Interview zum Tag der Arbeitslosen
Ob sie ein gutes Leben führen können

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Auf dem Arbeitsmarkt treffen einzelne Menschen mit ihren Lebensplänen auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Während der Corona-Pandemie hat sich dort die Situation verschärft. Mit Karl-Heinz Snobe, dem Landesgeschäftsführer des AMS Steiermark, sprach der Geschäftsführer des Diözesanen Fonds für Arbeit und Bildung Bernhard Schwarzenegger.

Am 30. April ist der Tag der Arbeitslosen, tags darauf der Tag der Arbeit. Die Corona-Pandemie hat im letzten Jahr die Arbeitslosenzahlen nach oben getrieben. Wie ist aktuell die Lage?
Mit Anfang April 2021 waren rund 51.000 Steirerinnen und Steirer ohne Job, also arbeitslos oder in einer Schulung. Die grundsätzliche Entwicklung der letzten Monate passt, aber die Arbeitslosigkeit ist natürlich noch historisch hoch. Für große Unsicherheit sorgt, wie es nach der Kurzarbeit weitergeht: Behalten die Betriebe ihr Personal? Werden sie anpassen, das heißt kündigen müssen? Kommt es verstärkt zu Insolvenzen?
Unsere Prognosemodelle wurden durch die Pandemie wertlos – jetzt geht es um die Krisenintervention. Wir brauchen eine stabilere Entwicklung, um neue Szenarien und Schwerpunkte entwickeln zu können. Die Planung für die kommenden Jahre muss angepasst werden, dazu braucht es Aussagen von Seiten der Politik.

Gab es im letzten Jahr auch positive Entwicklungen am Arbeitsmarkt, und welche Probleme haben sich verstärkt? Wie reagiert das AMS darauf?
Die Arbeitslosigkeit hat sich im Frühjahr 2020 explosionsartig um plus 30.000 Personen verdoppelt und lag im Jahresschnitt 2020 um 14.000 Betroffene höher als 2019. In zwei Wochen wurde die positive Entwicklung der drei vorhergehenden Jahre zunichte gemacht.
Die zentrale Herausforderung ist die stark wachsende Langzeitarbeitslosigkeit mit all ihren negativen Begleiterscheinungen. Nach jeder Krise ist diese stark gestiegen und erholte sich auch in einem Wirtschaftsaufschwung nicht im selben Maß. Für viele Betroffene verschlechtern sich die Jobchancen dauerhaft, und die Kluft zwischen „Insidern“ und „Outsidern“ am Arbeitsmarkt wird größer.
Ein positiver Aspekt: Unsere Ausbildungsinitiative „Corona-Joboffensive“ eröffnet Menschen, die schon lange über einen Berufswechsel nachdenken, neue Chancen.

Waren Sie selbst einmal arbeitslos? Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit?
Ich habe länger studiert und musste mir mein Leben selber finanzieren. 1987 ging ich auf der Suche nach einem Job zum damaligen Arbeitsamt und erhielt das Angebot, ein einjähriges bezahltes Praktikum zu machen. Aus diesem Praktikum wurde eine Berufung, die mir noch heute ein großes Anliegen ist.

Der vieldiskutierte AMS-Algorithmus soll computerbasiert Arbeitsuchende in drei Gruppen unterteilen: jene mit hohen, mit mittleren und mit niedrigen Arbeitsmarktchancen. Nach welchen Kriterien wird eingeteilt, und welches Förderangebot braucht die jeweilige Gruppe?
Der Einsatz des Algorithmus wurde von der Datenschutzbehörde untersagt, und das AMS hält sich an diese Entscheidung. Sollte diese elektronische Zusatzinformation für AMS-BeraterInnen je eingesetzt werden, gehe ich davon aus, dass sie auf den Fördermitteleinsatz keinen Einfluss mehr haben wird!

