Vor den Vorhang
Hoffnung

Andrea Scrima, LOOPY LOONIES: Ausstellungsansicht, Kunsthaus Graz, Mai 2024. Drei Gruppen von je vier Zeichnungen: EWWW, OWWW, NOOO, 52 × 52 cm gerahmt, Grafit auf Papier.  | Foto: Natascha Reiterer
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  • Andrea Scrima, LOOPY LOONIES: Ausstellungsansicht, Kunsthaus Graz, Mai 2024. Drei Gruppen von je vier Zeichnungen: EWWW, OWWW, NOOO, 52 × 52 cm gerahmt, Grafit auf Papier.
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Essay von Andrea Scrima über einen Begriff, der unser Menschsein prägt.

Ihre Bilder über zunehmende Gewaltbereitschaft, Missbrauch von Sprache und die Manipulation von Gefühlen laden zum Weiterdenken ein. Als Grazer Stadtschreiberin bereicherte sie die steirische Kulturlandschaft mit ihren Texten. In ihrem Essay „HOFFNUNG“ spürt die amerikanisch-deutsche Künstlerin Andrea Scrima einem Begriff nach, der wesentlich das Menschsein prägt.

Wenn wir sagen, dass schon alles irgendwie gut gehen wird und dass wir über die nötigen Ressourcen verfügen, den Dingen, die uns widerfahren, auch zu begegnen, so ergänzen wir manchmal das Wort „hoffentlich“. Wir glauben, dass wir mit dem, was uns das Leben hinwirft, schon werden umgehen können, beschwören aber vorsichtshalber oder aus Aberglauben die Hoffnung. Wir wollen lieber nicht zu anmaßend sein: Um uns nicht der gefährlichen Illusion hinzugeben, dass wir jemals volle Kontrolle haben, sagen wir, und richten den Blick nach oben: „hoffentlich“; „so Gott will“.
Auf der säkularen Ebene ist Hoffnung mit unserer Fähigkeit verbunden, Erfahrungen aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu projizieren; wir verstehen, dass sich die Dinge ändern, dass keine Situation für längere Zeit gleich bleibt, und dass unser Handeln beeinflussen kann und tatsächlich beeinflusst, wie Dinge ausgehen. Selbst Pessimisten hoffen stillschweigend auf das Beste und hegen insgeheim einen Glauben daran, dass sich die Dinge unerwartet zum Besseren wenden könnten. Auf einem Kontinuum mit Wunschdenken am einen Ende und unbegründeter Erwartung am anderen stellt die Hoffnung eine zuversichtliche Einstellung einer unbekannten Zukunft gegenüber dar. Erwartungsvoll blicken wir empor, so wie wir vielleicht einst zu jenem wohlwollenden Elternteil emporblickten, das sich über unser Bettchen oder unsere Wiege beugte und dessen Fürsorge und Aufmerksamkeit uns lehrten zu vertrauen.
Mutige Menschen, die allen Widrigkeiten zum Trotz kämpfen, tun dies, weil sie Vertrauen haben; ihre Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren beruht auf ihrer Lebenserfahrung. Sie wissen, dass ihr Handeln unweigerlich Auswirkungen haben wird; ohne dieses Wissen könnten sie nicht handeln, es verleiht ihnen die Kraft, einer neuen Wirklichkeit den Boden zu bereiten. Die Hoffnung gehört den Mutigen, aber sie macht auch verletzbar, wirft uns zurück auf unser nacktes Menschsein. Aus diesem Grund wird sie als Foltermethode verwendet: Man lässt Gefangene im Glauben, ihre Entlassung stehe unmittelbar bevor oder sie würden bald weniger brutal behandelt werden, nur um sie im letzten Moment grausam auflaufen zu lassen. Sie lernen, dass Hoffnung gefährlich sein kann, und sofern sie keinen Weg finden, ihre Hoffnung für sich zu behalten und zu schützen, verlieren sie sie schließlich.
Wir sind sterbliche, zeitgebundene Wesen; selbst unter weniger extremen Umständen verzweifeln wir, wenn sich unsere Hoffnungen nicht erfüllen. Wir fühlen uns dumm oder naiv, dass wir überhaupt zu hoffen gewagt haben, oder fürchten, wir hätten es besser wissen können, sind aber stattdessen der Torheit verfallen. Wir verlieren den Glauben an unsere Fähigkeiten, an genau das, was notwendig ist, um Veränderung herbeizuführen. Das Gegenteil von Hoffnung ist allerdings nicht Verzweiflung, sondern böse Ahnungen: jener paralysierte Zustand, in dem man unfähig ist, den Gedanken abzuschütteln, dass Schlimmes bevorsteht. Und so geben wir uns größte Mühe, bei der Überzeugung zu bleiben, dass das Gute obsiegen kann oder dass Gutes zumindest möglich ist – denn selbst wenn wir wissen, dass Hoffnung teilweise auf einer Illusion beruht und dass die Welt nicht notwendigerweise aus größtenteils gutwilligen Kräften besteht, so wissen wir auch, dass wir an diese Illusion glauben müssen, um weiterleben zu können.

