Interview
Clemens Sedmak über das Leben Jesu

Clemens Sedmak ist Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame in den USA.  | Foto: Nanovic Institute für European Studies, University of Notre Dame
  • Clemens Sedmak ist Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame in den USA.
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Leben lernen von Jesus: So heißt unsere sechsteilige Serie, die unsere Leserinnen und Leser durch die Fastenzeit begleiten wird. Zum Auftakt haben wir mit dem Autor Clemens Sedmak gesprochen, einem mit der Universität Salzburg verbundenen Theologen und Sozialethiker, der zur Zeit an der University of Notre Dame in den USA unterrichtet. Er erzählt, was ihn persönlich am Leben Jesu inspiriert und was Nachfolge für uns Christen heute bedeutet.

Im Zentrum des Kirchenjahres stehen mit den Hauptfesten Weihnachten und Ostern die Menschwerdung Gottes und die Erlösung durch Jesus Christus. Welche Bedeutung hat das Leben des Jesus von Nazaret für uns?

Clemens Sedmak: Wenn Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus, dann ist das ja auch eine Schule des Menschseins. Jesus von Nazaret will uns durch sein Leben zu verstehen geben, was es heißt, ein menschliches Leben zu führen. Die meisten Jahre seines Lebens müssen ja unauffällig gewesen sein. Ich wollte zwischen den Zeilen im Evangelium lesen, die kleinen Nebensätze beachten. Was heißt Alltag im Sinne Jesu? Wie kann ich für meine Alltagsgestaltung von Jesus von Nazaret lernen? Wir sollen ja das Bestmögliche aus unserem Leben hier auf der Erde machen, obwohl unsere letzte Destination nicht hier auf Erden ist.

Warum haben Sie über das Leben Jesu ein Buch geschrieben?

Sedmak: Ich versuche, als Christ zu leben. Daher ist der Blick auf das Leben Jesu eigentlich der wichtigste Blick. Wie lese ich ein Buch, wenn ich Christ/Christin bin? Wie beschäftige ich mich mit Wissenschaft, wenn ich Christ/Christin bin? Der Glaube spielt sich ja nicht nur am Sonntag in der Kirche ab, sondern die meiste Zeit unter der Woche.

Haben Sie beim Schreiben des Buches etwas Neues, Überraschendes im Leben Jesu entdeckt?

Sedmak: Das Buch ist am Anfang so entstanden, dass ich die vier Evangelien sehr langsam und sehr gründlich gelesen habe. Jeder Mensch stößt auf neue Aspekte, wenn er das Evangelium langsam liest. Die Heilige Schrift ist ein unerschöpflicher Schatz; sie kann immer wieder etwas Neues sagen. Ich habe unter vier Aspekten nach eher unbekannten Bibelstellen gesucht: Wie hat Jesus sein Leben gelebt? Wie sieht er die Welt, welche Fragen stellt er und wozu fordert er uns auf? Ein Beispiel ist die Begebenheit, als Jesus sich zurückziehen will, doch eine Menschenmenge ihm folgt. Da heißt es: „Er nahm sie freundlich auf.“ (Lk 9,11). Ich habe dann die verschiedenen Übersetzungen dieses Satzes angeschaut und gemerkt: Da steckt viel dahinter! Wenn ich so gestört werden würde, dann wäre ich grantig. Ich habe nachgedacht: Was muss in Jesus vorgegangen sein, dass er so reagiert? Und was heißt das jetzt für mich?
Auch der kleine Nebensatz „wie er es gewohnt war“ (Mk 10,1) hat mich überrascht und nachdenklich gemacht. Jesu Leben war von Gewohnheiten geprägt – das ist auch für mich von Bedeutung.

Haben Sie Ihre eigenen Gewohnheiten hinterfragt?

Sedmak:
Ja ich habe mir ganz existenzielle Fragen gestellt. Für mich ist sehr wichtig, wie der Tag beginnt und wie er endet. Die Bibel erzählt, dass Jesus sich vor Sonnenaufgang aufgemacht hat, um an einem einsamen Ort zu beten. Es gibt also eine Vorbereitung auf das Gebet. Das hat mir für mein eigenes Gebetsleben zu denken gegeben.

Kann man Gewohnheiten ändern?

Sedmak:
Ja, die Fastenzeit ist dafür eine sehr gute Zeit. Ein Abt hat einmal von einer „Trainingszeit“ gesprochen. Man sagt, wenn man vier Wochen etwas durchhält, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass daraus eine Gewohnheit wird, die bleibt – vorausgesetzt, sie passt zur eigenen Persönlichkeit. Ich habe vor einigen Jahren für ein Buchprojekt zwölf Menschen gebeten, ein Monat lang mit einer neuen – realistischen! – Gewohnheit zu experimentieren. Eine Teilnehmerin nahm sich vor, zehn Minuten früher aufzustehen. Sie macht das immer noch, weil sich ihre Lebensqualität so sehr verbesserte. Irgendwann kommt der Kipp-Punkt, an dem es leichter wird mit der Gewohnheit zu leben als gegen die Gewohnheit. Die Gewohnheit hält und trägt dann.

Was inspiriert Sie persönlich am Leben Jesu am meisten?

