Caritas - Rumänien
Mit Bildung gegen Armut

In der Kindertagesstätte gibt es für Ema (Bildmitte) und ihre Freunde nicht nur Mahlzeiten – es werden Hausaufgaben erledigt und die Zeit zum Spielen genutzt.
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  • In der Kindertagesstätte gibt es für Ema (Bildmitte) und ihre Freunde nicht nur Mahlzeiten – es werden Hausaufgaben erledigt und die Zeit zum Spielen genutzt.
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In Rumänien lebt jedes dritte Kind unter der Armutsgrenze. Mehr als 15 Prozent der Minderjährigen bricht vorzeitig die Schule ab.

Mit Lern- und Hilfspaketen bekommen Kinder und Jugendliche die Chance auf Bildung und auf ein eigenständiges Leben als Erwachsene.
„Du bist dran!“ Wenn Ema und ihre Brüder um die Wette laufen, ist es die Achtjährige, die meistens gewinnt. Noch außer Atem stürmt die Schülerin durch die Eingangstür des kleinen Wohnblocks und kündigt den Besuch aus Österreich an. In einer reparaturbedürftigen Zweizimmerwohnung warten die Eltern und die kleineren Geschwister, auf einem Tischchen sind Gläser mit Limonade für die Gäste vollgefüllt. Ein kleiner Holzofen und eine Couch, die nachts als Bett für alle dient – viel mehr ist in der knapp 40 Quadratmeter großen Wohnung nicht zu finden. Der Kühlschrank im Vorraum ist nicht am Stromnetz angeschlossen, am Gang ist es so kalt-nass wie in den beiden kleinen Räumen. Kein Ort zum Lernen und zum Spielen, wo Ema aufwächst, und auch nicht einer, wo jeder genug zu essen hat.

Schon Ende Oktober 2019, als von Corona noch niemand wusste und die Caritas Emas Familie besuchte, galt Rumänien als zweitärmstes Land in der EU. Niedriglöhne, ein schwaches Sozialsystem und hunderttausende Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, weil die im Ausland arbeiten, um die Familie daheim zu ernähren. Als Anfang letzten Jahres Covid-19 ausbricht, wird klar: Die Pandemie betrifft zwar alle Menschen, aber sozial Benachteiligte leiden unter ihr ungleich mehr. In Emas Bergdorf schließen die Schulen, die Geschäfte und das Gemeindezentrum ihre Türen. Am schlimmsten aber ist für sie, dass die Kindertagesstätte, in die sie und ihre Brüder jeden Tag zum Essen, Hausfgaben-machen und Spielen kommen, nicht mehr offen hat. „Ich bin so dankbar, dass es die Tagesstätte gibt“, sagte Emas Vater noch im Herbst 2019. „Meine Frau und ich haben keine Schule abgeschlossen und können unseren Kindern nicht beim Lernen helfen.“

Einen Vater, dem Schule wichtig ist, hätte sich wohl auch Viorel gewünscht. Dass der heute 37-Jährige ein halbes Studium hinter sich hat, hat er allein sich selbst zu verdanken. „Englisch habe ich anfangs von Musikkassetten gelernt“, lacht der Rom, der Vater von drei Kindern ist. Heute arbeitet er in einer Caritas-Kindertagesstätte, zwei Autostunden entfernt von Emas kleinem Dorf. Den Zusammenhang von Armut und Schulabbruch kennt Viorel sehr gut und auch die Folgen. Wenn Eltern beispielsweise nicht mehr wissen, wie sie die Kinder versorgen können und ihnen als einziger Ausweg aus der Armut nur mehr die Versorgung der Tochter durch einen Ehemann erscheint. Frühverheiratung des eigenen Kindes? Für Viorel ginge das nie und nimmer. Seine älteste Tochter steht kurz vor der Matura – auch die Zweitgeborene und sein Sohn gehen zur Schule. Sie alle werden, wie Ema, während der Tagesstätten- und Schulschließungen mit Lernmaterial versorgt, die Familien der Kinder erhalten Essen (siehe Interview linke Spalte). Und selbst einen Ersatz für die viel geliebten Lauf-Wettbewerbe mit ihren Brüdern hat Ema erfunden: Statt der Wettrennen am Nachhauseweg von der Schule wird daheim wett-gerechnet und so das Ein-mal-Eins trainiert.

