur an uns selbst.

Was wollen Sie aus Ihrem Schatz an Lebenserfahrungen weitersagen?
Leben ist vergänglich. Nur die guten Taten zählen. Den Sinn des Lebens begreifen wir erst, wenn wir etwas vermissen. Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass wir nicht ewig hier sind und dass es andere Menschen gibt, denen vieles fehlt, was wir im Leben haben. Ich wünsche mir ein Leben, das auf gegenseitigem Respekt, Verständnis und Toleranz basiert.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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