Dr. Elisabeth Lukas
Erwarte wenig und erhoffe viel!
- Dr. Elisabeth Lukas, die Grande Dame der Logotherapie und bekannte Buchautorin
- Foto: Patricia Harant-Schagerl
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Die bekannteste Schülerin Vikor Frankls und Grande Dame der Logotherapie, Dr. Elisabeth Lukas, hat uns den folgenden Artikel dankenswerterweise zur Verfügung gestellt:
Viele Menschen verwechseln die Hoffnung mit ihren Erwartungen. Die Hoffnung ist jedoch ein ganz anderes Phänomen als die Erwartung. Während sich jede Erwartung auf etwas Bestimmtes richtet, richtet sich die Hoffnung auf etwas Grundsätzliches.
Erwartungen tragen ein enormes Risikopotential in sich. Nämlich das Potential von bitteren Enttäuschungen. Wer etwa erwartet, auf Grund seiner jahrelangen Verdienste befördert zu werden, trägt schwer an seinem Kummer, wenn er bei der nächsten Beförderung übergangen wird. Natürlich könnte man sich gegen derartige Enttäuschungen wappnen, indem man von Vornherein Negatives erwartet. Tatsächlich gibt es Menschen, die immer nur Schlimmes prognostizieren, doch auch sie haben – genauso wie die ständig Enttäuschten – keinen erbaulichen Lebensweg.
Im Allgemeinen zielen Erwartungen auf Ereignisse ab, die man sich wünscht. Aber Vorsicht! Solche positiven Erwartungen spielen zum Beispiel eine unrühmliche Rolle bei nahezu allen Ehe- und Familienkonflikten. Was die Leute von ihren Partnern und Partnerinnen erwarten, ist oft gigantisch. Ihre Lebensgefährten mögen Verständnis für sie haben, Rücksicht auf sie nehmen, stets geduldig und aufmerksam bleiben, genügend Zeit für sie aufwenden usw. Niemand kann derlei hohe Erwartungen erfüllen. Auch was manche Eltern von ihren Kindern erwarten, ist enorm überzogen. All dies führt zu erheblichen Frustrationen auf beiden Seiten.
Solche positiven Erwartungen spielen eine unrühmliche Rolle in nahezu allen Ehe- und Familienkonflikten.
Erwartungen sind ferner Auslöser für das im Arbeitsbereich grassierende Burnout-Syndrom, und zwar insbesondere die Erwartung eines erfreulichen Feedbacks. Leider gibt es Berufe, in denen Anerkennung und Dank lange Zeit oder überhaupt ausbleiben – auch dann, wenn sie durchaus angebracht wären. In sozialen Berufen etwa erntet man selten unmittelbare Rückmeldungen löblicher Art. Lehrende können sich zum Beispiel sehr um einen interessanten Unterricht bemühen, und trotzdem hocken gelangweilte Schülergruppen vor ihnen und spielen heimlich unter dem Pult mit ihren Smartphones. Pflegekräften kann es ähnlich ergehen: Sie plagen sich mit kranken, alten und behinderten Personen ab und bekommen bloß ein grantiges Gemurmel zu hören, weil ihre Pfleglinge mit den eigenen Problemen zu beschäftigt sind, um das Entgegenkommen ihrer Mitwelt zu honorieren. In solchen Fällen denken sich viele Menschen: „Ich kann mich noch so sehr engagieren, es bringt mir doch nichts ein!“ Ihre Enttäuschung und Unzufriedenheit sind die Wurzel ihrer Erschöpfung und ihres „Ausbrennens“.
Unabhängig von Feedback
Unvergleichlich besser wäre es, sie würden sich auf die Wichtigkeit ihres täglichen Einsatzes besinnen. Wenn sich Lehrpersonen sagen würde: „Ich versuche, die junge Generation bestmöglich auf ihre Zukunft vorzubereiten, und das ist eine großartige Aufgabe, die meine tägliche Mühe wert ist!“, oder wenn sich Pflegekräfte sagen würden: „Ich trage dazu bei, dass die Alten und Kranken trotz ihrer Einschränkungen noch ein würdiges Leben führen können, und darauf bin ich stolz!“, dann wären sie von jeglichem wohlwollenden Feedback unabhängig und mit ihrer Tätigkeit innerlich in vollem Einklang.