Spenden bringen Zukunft: 
https://www.caritas-steiermark.at/

Essen und Lernhilfe im Fernunterricht
Zwei Drittel der SchülerInnen in Rumänien hat keinen Internet-Zugang. Damit der Fernunterricht in seinem Dorf trotzdem gelingt, hat Viorel Veresan ein eigenes System entwickelt:
„Fernunterricht funktioniert in Rumänien meist etwas anders. Der Großteil der Kinder, die wir normalerweise in unserer Kindertagesstätte betreuen, stammt aus sehr armen Familien. Durch Corona haben fast alle Eltern ihren Job verloren und können die Kinder nicht mehr ausreichend ernähren. Deshalb ist es zu allererst wichtig, dass unsere Schulkinder zu essen haben. Vor der Pandemie war das einfach: Nach der Schule gab es in der Tagesstätte ein Mittagessen und eine Jause. Als wir dann wegen Corona schließen mussten, führten wir eine Art Transportsystem ein und bringen den Familien Essen nach Hause. Größere Mengen wie Kartoffeln in Säcken holen die Familien in der Tagesstätte ab.
In einem zweiten Schritt helfen wir allen, für die der Online-Unterricht nicht möglich ist. Die meisten Kinder haben kein Handy, fast keine Familie hat zu Hause Internet und oft auch keinen Strom – mit einem Satz: Fernunterricht ist für die meisten Kinder überhaupt nicht möglich. Deshalb holen meine KollegInnen und ich die Lernunterlagen in der Schule ab, kopieren sie in der Tagesstätte und bringen sie den Kindern nach Hause. Wer Hilfe braucht, bekommt Unterstützung bei den Hausaufgaben. Die ausgefüllten Hausaufgaben liefern wir dann wieder in der Schule ab und holen die neuen Unterlagen. Der sogenannte Online-Unterricht bedeutet für mich und meine KollegInnen ziemlich viele Kilometer, aber ohne unser Transportsystem hätten die Kinder in unserem Dorf weder genug zu essen, noch würden sie das Schuljahr schaffen.
Danke deshalb an alle, die unsere Kinder und ihre Familien unterstützen.“

Madalina: Von der Straße ins Gymnasium

„Als ich ein kleines Mädchen war, war mein Leben alles andere als einfach. Viele Jahre lebte ich mit meinem Vater in einem Wohnwagen, teilweise auf der Straße. Das war keine schöne Zeit. Wir hatten kein Geld und auch keine Papiere. Offiziell waren wir gar nicht vorhanden. Ohne Papiere konnte ich auch keinen Kindergarten und keine Schule besuchen. Das änderte sich erst, als MitarbeiterInnen der Caritas uns entdeckten und uns Hilfe anboten. Mit neun Jahren bekam ich dann endlich eine Geburtsurkunde ausgestellt. Daraufhin änderte sich mein gesamtes Leben komplett: Mit Hilfe der Caritas fand mein Vater endlich richtige Arbeit, und wir hatten seit langem wieder ein richtiges Dach über dem Kopf. Doch das Schönste für mich war, dass ich endlich in die Schule gehen durfte.
Das Lernen machte mir von Anfang an sehr großen Spaß, und weil ich mir in der Schule zum Glück auch sehr leicht tat, holte ich die verlorenen Jahre sehr schnell wieder auf! Ich wurde von vielen lieben Menschen unterstützt, bekam sogar Klavier-Unterricht. Ich fing an, Geschichten und Gedichte zu schreiben, und gewann sogar bei einigen Wettbewerben. Mittlerweile gehe ich ins Gymnasium. Wenn ich damit fertig bin, möchte ich sehr gerne studieren, Lehrerin werden und Kinder mit Ideen begleiten und unterstützen – so wie auch ich begleitet und unterstützt worden bin.
Die Caritas und ihre MitarbeiterInnen haben mir gezeigt, dass ich wertvoll bin, dass jeder Mensch wertvoll ist. Ich habe gelernt, was Zusammenhalt ist. Ich habe erfahren, wie es ist, Chancen zu bekommen – dafür bin ich unendlich dankbar. Diese Werte möchte ich einsetzen und danach leben und auch anderen davon erzählen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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