22. Sonntag im Jahreskreis | 30. August 2026
Meditation
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Strahlen, das bleibt
Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. In der jüdischen Kultur wäre ich eine großartige Klagefrau gewesen – und vielleicht ist an mir auch eine Schauspielerin verloren gegangen. Wenn ich in der Stadt zufällig in eine Demonstration gerate, rührt mich der leidenschaftliche Einsatz der Menschen zu Tränen. Egal, ob ich mich mit ihren Anliegen identifizieren kann – ihre Hingabe berührt mich.
Letzte Woche hatte ich wieder Grund zu weinen: Ich war auf einem Begräbnis. Eine 90‑jährige Bekannte ist nach langer Krankheit gestorben, oder besser: heimgegangen. Ihre Eltern wurden noch im 19. Jahrhundert geboren. Sie selbst erlebte das Ende der Ersten Republik und einen Weltkrieg. 68 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet.
Dieser Mann, der gerade einen so großen Verlust erlebt hat, kam zu Beginn des Begräbnisses zu mir, bedankte sich für mein Kommen – und er strahlte. Mehrere hatten ihn schon gefragt, warum er so glücklich aussehe. Und er antwortete: „Ihr sagt mir alle, dass meine geliebte Frau es jetzt so viel besser hat. Warum sollte ich mich nicht für sie freuen?“
Bei der Gedenkfeier sprach ein Freund über zwei große Porträts von der Verstorbenen, die aufgestellt waren. „Auf dem ersten Foto ist sie hübsch“, sagte er. Und es stimmte: ein junges, gutaussehendes Mädchen. „Auf dem zweiten Foto ist sie schön.“ Das Mädchengesicht hatte Falten bekommen, die Haare waren grau, aber aus ihren Augen strahlte viel mehr Freude. Warum? Weil sie die wichtigen Dinge in den ewigen Dingen suchte. Ihre Welt brach nicht mehr zusammen, wenn sie krank wurde oder jemanden in ihrem Umfeld verlor. Sie war nicht herzlos geworden, sondern hatte ein tiefes Vertrauen in Gott. Fast siebzig Jahre war sie glücklich verheiratet. Und fragte man sie oder ihren Mann, was das Geheimnis dieser langen, guten Ehe sei, haben beide geantwortet: das tägliche gemeinsame Gebet. Jeden Tag beteten sie für jede einzelne Person aus ihrem Umfeld. Mit Namen. Mit konkreten Gebetsanliegen.
Ich weinte beim Begräbnis. Nicht aus Trauer – aus Bewunderung und aus einem tiefen Sehnen nach dieser Freiheit von Vergänglichem und diesem Vertrauen in den Schöpfer.
Maria Wilbrink
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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