Vor den Vorhang
Ignatianisch unterwegs
- Alle fünf Jahre gibt es GCL-Welttreffen – zuletzt in Beirut (Libanon), Buenos Aires (Argentinien) und Amiens (Frankreich).
- Foto: Pistrich
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Die Gemeinschaft Christlichen Lebens bringt Menschen zusammen, die ihren Glauben im Alltag leben wollen. Ein Gespräch mit Renate Pistrich und Pater Wolfgang Dolzer.
Geistlich, kritisch, lebendig. So würde der Kirchliche Assistent Wolfgang Dolzer die Gemeinschaft Christlichen Lebens (kurz GCL) beschreiben. Laien, apostolisch, ignatianisch, würde die Vorsitzende der GCL Österreich, Renate Pistrich, hinzufügen. Oder, auf steirisch: „A guade Gemeinschaft, wo man aufeinander schaut und nit überwacht wird“.
Die Gemeinschaft Christlichen Lebens baut auf einer langen ignatianischen Tradition auf. Schon 1563 gründete der Jesuit Jean Leunis am Römischen Kolleg kleine Gruppen, in denen Menschen ihren Glauben bewusst im Alltag lebten. Diese frühen Sodalitäten – also Gemeinschaften oder Vereinigungen – verbanden geistliche Begleitung, Bildung und konkretes Tun. Aus dieser Wurzel entstand die heutige GCL. Was sie prägt und wie sie arbeitet, davon erzählen Renate Pistrich und Pater Wolfgang Dolzer.
Wie ist die Gemeinschaft Christlichen Lebens aufgebaut?
Renate Pistrich: Die GCL gibt es in mehr als 70 Ländern mit einem gemeinsamen Sekretariat in Rom. Sie ist in Gruppen organisiert. Die Aufgabe dieser Gruppe ist es, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken im Glauben und im Tun daraus. Wir haben kein gemeinsames Projekt, sondern jede und jeder wirkt im eigenen Umfeld.
Wie schaut ein Treffen aus?
Pistrich: Ein Treffen besteht meist aus fünf bis acht Personen. Wir beginnen mit einer Ankommensrunde, in der Platz für das persönliche Leben ist. Danach wird ein Thema besprochen, das die Gruppe gemeinsam ausgewählt und wozu sich eine Person vorbereitet hat – etwa Unterscheidung und Entscheidungen, Trost oder die Frage nach dem eigenen Platz in der Kirche. Wichtig ist immer der persönliche Bezug: Was hat das Thema in mir ausgelöst? Was hat es mit meinem Alltag zu tun? Es geht weniger um Theorie, sondern um das eigene Leben.
Wolfgang Dolzer: Mir ist aufgefallen, dass die Menschen zum Teil kirchenkritisch sind, aber die Kirche trotzdem mögen. Sonst wären sie nicht dabei. Das ist eine wichtige Sache: Du musst nicht alles lieben, du darfst auch deine eigene Meinung haben.
Wie oft trefft ihr euch?
Dolzer: In Graz gibt es eine Gruppe, die sich alle zwei Wochen trifft.
Pistrich: Bei den meisten ist es einmal im Monat ein Abend. Es gibt immer einen gemütlichen Teil, wo man miteinander ins Gespräch kommt – und der ist jedes Mal anders gestaltet.
Wie würdet ihr selber die GCL beschreiben?
Pistrich: Wir sind eine weltweite ignatianische Laiengemeinschaft, also auch von Laien geleitet. Es gibt einen Kirchlichen Assistenten – bei uns ist das seit Kurzem der Wolfgang. Und es geht nicht um Selbstzweck, sondern darum, für andere Menschen etwas zu tun.
Was unterscheidet euch von einer Pfarre?
Pistrich: Die Gemeinschaft besteht aus Menschen, die ähnliche Interessen und eine gemeinsame Spiritualität teilen. In eine Pfarre hineinzufinden, ist oft gar nicht so leicht – vor allem, wenn Strukturen über viele Jahre gewachsen sind.
Dolzer: Ein weiterer Unterschied ist, dass eine Pfarre für alle offen ist, von der Wiege bis zur Bahre. Ich war zweimal in meinem Leben Pfarrer, ich weiß, wovon ich spreche. Man muss für alle Geschmäcker etwas bieten. Bei der GCL hat man eine Laiengemeinschaft, die sich selbst leitet. Von unten nach oben. Beim Pfarrer ist es von oben nach unten. Die GCL hat mich dazugeholt. Ich bin willkommen, aber sie sorgt für sich selbst. Wie eine Art Interessenvertretung für ignatianische Spiritualität.
Was sind eure Mitglieder für Menschen?
Pistrich: Wir sind ungefähr hundertsechzig Mitglieder in Österreich. Die GCL ist grundsätzlich für das Erwachsenenalter ausgerichtet. Es hat zwar immer wieder Studentengruppen gegeben, aber Studierende sind sehr mobil – diese Gruppen lösen sich oft wieder auf. In einem Land gibt es sogar das „Problem“, dass es zu viele junge Leute gibt: in Malta. Dort sind mehr als 50 Prozent der Teilnehmenden unter 30 Jahre alt, und es ist oft schwierig, geistlich erfahrene Leiterinnen und Leiter zu finden.
Wie finden sich solche Kleingruppen zusammen?
Pistrich: Das passiert meistens durch Eigeninitiative. So war das in Graz auch. Wir haben ein Sekretariat in Wien und Verantwortliche in den jeweiligen Regionen, die versuchen, Leute zusammenzubringen. Oft läuft das über persönliche Kontakte. Die Wenigsten finden uns durch die Medien oder sprechen uns so an. Ich selbst habe die Gruppe gefunden, rein durch mein Interesse am ignatianischen Grundprinzip.
Was hat dich überzeugt, zu bleiben?
Pistrich: Mich hat überzeugt, dass die GCL eine weltweite Gemeinschaft ist. Ich schaue gern über den Tellerrand, und die Welttreffen haben mir unglaublich gut gefallen – dort begegnet man Menschen aus vielen Ländern und bekommt ungefilterte Einblicke in deren Lebensrealität. Die Themen sind sehr unterschiedlich: Migration in Spanien und Mexiko, mutige juristische Schritte im Libanon oder konkrete Hilfe in den USA. Diese internationale Perspektive und das Engagement der Menschen haben mich bleiben lassen.
Dolzer: Mir gefallen die Beispiele von Renate total. Allein wie der Libanon so viele Geflüchtete aufgenommen hat – mehr als jedes andere Land –, und dass sie sogar eine Klage gegen Israel vorbereiten, weil ihr Land verdreckt und vergiftet wird. Oder dass Menschen in Amerika für Personen einkaufen gehen, die von der Einwanderungsbehörde verfolgt werden, das finde ich super. Sie gehen an die Ränder, dorthin, wo sonst keiner hingeht. Jesus ist auch an die Ränder gegangen.
Was ist die GCL?
Die Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) ist eine weltweite ignatianische Laiengemeinschaft in der katholischen Kirche, ohne andere Konfessionen auszuschließen. Ihre Mitglieder treffen sich in kleinen Gruppen, um ihren Glauben im Alltag zu vertiefen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die GCL lebt aus der ignatianischen Spiritualität – „Gott suchen und finden in allen Dingen“ – und ist international vernetzt und vielfältig engagiert.
Interview: Maria Wilbrink
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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