Chorsingen
Singen und schwingen
- HIB.art.chor - Schulchor der Höheren Internatsschule des Bundes (HIB) Liebenau in Graz.
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Chorsingen. In der Steiermark machen allein in 280 Kirchenchören Tausende Musik – und damit sich selbst und andere glücklich.
Eigentlich ist keine Zeit. Und, mal ganz ehrlich: Nach einem langen Arbeitstag fehlt auch die Lust, abends noch aus dem Haus zu gehen. Wie fein wärs doch, ein Buch zur Hand zu nehmen oder den Fernseher anzumachen und sich berieseln zu lassen ... Doch es ist Dienstagabend, und damit allwöchentlich der Zeitpunkt, an dem seit vielen Jahren nur das Eine zählt: Singen mit Gleichgesinnten.
Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder – so sagt der Volksmund. Schenkt man ihm Glauben, gibt es in Österreich sehr viele, die alles andere sind als böse. Allein in der Steiermark bereichern 280 Kirchenchöre das kulturelle Leben, österreichweit sind es gar mehr als 2450 Kirchenchöre. Ihnen gehören mehr als 40.000 Sängerinnen und Sänger an und stehen für musikalische Vielfalt und geistliches Liedgut.
Laut Chorverband singen in Österreich etwa 115.000 SängerInnen in 3.900 Chören. Warum das Chorsingen so beliebt ist, liegt nicht nur für den Grazer Kirchenmusiker Michael Schadler auf der Hand (siehe Spalte links). Glaubt man der Wissenschaft, so wird beim Singen das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das eine wichtige Rolle bei der Entwicklung sozialer Bindungen spielt. Zusätzlich fördert es das Gefühl von Nähe und Vertrauen, was vor allem beim Musizieren in Gemeinschaft spürbar ist. Auch andere „Glückshormone“ wie Serotonin und Dopamin werden beim Singen freigesetzt und steigern das Wohlbefinden jener, die tirilieren. Dass Singen glücklich macht, weiß man schon lange. So soll der chinesische Gelehrte Konfuzius bereits im 5. Jh. v. Chr. gesagt haben, dass Musik eine Art Vergnügen erzeuge, auf das die menschliche Natur nicht verzichten könne. Genau das bestätigen SängerInnen auch heute.
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Hören, Singen, im Gleichklang schwingen: Die Aussicht auf all das reicht mir, dass ich mich schlussendlich aufraffe, meine Chormappe schnappe sowie ein Hustenzuckerl und mich aufmache in Richtung Probe. „Ich hab schon auch den Anspruch, dass beim nächsten Auftritt etwas Schönes rauskommt“, flüstert mir eine Chorkollegin zu, die seit vielen Jahren mit mir singt und mittlerweile eine Freundin ist. Ja, auch mir ist nicht komplett egal, ob das Ergebnis von gefühlt unendlich vielen Chorproben schön klingt oder nicht.
Für den deutschen Buchautor Stefan Moster liegt ein zentraler Aspekt des Glücksgefühls beim Chorsingen in der Gemeinschaft, die, wie er sagt, eine voraussetzungslose sei. Man müsse weder verwandt sein, noch befreundet. Es müsse kein Begehren geben, ja „die anderen müssen einem nicht mal sympathisch sein“, so Moser im Interview 2025. Beim Chorsingen könne man vielmehr die Sinnerfahrung machen, „sich in eine Gemeinschaft hinein zu begeben und Teil von etwas zu sein, dass am Ende vielleicht sogar beklatscht wird und andere begeistert.“ Andere, vor allem aber: begeisternd für mich selbst.
Anna Maria Steiner
Der Chorleiter
Michael Schadler
ist Fachreferent für Kirchenmusik der Diözese Graz-Seckau und Chorleiter an der Stadtpfarrkirche Graz.
- Michael Schadler ist Fachreferent für Kirchenmusik der Diözese Graz-Seckau und Chorleiter an der Stadtpfarrkirche Graz.
