Zeitdiagnose | Teil 03
Natürlich geht es auch um das christliche Abendland

<p>Die Terrornacht von Paris stellt auch Europa einmal mehr die Frage nach seiner Identität.

Schon bemerkenswert, zu welchen Schlüssen die schrecklichen Ereignisse vom 13. November führen: So meint ein als „Terrorismusexperte“ ausgewiesener österreichischer Politikwissenschaftler in einem Interview in der „Kleinen Zeitung“ am Tag nach den Anschlägen: „Ich hoffe, dass gefestigte, demokratische Gesellschaften, wie wir sie in Europa vorfinden, anders reagieren können und wir nicht das christliche Abendland, sondern die Demokratie verteidigen.“

Zwei schwere und wenig überraschend unwidersprochen gebliebene Unterstellungen in einem Satz, das sagt schon viel über das geistige Klima des veröffentlichten Mainstreams aus. Unterstellung Nummer eins: Wer aus christlichen Motiven dem Terror entgegentritt, reagiert nicht „anders“, sondern gleich wie die Terroristen; Unterstellung Nummer zwei: Die Demokratie sei eine Antithese zum christlichen Abendland.

Achselzuckend zur Kenntnis nehmen?

Solche Unterstellungen sind nicht nur ärgerlich, sie zeugen auch von einer wenig differenzierten und differenzierenden Sicht auf Religionen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Denkweisen wie diese gehen dann meist auch noch Hand in Hand mit einer trivialisierten Verkürzung der Aufklärung als antireligiöses Konzept. Und ein Großteil der Christinnen und Christen, aber auch ihrer Repräsentanten nimmt dies achselzuckend zur Kenntnis, schließlich ist die meist aus atheistischem und laizistischem Geist gespeiste Kampffloskel „Religion ist Privatsache“ auch bei ihnen fest verankert.

Bei aller berechtigten Kritik an den bis heute nicht völlig überwundenen autoritären Strukturen der Kirche können diese nicht unreflektiert mit dem Geist des Christentums verwechselt werden. Dem gilt es, zumindest dreierlei entgegenzuhalten:

Erstens: Die Idee von der Gleichheit aller Menschen, die letztlich zur Grundlage der Aufklärung und der Demokratie wurde, hat vor allem Paulus in seiner Synthese jesuanischer Predigten und stoischen Gedankenguts aufbereitet.

Zweitens: Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte wäre ohne das christliche Personsprinzip essenziell unvollständig. Es war der christlich inspirierte Humanist Pico della Mirandola im 15. Jahrhundert, der nachhaltig den Begriff der Menschenwürde in die abendländische Geisteskultur eingeführt hat.

Drittens: Mit dem spanisch-US-amerikanischen Religionssoziologen José Casanova ist festzuhalten, dass es die ursprünglich konfessionell geprägten christdemokratischen Parteien waren, die gemeinsam mit Sozialdemokraten die uns heute selbstverständlichen liberalen Demokratien nach 1945 formten. Dieser Prozess hat übrigens auch entscheidend zur Emanzipation der Gläubigen von einem autoritären Kirchenverständnis geführt. In „Gaudium et spes“ hat die katholische Kirche diese Entwicklung schließlich unumstößlich implementiert.

Die christlichen Wurzeln geringzuschätzen ist nicht nur eine Diskriminierung der Gläubigen, dies hätte auch eine geistig-geistliche Verarmung unserer Kultur zur Folge.


Hans Putzer

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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