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In der Schule beten?
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Zwei Schulfächer – zwei Perspektiven auf das Thema „Gebet“. Um in Religion kompetent zu sein, braucht es religionsbezogene Erfahrungen, so Religionslehrerin Monika Prettenthaler. Ethiklehrer Thomas Müller betont die Bedeutung von Sachkenntnissen über Gebetstraditionen.
Wie lernen wir beten?
In vielen Kindheitserinnerungen kommen die Großmutter oder Mutter vor, von der man – meist durch Zusehen und -hören – „beten gelernt“ hat. Beim Maibeten am Wegkreuz in der Nachbarschaft, beim gemeinsamen Tischgebet vor dem Essen oder beim sonntäglichen Kirchgang. Oft war es der Rosenkranz, manchmal ein frei gesprochenes Gebet. Weil religiöse Erfahrungen im familiären Kontext weniger werden, wird die Schule ein wichtiger Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit Gebet in Berührung kommen können. Eine Religionslehrerin und ein Ethiklehrer berichten, wie Gebet heute im Unterricht vorkommt.
Gebet ist im Religions-unterricht gelebte Praxis, die ein Angebot ist.
Dr.in Monika Prettenthaler
ist Lehrerin für Katholische Religion am Bischöflichen Gymnasium Augustinum und am Institut für Katechetik und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz tätig.
Im konfessionellen Religionsunterricht (RU) geht es nicht nur um Wissen über Religion. Um in Religion kompetent zu sein, muss diese auch erlebt werden – die Tiefendimension vieler Inhalte erschließt sich nur so. Da religionsbezogene Erfahrung nicht immer vorausgesetzt werden kann, bietet der RU den SchülerInnen die Möglichkeit, wichtige kirchliche Grundvollzüge zu erleben. Gebet ist im röm.-kath. RU also nicht nur Lehrplaninhalt, sondern auch gelebte Praxis, die ein Angebot ist.
Warum Angebot? Weil die innere Bereitschaft zum Gebet didaktisch unverfügbar und immer individuelle Entscheidung der betenden Person bleibt. Weil die Haltung, sich im Gebet einem transzendenten ‚Du‘ zuzuwenden, das Vertrauen in dieses alles Übersteigende voraussetzt – den Glauben, der nie machbar ist. Weil Gebet immer freiwillig sein muss, denn in Sachen Religion darf es keinen Zwang geben (vgl. Dignitatis humanae 2).
Unterbrechung durch Gebet
Genau diese Dynamik wird im RU thematisiert. Beten wird reflektiert, damit die SchülerInnen dieses Tun einordnen und für sich nutzen können. Eine Nachfrage bei SchülerInnen zeigt: Sie sind offen fürs Beten in verschiedenen Formen. Eine Unterbrechung des hektischen Schultages durch Impulse zur Stille und Dankbarkeit oder die Einladung zum Mitbeten eines selbst formulierten Gebetes aus der Klassengebetsmappe, tut gut. Wenn sie mit ihren Gedanken auch manchmal woanders sind, schätzen sie regelmäßiges Beten als Erinnerung, dass sie von einem umfassenden ‚Du‘ getragen sind. Wie im Leben überhaupt, braucht es auch in der Schule Räume und Zeiten, in denen die Seele (auf)atmen kann.
Ethische Bildung ist die Anleitung zu religiöser Sprachfähigkeit.
Dr. Thomas Müller
ist Lehrer am BG/BRG/BORG Kapfenberg und unterrichtet unter anderem Katholische Religion, Psychologie und Philosophie und Ethik.
Beten im Ethikunterricht?“ – „Ein No-Go!“, werden viele reflexartig sagen. Warum? Weil die primäre Bezugswissenschaft des Ethikunterrichts die Philosophie und nicht die Theologie ist, weil er konfessionsungebunden sein soll und weil er zu einer kritischen Reflexion anleiten will.
Aber es ist spannend, einen Blick darauf zu werfen, ob Gebet einen Platz im Ethikunterricht hat. Eines vorweg: Das Thema „Religion(en)“ nimmt einen sehr großen Raum ein. Der österreichische Lehrplan für die Sekundarstufe II (ab der 9. Schulstufe) sieht in JEDER Schulstufe die Befassung mit dem Phänomen „Religion“ oder mit den (Welt-)Religionen vor. Gebet und gelebte Spiritualität werden nicht explizit erwähnt. Sehr wohl aber ist die „Auseinandersetzung mit weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen“ als Lehraufgabe festgeschrieben.
Religiosität verstehen
Die Unterrichtspraxis zeigt, dass Ethikgruppen stark heterogen geprägt sind: SchülerInnen vertreten unterschiedlichste Weltanschauungen und Religionen. Die weltanschauliche Neutralität gebietet EthiklehrerInnen, in Hinblick auf Gebetstraditionen sensibel und zurückhaltend zu sein. Worum es einer ethischen Bildung vor allem geht, ist die Anleitung zu einer „Haltung von Toleranz und Offenheit“ (Lehrplan) sowie zur religiösen Sprachfähigkeit, um die eigene Religiosität zum Ausdruck bringen zu können und um die religiöse Überzeugung anderer zu verstehen. Braucht es dazu die Einübung von Gebetspraktiken? Das lässt sich aus meiner Sicht wie folgt beantworten: Sachkenntnis über Gebetstraditionen: Ja. Gebetspraktiken: Nein.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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