Anstoß - Fastentraining mit dem Sonntagsblatt | Teil 04
Jeder braucht eine zweite Chance

Konrad Plautz ist nicht nur Österreichs zurzeit prominentester Schiedsrichter. In seiner Pfarre Navis in Tirol kümmert er sich um die Ministrant(inn)en.
  • Konrad Plautz ist nicht nur Österreichs zurzeit prominentester Schiedsrichter. In seiner Pfarre Navis in Tirol kümmert er sich um die Ministrant(inn)en.
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Schiedsrichter müssen gerecht sein. Woher haben Sie Ihren Sinn für Gerechtigkeit?

Konrad Plautz: Ich glaube, dass mein Gerechtigkeitssinn mit meiner Herkunft zu tun hat. Ich komme aus einer großen Familie mit noch acht Geschwistern. Wir haben gelernt, mit sehr wenig auszukommen. Und da ist es immer darum gegangen, dass alles gut aufgeteilt wird. Ich habe schon als Kind gelernt, auf alle gut zu schauen. Heute wirft man mir manchmal vor, dass ich zu gutmütig bin, weil ich jedem gerecht zu werden versuche. Allerdings: Jedem gerecht zu werden, ist eine Kunst, die niemand kann.

 

Verraten Sie uns Ihre Schwächen?

Meine Versuchung ist, dass ich zornig werde. Und wenn ich zornig werde, laufe ich Gefahr, laut zu werden. Und wenn man laut wird, zeigt man Schwäche. Das ist meine Gefahr. Ansonsten kenne ich auf dem Fußballfeld eigentlich keine großen Versuchungen.

 

Gibt es Situationen in einem Spiel, vor denen Sie sich fürchten?

Wenn es in einem Spiel hektisch zugeht, das Publikum kocht, die Spieler kochen und dann gibt es eine strittige Elfmeter-Entscheidung oder einen Ausschluss, dann ist der Adrenalin-Spiegel hoch. Situationen, vor denen ich mich auch fürchte, sind jene wie im Spiel zwischen Austria Wien und Austria Kärnten. Bei diesem Spiel habe ich drei Tore aberkannt. Oder Massenkonfrontationen zwischen Spielern beider Mannschaften usw. Ich kann nur sagen: So ein Spiel wünsche ich keinem Schiedsrichter.

 

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie als Schiedsrichter eine falsche Entscheidung getroffen haben?

Offen gesagt: Ich habe noch kein Spiel fehlerfrei gepfiffen. Ich schau mir nach jedem übertragenen Spiel die Fernsehaufzeichnung an und bemühe mich, aus den Fehlern zu lernen.

 

Schiedsrichter müssen oft böse Worte einstecken. Wie sehr belasten Sie Beschimpfungen oder negative Kritiken in den Medien?

Durch die Positivberichterstattung in den Medien stehe ich im Moment sehr gut da. Doch es kann auch ganz anders sein. Ich brauche nur an das Spiel Austria Wien gegen Austria Kärnten zu denken, bei dem ich drei Tore aberkannt hatte. Nach dem Spiel bekam ich Morddrohungen. Natürlich sagte ich mir: Habe ich das notwendig? Und natürlich gibt es dann die eine oder andere schlaflose Nacht. Ich erinnere mich noch gut, als ich nach dem besagten Spiel zum ersten Mal wieder in Klagenfurt gepfiffen habe. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl im Bauch.

 

Sie haben doch sicher auch Spieler, die Sie besonders gern mögen oder die Ihnen eher unsympathisch sind …

Egal, ob Barcelona mit sieben, acht Stars gegen eine Mannschaft spielt, die vielleicht nur einen bekannten Spieler hat: Für mich spielt eine Mannschaft in Rot gegen eine andere in Weiß. Mir ist wurscht, wer spielt. Alle haben sich zu benehmen und werden gleich behandelt und beurteilt. Natürlich gibt es Spieler, die besonders hart hineinfahren. Denen muss man Einhalt gebieten. Und natürlich gibt es die Spielmacher, die besonders gefährdet sind wie ein Ronaldinho. Auf die muss ich besonders achten. Aber egal, ob jemand ein Millionenstar ist oder nicht: Ich muss alle gleich behandeln.

 

Sie sind in der Ministrant(inn)enarbeit tätig. Können Sie die Erfahrungen vom Spielfeld auch in der Pfarre einbringen?

Als Schiedsrichter versuche ich möglichst ohne Fehler zu sein und immer mein Bestes zu geben. Das will ich meinen Ministrant(inn)en übermitteln. Das sage ich ihnen auch: „Versucht einfach euer Bestes zu geben.“ Es wird sicher niemandem der Kopf runtergerissen, wenn einmal ein Fehler passiert. Ich merke, dass diese klaren Anforderungen den Ministranten gut tun. Sie sind begeistert bei der Sache und machen ihre Sache sehr gut. Ich glaube auch, dass der riesige Zulauf zu den Ministranten bei uns in der Pfarre damit zu tun hat. Zurzeit haben wir immerhin 47.

 

Gibt es Sätze oder Gleichnisse aus dem Evangelium, die Ihnen beim Pfeifen eines Spieles helfen?

Während eines Spieles denke ich nicht an das Evangelium. Anders ist es, wenn ich in der Kirche bin und das Evangelium höre – zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dann merke ich, wie sehr das Evangelium Richtschnur für das Fußballspielen sein kann. So ist es ein großer Unterschied, ob du einem Spieler, der ein schweres Foul begangen hat, eine zweite Chance gibst oder nicht. Meistens macht sich eine positive Haltung der Schiedsrichter auch positiv bei den Spielern bezahlt.

 

Und die Sternstunden eines Schiedsrichters?

Besonders schön sind Erfahrungen, wenn zwei Spieler, die in einem Spiel aneinandergeraten sind, sich nach dem Spiel wieder versöhnen. Ich versuche nach Spielen immer, Streitereien zu schlichten und die Streithanseln zusammenzubringen. Gott sei Dank gelingt mir das auch oft.

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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