Im Kontrast zu den angedeuteten unseligen Erwartungen ist die Hoffnung sowohl transzendent als auch selbsttranszendent, wie Viktor E. Frankl es ausdrücken würde. Sie ist transzendent in dem Maße, als sie keinesfalls darauf abzielt, dass etwas gut ausgehen wird, sondern darauf, dass es – wie immer es ausgeht – seine Stimmigkeit und Richtigkeit im großen und unbegreiflichen Gesamtgefüge der Schöpfung haben wird. Sie kündet davon, dass das Sein nicht einfach entsteht und wieder vergeht, sondern dass alles, was geschieht, einen übergeordneten, umfassenden und menschliches Verstehen bei Weitem übersteigenden Sinn hat, der auch noch Leid, Schmerz und Tod mit einschließt. Insofern wandelt die Hoffnung auf den Spuren eines bewussten oder unbewussten Gottvertrauens.
Der berühmte Arzt Viktor E. Frankl, der bekanntlich ein Überlebender von vier Konzentrationslagern im 2. Weltkrieg war, hat uns dazu ein bewegendes Extrembeispiel hinterlassen. Tragischerweise musste er wiederholt mitansehen, wie eine Reihe von Häftlingen in die Gaskammer getrieben wurde. Er berichtete, dass diese Häftlinge nahezu unisono aufrecht und mit einem Gebet auf den Lippen ihren Kanossagang angetreten haben. Was konnten sie erwarten? Einen qualvollen Tod, sonst nichts. Dennoch war die Hoffnung auf eine letzte höhere Gerechtigkeit und Gnade jenseits aller menschlicher Gräuel ungebrochen in ihren Herzen vorhanden.
Jede Lebenslage birgt eine durchaus erkennbare Sinnmöglichkeit für uns in sich.
Die Hoffnung ist aber auch selbstranszendet in dem Maße, als sie die kleinlichen Wünsche und Begierden des Selbst durchdringt und an das eigentliche Wesen menschlicher Existenz appelliert. Sie flüstert uns zu, dass jede Lebenslage, wie sie auch beschaffen sein mag, eine durchaus erkennbare Sinnmöglichkeit für uns selbst in sich birgt, und sei sie noch so winzig. Dass wir in dem Zeitabschnitt, der uns noch gewährt ist, aus eigener Kraft und gemäß unseren Fähigkeiten etwas Sinnvolles vollbringen können, und dass wir sozusagen „aufgerufen“ sind, dieses Sinnvolle auch zu verwirklichen. Seien es drei Stunden, drei Tage, drei Jahre oder 30 Jahre, die wir vor uns haben mögen – etwas können wir während dieser Zeitspanne dazutun, um unsere Welt um einen Hauch menschenfreundlicher zu gestalten und am Gelingen des Ganzen mitzuwirken. Darauf dürfen wir allemal hoffen!
Auch dazu hat Viktor E. Frankl aus seiner KZ-Erfahrung ein beeindruckendes Beispiel geliefert. Er wusste damals an keinem Tag, ob er den nächsten noch erleben würde. So konzentrierte er sich auf jeden einzelnen Tag im Lager, den er soeben durchlitt, und versuchte diesem einen persönlichen Sinn abzuringen. Er spendete da und dort ein tröstendes Wort an einen Kameraden, machte sich auf einem abgerissenen Zettel eine Notiz, die er vielleicht später verwenden konnte, gedachte liebend seiner von ihm getrennten Frau, von der er nicht wusste, wie es ihr geht, oder vollzog die ihm zugewiesene Fronarbeit ohne nutzlosen Groll. Diese eingesammelte „Sinnfülle“ half ihm durchzuhalten.
Aus alledem lässt sich ein weiser Rat ableiten. Wenn jemand wieder einmal nahe am Verzweifeln ist, weil seine gegenwärtige Situation oder die Nachrichten, die auf ihn einprasseln, zu bedrückend sind, dann erinnere er sich an diesen Rat: Man erwarte so wenig wie möglich und erhoffe so viel wie möglich! Damit ausgestattet wird seine Verzweiflung weichen und er wird gelassen und gestärkt voranschreiten können.
Dr. Elisabeth Lukas
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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