Positionen - Theresia Heimerl
Ein Osterei
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„Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen“, schrieb einst Friedrich Nietzsche mit dem ihm eigenen Spott über die Christen. Als ich in jungen Jahren diesen Satz zum ersten Mal las, fühlte ich meine kindliche Wahrnehmung in Worte gefasst. Unvergessen sind mir die strengen, missbilligenden Blicke der alten Frauen und Männer, sobald ich nicht wie versteinert in der Kirchenbank saß.
Mittlerweile frage ich mich, ob Nietzsche (und ich) nicht zu viel erwartet haben: Sind die strengen Gesichter in der Kirche womöglich vom langen Warten auf Erlösung versteinert? Sind sie müde vom Leben, davon, immer das gleiche Heilsversprechen zu hören, ohne dass es für sie bisher eingelöst worden wäre? Jedes Jahr hören sie „Der Heiland ist erstanden“, während ihre Beine kaum noch stehen können. Da können eine helle Kinderstimme, ein Scharren mit den Schuhen leicht zum Ärgernis werden, das die Erlösung auch diesmal wieder verzögert.
Oder es ist der Neid auf die Kleinen, die so erlöst umherspringen, bevor sie überhaupt das Wort Erlösung verstehen? Vielleicht ist Erlösung etwas, das man als Kind Gottes hat und irgendwann versteckt; wie ein Osterei, das man Jahrzehnte später wiederfindet.
Theresia Heimerl
redaktion@sonntagsblatt.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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