- Foto: Neuhold
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Ein Klangleib werden
Das Schönste am Chorsingen ist, dass man es nicht alleine machen kann. Ich kann noch so eine schöne Stimme haben, aber fürs „Ave verum“ brauche ich eben zumindest noch drei andere Menschen. Am Anfang steht für mich also immer die heilsame Erfahrung, auf den Anderen angewiesen zu sein. Der erste Schritt besteht dann oft darin, meine Stimme so zu festigen, dass ich das Anderssein des Anderen auszuhalten vermag. Der für mich spannendste Teil der Probenarbeit gilt aber dem Entdecken der vielschichtigen Beziehungen zwischen meiner Stimme und jener der Anderen. Die Hauptrolle dabei spielt das Zuhören. Gute ChorsängerInnen entwickeln ein Gespür dafür, wann sie sich eher zurücknehmen müssen und wann ihre individuelle Klangfarbe oder musikalische Fähigkeit besonders gefragt ist. Denn jeder hat etwas zu geben und niemand hat allein alles, was es zur gelungenen Interpretation braucht. Und ab und zu geschieht es dann wirklich, sei es bei der Aufführung oder in der Probe, da wird aus ganz unterschiedlichen Individuen plötzlich ein Klangleib. Wenn mir das als Chorleiter geschenkt wird, bin ich immer ganz verzaubert. Und zurück bleibt das dankbare Staunen, dass es möglich ist, mit einer Gruppe von Menschen, mit denen ich weder verheiratet noch verwandt bin, solch eine intime Verbundenheit zu erleben.
Mehr Infos zu Kirchenmusik in der Steiermark finden sie hier.
Die Chorsängerinnen
Christoph Moder aus Unzmarkt, Bass:
- Christoph Moder
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„Singen macht mir Freude und schenkt anderen (beim Zu-hören) Freude und Dankbarkeit – aber auch Hoffnung und Trost. Deshalb singe ich gerne beim Kirchenchor unserer Pfarren Frauenburg und Unzmarkt, bei der jährlichen Studienwoche der Kirchenmusik in St. Lambrecht oder beim Projektchor Murtal. Bei der Musik Alter Meister wie Palestrina, Bach, Schütz, der Klassiker Mozart, Schubert oder Mendelssohn und zeitgenössischer Komponisten wie Runestad, Gjeilo und Eric Whitacre gibt es für mich Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren.“
Petra Temmel aus Graz, Altistin:
- Petra Temmel aus Graz
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„In Chören singe ich, seit ich neun bin: erst Schul-, dann Kirchenchor, seit vielen Jahren bei Musica con GRAZia. Ich brauche Musik, und es fehlt etwas Entscheidendes in meinem Leben, wenn ich nicht Musik hören oder machen kann. Beim Chorsingen kann ich abschalten und mich ganz einer Sache widmen. Am gemeinschaftlichen Klang zu arbeiten, finde ich inspirierend, und dass mich bei Auftritten und Proben Geräusche aus allen Richtungen ummanteln, ist faszinierend. Toll ist, dass unsere Chorleiterin darauf achtet, dass unsere Chorgemeinschaft bunt ist und ich mit ganz unterschiedlichen Menschen singe.“
Bernhard Weber aus Weiz, Tenor:
- Bernhard Weber aus Weiz
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„Schon bevor ich lesen konnte, wollte ich ständig mitsingen – etwa im Gottesdienst. Nach der Musikhauptschule habe ich mit dem Chorsingen angefangen, manchmal in drei Singgemeinschaften zugleich. Große Werke mit vielen SängerInnen und InstrumentalistInnen beeindrucken mich, aber ich bin auch gerne der alleinige Sänger am Lagerfeuer. Seit meine Kinder auf der Welt sind und zeitlich alles knapper ist, bin ich nicht mehr fixes Mitglied eines Chorensembles. Dafür singe ich jetzt bei einzelnen Projekten mit – wie etwa bei der Carmina Burana vergangenes Wochenende in Weiz.“
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Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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