Wären unbefristet geförderte Arbeitsplätze für die Gruppe mit niedrigen Chancen, also Menschen, die von der Wirtschaft nicht nachgefragt werden, ein passender Hilfsansatz? Arbeitslose würden zu Arbeitenden. Wäre das leistbar?
Der Arbeitsmarktchancenindex führte zu einer intensiveren Diskussion, welche Angebote Menschen mit geringer Integrationschance brauchen. Im ersten Schritt wurden flächendeckend freiwillige Beratungsangebote für die Zielgruppe eingeführt, die ihre persönliche Situation stabilisieren und langsam verbessern sollen. Diese Beratungszentren erfreuen sich höchster Beliebtheit, weil der Druck, schnell irgendein Jobangebot annehmen zu müssen, wegfällt, und sie sind wirkungsvoll.
Ja, wir werden einen sozialen Arbeitsmarkt brauchen, der jenen Menschen eine berufliche Teilhabe ermöglicht, die keine Chance mehr am ersten Arbeitsmarkt haben. Die Entwicklung so eines Modells ist aber nicht trivial, weil es nicht nur wirtschaftlich darstellbar, sondern auch gesellschaftlich breit akzeptiert sein muss. Dabei ist der Kosten-Nutzen-Aspekt der einfachere Teil. Den erforderlichen solidarischen Konsens für so ein Modell zu erreichen ist viel schwerer, weil Arbeitslosigkeit immer noch ein Stigma anhaftet.

Wie sehen Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Skeptisch, weil es ein Rückschritt wäre, Betroffene ausschließlich mit Geld zu unterstützen.

Wie wird der Arbeitsmarkt aus Ihrer Sicht in zehn Jahren ausschauen? Man hört bereits von Supermärkten ohne Mitarbeiter oder dass zum Beispiel durch autonomes Fahren und wartungsarme E-Autos viele Arbeitsplätze wegfallen werden. Wird es genug Arbeit geben, vor allem für nicht so gut Ausgebildete oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen?
Es gibt einen Konsens darüber, dass sich durch technische Entwicklungen, die Digitalisierung und die Globalisierung der Arbeitsmarkt noch stärker ändern wird. Die Frage des Volumens der Arbeit ist nicht entschieden, und da bin ich auch nicht skeptisch. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Qualität der künftigen Jobs, also ob diese vom Großteil der ArbeitnehmerInnen ausgeübt werden und ob sie davon ein gutes Leben führen können. Diese Fragen müssen politisch beantwortet werden, weil der technische Fortschritt nicht zu stoppen ist.

Tag der Arbeit

„Wenn ein Leben mehr ist …
… als nur Arbeit, Schweiß und Bauch,
woll’n wir mehr: Gebt uns das Brot,
doch gebt die Rosen auch …“

„Gebt uns das Brot, doch gebt die Rosen auch“, sangen amerikanische Textilarbeiterinnen bei einem Streik vor rund 100 Jahren. Sie forderten damit gerechte Arbeit und Entlohnung, aber auch die Wertschätzung ihrer gottgegebenen Würde, symbolisiert durch Rosen.
Durch Arbeit werden wir „mehr zum Menschen“ (Laborem exercens), sie gibt uns soziale Anerkennung. Bei der Arbeit sind wir kreativ, wir treffen KollegInnen und gestalten die Schöpfung Gottes mit. Oft ungesehen und ohne Bezahlung arbeiten wir im Ehrenamt oder in der Familie.
Die enorm hohe Arbeitslosigkeit durch die Pandemie und die Frage, wie wir im Hinblick auf die Digitalisierung in Zukunft arbeiten werden, berührt uns heute nahezu alle. Egal, ob wir selbst oder unsere Kinder und Enkelkinder im Erwerbsleben stehen.
Mit gleich mehreren Akzenten macht die steirische Kirche auf den Tag der Arbeit am 1. Mai und auf den Tag der Arbeitslosen am 30. April aufmerksam. Neben einer Botschaft von Bischof Wilhelm Krautwaschl an die Mitarbeitenden des AMS Steiermark und einem Austauschgespräch der Leitung des Fonds für Arbeit und Bildung mit Spitzen der Diözese gibt es auch einen Gottesdienst und eine Aktion:

  • Sonntag, 25. April, 10 Uhr:
    Gottesdienst anlässlich des Tages der Arbeit und der Arbeitslosigkeit in der Pfarrkirche Hartberg, der online mit-gefeiert werden kann: www.igod.at 
  • Freitag, 30. April, 10–12 und 16–18 Uhr:
    Performance-Aktion und Umfragebarometer vor dem Kircheneck, Herrengasse 23, Graz.

Für Gottesdienstgestaltung
Thematische Gottesdienstbausteine zu Arbeit und Arbeitslosigkeit für den Sonntag, 2. Mai, stehen auf www.katholische-kirche-steiermark.at/fonds-fuer-arbeit unter dem Punkt „Materialien“ zur Verfügung.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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