Stichwort: Die Odyssee (Teil 1)
Krieg kennt keine Gewinner
- Das legendäre „Trojanische Pferd“ ermöglicht den Griechen die Eroberung der mächtigen Stadt Troja. Für Odysseus, der diese List ersonnen hat, beginnt damit jedoch eine lange leidvolle Reise.
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Die Demontage eines Heldenmythos unternimmt „Die Odyssee“. Christopher Nolan brachte Homers zeitloses Epos bildgewaltig und tiefgründig auf die Leinwand.
Die Heldentaten des Odysseus, dessen List die Belagerung Trojas siegreich beendet hat, werden in seiner Heimat Ithaka besungen. Allein Penelope, die noch immer auf die Heimkehr ihres Mannes wartet, will das Lied nicht hören. Ihr Haus wird von Brautwerbern besetzt, die nur darauf warten, dass sie Odysseus für tot erklärt und einen der ihren zum neuen König erwählt. Der mittlerweile erwachsene Sohn Telemachos reist indessen nach Sparta, um Kundschaft über den verschollenen Vater einzuholen.
Ganz und gar nicht als heldenhaften Sieg hat Odysseus selbst die Eroberung Trojas erlebt, sondern als barbarischen Akt der Vernichtung einer blühenden Hochkultur. Die anschließende, zehn Jahre währende Irrfahrt beschreibt seine innere Reise an die äußersten Grenzen der menschlichen Existenz, den langen, leidvollen Weg der Bewältigung von Schuld, Täuschung, Tod und Zerstörung. Dem Regisseur Christopher Nolan gelingt es in seinem Filmdrama, große Nähe zu Homers Dichtung zu wahren und zugleich dem 2700 Jahre alten Meisterwerk der griechischen Mythologie brandaktuelle Botschaften zu entlocken.
Ein tragischer Held
Odysseus ist schwer traumatisiert vom Erleben der Folgen seines genialen Einfalls, der bewirkt hat, dass sich die während der neunjährigen Belagerung aufgestaute Wut der Krieger in jener Nacht in einem hemmungslosen Massaker entladen hat. Am Ende erkennt er angesichts der Lüge, mit dem hölzernen Pferd eine raffinierte Waffe als Opfergabe an die Götter auszugeben: „Wir haben alles verletzt, was Menschen heilig ist.“ Aus einem Krieg sei eine Jagd geworden und das „Gesetz des Zeus“ – das Gebot, jedem Menschen wie einem Gott zu begegnen – sei mit Füßen getreten worden.
Diese Ambivalenz in der Figur des Odysseus bringt der Dichter Homer in den Attributen zum Ausdruck, die er dem Namen seines Protagonisten beifügt. So wird Odysseus zum einen als der „weise“, „erfindungsreiche“, „tadellose“, „göttergleiche“ gepriesen, andererseits aber auch „der leidengeübte“, „der streiterfahrne“, „der herrliche Dulder“ genannt; als „unglückseligsten aller Sterblichen“ oder „Städteverwüster“ bezeichnet er sich selbst. Der Name Odysseus wird im Epos als „der Zürnende“ gedeutet.
Als derjenige, der die Götter erzürnt, das Heilige entehrt und die Menschlichkeit über Bord geworfen hat, muss Odysseus einen weiten Weg zurücklegen, auf dem er nach und nach mit den seelischen Traumata, Wunden und Verheerungen konfrontiert wird. Ihm werden schwere Prüfungen auferlegt, die ihn mit der bitteren Wahrheit konfrontieren, bevor er Frieden finden und heimkehren kann. Pallas Athene begleitet ihn dabei als Ratgeberin. Die Göttin der Weisheit, die in verschiedene Verkleidungen schlüpfen kann, erscheint just in der Gestalt jener Tempelpriesterin, die in Troja vor seinen Augen geköpft wurde. „Siehst du Schicksal oder Konsequenz?“ fragt sie Odysseus während seiner verlustreichen Irrfahrt. Entspringen seine Leiden der Willkür rachsüchtiger Götter oder sind es Auswirkungen seines eigenen Handelns?
Der riesenhafte Kyklop
Auf der Suche nach Nahrungsvorräten landen Odysseus’ Schiffe an einer Insel. Ein Spähtrupp betritt die Höhle des Kyklopen, eines einäugigen Ungeheuers, das Schafe hütet. Der Sohn des Poseidon fürchtet die Götter nicht und verspeist gleich zwei der Krieger. Mit List gelingt es Odysseus und seinen Männern, den Kyklopen des Augenlichts zu berauben und zu fliehen. Doch damit weckt er den Zorn des Meeresgottes, der mit Stürmen seine Heimkehr behindert.
Der Koloss in der finsteren Höhle erscheint als monströse Projektion der Ungeheuerlichkeiten, die sie in Troja verübt haben. Er verkörpert die Gottlosigkeit, mit der sie sich gebärdet haben. Dass er bloß ein Auge hat, verweist auf eine beschränkte, eindimensionale Wahrnehmung der Wirklichkeit. Der Lerneffekt bei Odysseus hält sich freilich in Grenzen. Wie in Troja durch das Pferd findet er nun in der Einäugigkeit des Kyklopen den Schwachpunkt, der ihn verwundbar macht. Doch in Wahrheit war Odysseus selbst verblendet von falschen, verlogenen Zielen, war blind für die Kostbarkeit des Lebens und der Kultur einer fremden Welt. Und sein Stolz gebietet ihm, dem wankenden Ungetüm noch verhöhnend seinen Namen zuzurufen, was ihm und seinen Gefährten viel weiteres Unglück heraufbeschwören soll.
◉ Fortsetzung folgt nächste Woche.
Alfred Jokesch
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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