zum Nachdenken -22.03.2020
Schon verhüllt

„Wie kann Gott das zulassen?“ Angesichts von schwerer Krankheit, Tod, Katastrophen und Schicksalsschlägen fällt in der Verzweiflung der obige Satz. Die gleiche Frage wird sich vielleicht auch Maria, die Mutter Jesu, gestellt haben, angesichts des ungerechten und grässlichen Todes, den ihr Sohn gestorben ist. Die darstellende Kunst hat das in einer sogenannten „Pietà“ ausgedrückt: der tote Körper Jesu im Schoße seiner Mutter.
Jesus war mehr als nur ein Mensch. Nur in ihm war der Geist Gottes voll entfaltet – das nennen wir Christen „Sohn Gottes“. Bei ihm zeigte Gott, dass die „Pietà“ nur eine Darstellung auf dem Weg zur Auferstehung war. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Halleluja, Jesus lebt. Und so braucht es den Karfreitag, den Tag der Klage, um die Freude an der Auferstehung um so mehr zu schätzen und zu feiern.
Mir als Seelsorgerin werden in Gesprächen viele Schicksale, viele persönliche Karfreitage anvertraut. Oft, wenn das Erzählte wie eine Wucht daherkommt, kann schon mal mein Blick zu schnell vom Karfreitag auf die Auferstehung schweifen, und es ist verführerisch, zu schnell die Bilder der Auferstehung zu malen, die Freude, die sein wird, wenn die Krise überwunden ist. Abzulenken vom Leid, das im Moment da ist.
„Pietà“ – der Schmerz der Gegenwart – das heißt es zu würdigen. Es ist jetzt nicht hell, es ist jetzt dunkel und schmerzhaft. Und es braucht jetzt viel Kraft und Stärke, um diesen Schmerz, dieses Leid auszuhalten. Und nach der Würdigung, dem Annehmen, Verarbeiten ist erst der Zeitpunkt zu bemerken: Das war noch nicht alles. Das ist eine Station auf meinem Lebensweg. Es kommt noch was. Und ich bin nicht allein auf diesem Weg.
In einem seelsorglichen Gespräch erhielt ich obiges Foto: Eine vom Schnee verhüllte Pietà auf der Schneealm. Erkennbar ist der schlaffe Leib Jesu und angedeutet der Kopf seiner Mutter Maria. Für mich ist das ein großartiges Gemälde, durch eine Schneewehe gezeichnet, für diesen Prozess: Noch ist das Leid erkennbar, doch schon verhüllt, bereit zur Verwandlung.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen, dass Sie all Ihre persönlichen Karfreitage gut verarbeiten und betrauern können. Und dass Sie mit Gottes Hilfe und der Kraft des Heiligen Geistes die Stärke bekommen, aufzustehen, weiterzugehen auf Ihrem Weg, und dass Sie befreit und erlöst nach der Bewältigung auferstehen.

Elisabeth Jurmann, Krankenhausseelsorgerin
am Krankenhaus Graz II, Standort Süd

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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