Sedmak: In meinem Nachdenken über Ethik und gelingendes Leben ist einer der höchsten Werte der Wert der Integrität, also der Redlichkeit und Aufrichtigkeit. Jesus verkörpert in beispielgebender Weise Integrität. Als ein an der Universität Lehrender beeindruckt mich sehr, wie Jesus lehrt. Das akademische Leben an einer Universität ist voll von Selbstdarstellern, die an ihrem eigenen Ruf arbeiten. Jesus lehrt, nicht um sich selber größer zu machen, sondern etwas zu verkünden, was nicht von ihm kommt, sondern vom Vater, und was die Menschen auf den richtigen Weg bringen wird. Jesu Autorität kommt daher, dass er Integrität lebt, keine Spielchen spielt, nicht seinen eigenen Vorteil maximieren will, sondern dass er einer größeren Sache dient.
Auch wie Jesus Menschen, die am Rand stehen, in die Mitte stellt, inspiriert mich. Für mich heißt das, mich um Studenten zu bemühen, die sich schwerer tun als die anderen. Ich erwarte mir wesentliche, interessante Inhalte eher von den unterschätzten Studenten. Viele haben eine unglaubliche Autorität durch ihre persönliche Lebenserfahrung. Das ist jesuanisch: Menschen vom Rand in die Mitte zu holen, und von ihnen etwas zu erwarten, das für alle wichtig ist, und von ihnen zu lernen.

Wie ist es, an einer katholischen US-Privat-Universität zu unterrichten?


Sedmak
: Ich unterrichte an einer der 15 besten Unis in den USA – deren Besuch sehr teuer ist! Der Leistungsdruck auf die Studierenden ist sehr groß. Es gibt viele psychische Gesundheits-Probleme, teilweise weil die Studierenden sich überfordern. Auch der Druck auf mich und meine Kolleginnen und Kollegen ist groß, vieles anzubieten, viel zu publizieren. Meine Frage ist immer wieder: Worum geht es eigentlich an einer katholischen Universität? Ich meine, die Nachfolge Christi sollte im Zentrum stehen. Eine Kollegin stammt aus El Salvador und sie ist ein Vorbild für viele Studentinnen aus Lateinamerika. Diese Kollegin nimmt sich sehr viel Zeit für die Studierenden, doch das geht auf Kosten ihrer Forschungs-Zeit.

Jesus hat den Menschen Fragen gestellt. Welche würde er uns heute stellen?

Sedmak: Die wichtigsten Fragen im Leben sind zeitlose Fragen. Wenn ich als Philosoph etwas sagen darf: Die Naturphilosophie des Aristoteles ist überholt, seine 2400 Jahre alte Ethik nicht. Und auch die Fragen, die Jesus stellt, sind zeitlose Fragen. Die Frage „Willst du gesund werden?“ passt z. B. auch in unsere Zeit. Zur Gesundheit gehört ein gesundes Innenleben, eine gesunde Natur, gesunde Beziehungen. Wollen wir das? Und sind wir bereit, Vorteile des Krankseins aufzugeben und etwas für die Gesundheit zu tun? Im 21. Jahrhundert hat die Frage Jesu einen anderen Kontext: die Bedrohung der Schöpfung, die Globalisierung usw.
Zeitlos sind auch Fragen, ob wir das Gute wollen, wie wir miteinander umgehen wollen, was wir uns im Innersten wünschen.

Wozu würde Jesus uns Christen heute auffordern – inmitten einer zunehmend säkularen Gesellschaft?

Semak: Geht hinaus! Geht an die Ränder, wie Papst Franziskus sagte, in die Armut, in die existenzielle Einsamkeit. Ihr habt eine gute Nachricht: Es gibt eine Hoffnung, es gibt einen Weg von Belastung und Unheil ins Heil.
Was die Menschen heute in Österreich und in den USA brauchen, ist die Fähigkeit der Kooperation: Polarisierung überwinden, das Gemeinwohl über eigene Interessen stellen. Globale Einrichtungen wie die UNO, das Völkerrecht usw., auf denen die Nachkriegs-Gesellschaft aufgebaut wurde, zerfallen derzeit. Es scheint heute das Faustrecht des Stärkeren zu gelten. Gott hat die Erde für alle Menschen geschaffen, nicht nur für den globalen Westen – das ist ein Kern der katholischen Soziallehre, die die globale Menschheitsfamilie im Blick hat. Die neuen Nationalismen können einem Sorgen bereiten, ebenso wie die mangelnde Bereitschaft, die Schöpfung zu bewahren und an die nächste Generation zu denken.

Sie haben im Jahr 2020 einen schrecklichen Verlust erlitten: Ihr 15-jähriger Sohn nahm sich das Leben. Seinen Suizid haben Sie im Buch "Wenn das Unvorstellbare geschieht" thematisiert. Wie hat dieser Verlust Ihre Sicht auf das Leben und den Glauben verändert?

Sedmak: Es zwingt einen über das nachzudenken, was wichtig ist. Das Buch ist ein Ausdruck von diesem Nachdenken, was wichtig ist. Man hat nicht mehr so viel Geduld mit Nebenschauplätzen. Es relativiert sich sehr viel. Wenn man ein Kind verloren hat, dann steht man mit einem Fuß schon in der anderen Welt. Ich habe nie ein Hadern mit Gott verspürt. Es ist eher ein Hadern mit uns selbst, ein Hadern mit der damaligen Übermacht des virologischen Diskurses. Es wurde damals zu wenig an die Konsequenzen der Lockdowns für die mentale Gesundheit gedacht. Damals ging die Suizidrate bei jungen Menschen massiv in die Höhe. Wir sehen jetzt noch Auswirkungen: Ich sehe die 18-, 19-Jährigen hier an der Uni, für die das ein traumatisierendes Erlebnis war. Eine große Priorität hat für mich die Nachfolge Christi, und ich habe auch eine große Sensibiblität dafür, wie es jungen Menschen geht. Die so genannte Kristall-Generation, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurde, ist meines Erachtens nicht sehr belastbar. Man muss daher aufpassen, was man von den jungen Leuten verlangt und welche Last man ihnen auferlegt.

Interview: Patricia Harant-Schagerl

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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