Ein Weg, um frei zu sein
- „Die Macht des Vergebens – wie Vergebung unsere Seele befreit“ lautet der Titel des neuen Buches des steirischen Diözesanbischofs Wilhelm Krautwaschl.
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Bischof Wilhelm Krautwaschl schreibt in seinem neuen Buch über die heilsame Kraft des Vergebens.
Bischof Wilhelm Krautwaschl erinnert sich lebhaft an den 20. Juni 2015, als ein Auto durch die Grazer Innenstadt raste und dabei mehrere Menschen tötete – darunter ein frisch verheirateter junger Mann und ein sechsjähriger Junge. Warum nur konnte die Welt so ungerecht sein? Beim Gebet am Abend der Tat suchte der Bischof nach Worten – und bat für den Täter.
Ein Funken Transzendenz. Er erntete Kritik – für viele war es unverständlich, für den Täter zu beten. Der Bischof verstand das, ließ seine Aussagen in Interviews jedoch stehen. Jeder Mensch habe eine Grenze des Vergebens. An jenem Tag, so schreibt er, habe er den Funken Transzendenz in sich gefunden, mit dem er diese Grenze überwinden konnte – und entgegen jeder Logik und Intuition jene Kraft nutzen konnte, die in uns schlummert.
Mitweinen. „Gleichzeitig muss ich im Umgang mit den Betroffenen Verständnis zeigen – für alle möglichen menschlichen Verhaltensweisen und die verschiedenen Reaktionsmuster der Psyche. Auch Rachegedanken und Hass sind menschlich – ebenso wie das Gefühl, etwas niemals verzeihen zu können.“ Am schwierigsten sei das Gespräch mit den Eltern des getöteten Kindes gewesen. Hier vom Verzeihen zu sprechen, wäre unangebracht. Fassungslosigkeit, Schock und tiefe Traurigkeit kann und solle man nicht wegdiskutieren. Manchmal weine man einfach mit. Manchmal ist Dasein alles, was wir tun könnten. Und manchmal sei das schon genug. „Vergebung kann man nicht erzwingen – aber sie sollte unser Ideal bleiben.“
Ungesund. Er ist Bischof, kein Arzt, schreibt Wilhelm Krautwaschl. Er bedankt sich bei dem Mediziner und Autor Johannes Huber sowie bei dem Psychotherapeuten und Religionspädagogen Hans Neuhold, die ihm halfen, auch medizinische Studien auszuwerten. Die einfache Formel, die er daraus ableitet, lautet: Wer vergibt, baue Stress ab und fühle sich dadurch leichter und besser.
In seinem neuen Buch beschreibt Bischof Krautwaschl, wie Gefühle wie Groll, Zorn, Hass und Wut Stresshormone im Körper freisetzen: Das Herz beginnt schneller zu schlagen, der Blutdruck steigt, der Puls rast. Auch wenn solche Emotionen völlig menschlich sind, wirken sie sich langfristig negativ auf Körper und Seele aus, merkt der Bischof an.
Alkohol oder sogenannte „Wuträume“, in denen Menschen mit Baseballschlägern auf alten Sachen herumschlagen dürfen, seien keine nachhaltigen Lösungen, schreibt der Bischof weiter. Vielmehr helfe das Gespräch – mit Seelsorgenden, mit Freunden oder, wenn möglich, mit der betroffenen Person selbst. Eine Studie aus dem Jahr 2020 zeigt: Pflegekräfte mit einer spirituellen oder religiösen Haltung, die vergeben konnten, waren psychisch stabiler, sozial besser eingebunden und litten seltener an Einsamkeit, Depressionen oder Ängsten als jene, denen Vergebung schwerfiel.
Vergebung lohnt sich – so die zentrale Botschaft – auch aus gesundheitlicher Sicht. Und umgekehrt gilt: Menschen, denen von anderen keine Vergebung entgegengebracht wurde, litten messbar häufiger unter körperlichen Beschwerden.
Freiwillig. Verzeihen und alles wird gut? So einfach sei es leider nicht. Es gäbe kein festes Muster, nach dem Versöhnung und Heilung ablaufen müssen. Jeder Mensch sei individuell. Bischof Krautwaschl begegnet oft Menschen, die sich nach Klärung sehnen – häufig am Sterbebett, manchmal auch Jahrzehnte nach einem prägenden Erlebnis wie einem Schwangerschaftsabbruch. „Ich versuche immer zu vermitteln: Es ist nie zu spät, loszulassen, zu verzeihen – und auch sich selbst zu vergeben.“ Vergebung – eine Medizin, die uns allen zur Verfügung stehe.
Dies sind nur einige Einblicke in das neue Buch von Bischof Wilhelm Krautwaschl, das von Schmerz, Vergebung und Heilung erzählt – und das vieles bereithält, was zum Nachdenken und Innehalten einlädt.
Maria Wilbrink
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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