Andrea Scrima
Der Text HOFFNUNG aus der LOOPY LOONIES-Textserie „A LOOK IN THE MIRROR: Attempts at a Late-Capitalist Moral Philosophy“ wurde zur Verfügung gestellt von der Katholischen Hochschulgemeinde Graz (KHG).

TIPP: Die KHG Graz widmet der Künstlerin und Literatin Andrea Scrima und ihrem Werk einen Schwerpunkt in DENKEN+GLAUBEN. Nr. 209,
Wintersemester 2025/26.

AUSSTELLUNG: ANDREA SCRIMA

LOOPY LOONIES: ATTEMPTS AT A LATE-CAPITALIST MORAL PHILOSOPHY
Eröffnung: Sa, 13. September 2025, 11 Uhr.
Lesung: Do, 2. Oktober 2025, 19 Uhr,
QL-Galerie, Leechgasse 24, Graz.
Ausstellungsdauer: bis 7. November.
Kooperation mit steirischer herbst ’25


Andrea Scrima, geb. 1960 in New York City, studierte an der School of Visual Arts NY, ab 1984 an der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie als bildende Künstlerin und Autorin lebt und arbeitet. 2023/24 war sie Grazer Stadtschreiberin. | Foto: Scrima
  • Andrea Scrima, geb. 1960 in New York City, studierte an der School of Visual Arts NY, ab 1984 an der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie als bildende Künstlerin und Autorin lebt und arbeitet. 2023/24 war sie Grazer Stadtschreiberin.
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Eine Frage an Andrea Scrima
In Ihrer Werkserie „Loopy Loonies“ ist das Phänomen der Comics zentral. Welche Erkenntnis gewinnen Sie daraus?
Als Amerikanerin bin ich mit den „Saturday Morning Cartoons“ (dt. „Samstagmorgen-Comics“) aufgewachsen. Mir ist die Gewalt, die in diese Zeichensprache der Trickfilme eingebettet ist, immer aufgefallen. Da wird eine Figur in Brand gesetzt, in die Luft gesprengt, ins Weltall geschossen oder von einem Felsbrocken zerquetscht. Aber die Zeichentrickfigur wird nicht zerstört, sondern poppt wieder zurück in ihre ursprüngliche Form. Amerika ist ein sehr gewalttätiges Land. Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, wie Gewalt in der Comicsprache auftaucht. (…)
Aus der Bildlogik habe ich mit dem Wort „No“ angefangen, das die Idee von Dissens ausdrückt. Dazu kamen Sprechblasen (…) . Weitere anthropomorphe Motive folgten, die von anderen comicartigen Ausrufen ausgingen, wie etwa das „OWWW“ als Ausdruck von Schmerz oder „EWWW“ als Ausdruck von Ekel. Es war mir von Anfang an ein Anliegen, eine Art soziopolitische Kritik mit diesen Zeichnungen zu betreiben. Zur rein visuellen Arbeit kamen später – während meines Aufenthaltes in Graz – die Texte nach und nach hinzu. Das begann mit dem Gazakrieg und hat für mich auch ganz wesentlich mit dem Diskurs hier im Westen zu tun, sowie mit der Rechtfertigung von Gewalt.
Die Zeichnungen sind für mich letzten Endes eine moralkritische Untersuchung. Diese Grundsatzarbeit wollte ich in den Texten fortführen. Es entstanden Texte zu Begriffen wie „Mitleid“, „Heuchelei“, „Stolz“ oder „Zynismus“. Inzwischen ist ein Buch entstanden, mit dem Titel „A Look in the Mirror: Attempts at a Late-Capitalist Moral Philosophy“. Ich verstehe das Buch als ein Einmaleins über philosophische Begriffe.
Auszug aus einem Interview mit Alois Kölbl, Denken+Glauben Nr. 209

Andrea Scrima, LOOPY LOONIES: Ausstellungsansicht, Kunsthaus Graz, Mai 2024. Drei Gruppen von je vier Zeichnungen: EWWW, OWWW, NOOO, 52 × 52 cm gerahmt, Grafit auf Papier.  | Foto: Natascha Reiterer
Andrea Scrima, LOOPY LOONIES: Kunsthaus Graz, Mai 2024. Detail, Postkartenedition mit Auszügen aus A LOOK IN THE MIRROR: Attempts at a Late-Capitalist Moral Philosophy: (SPRECH)BLASEN, 10,5 x 14,8 cm.  | Foto: Natascha Reiterer
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Andrea Scrima, geb. 1960 in New York City, studierte an der School of Visual Arts NY, ab 1984 an der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie als bildende Künstlerin und Autorin lebt und arbeitet. 2023/24 war sie Grazer Stadtschreiberin. | Foto: Scrima
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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