Positionen - Christian Teissl
Gute Geister
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Ein bekanntes Naturphänomen: die Flüsse im Karst, die plötzlich in ihrem Flussbett verschwinden, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Nicht wenige Beziehungen, die unser Leben bestimmen, es tragen und durchdringen, ihm Farbe und Rhythmus verleihen, ähneln in ihrem Verlauf diesen Flüssen. Auf einmal scheinen sie an ein Ende zu kommen: Die Worte versiegen, die Nachrichten gehen immer spärlicher hin und her, bis sie schließlich ausbleiben. Man weiß zwar noch voneinander, verliert einander aber aus den Augen.
Es vergeht ein Jahr, es vergeht ein Jahrzehnt und plötzlich – man mag es „Zufall“ nennen oder nicht – kreuzen sich die Wege wieder, kommt das abgerissene Gespräch in veränderter Lebenslandschaft wieder in Gang. Durch die gemeinsamen Erinnerungen ist rasch eine Brücke geschlagen; eine Erinnerung ruft die andere wach und stiftet gemeinsame Gegenwart …
Auf die Flüsse im Karst ist Verlass: Sie verschwinden nicht, sie wechseln nur ihre Gestalt, wechseln aus dem Tageslicht unter die Oberfläche. Ähnlich verhält es sich mit manchen jener guten Geister, die einen Lebensweg begleiten: Mögen sie auch in den Hintergrund treten, lange abwesend sein, sie sind immer da.
Christian Teissl
teissl@mur.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.