Zeitdiagnose | Teil 01
Fremd bin ich eingezogen – fremd zieh ich wieder aus!

Was am Beginn des 19. Jahrhunderts noch als die individuelle Tragik eines heimatlos gewordenen Wanderers gelesen wurde, scheint in diesen Wochen zur gesamteuropäischen Zerreißprobe zu werden. Nicht, dass der Flüchtlingsstrom in die Europäische Union unerwartet gekommen wäre. Die italienische Insel Lampedusa oder auch die spanischen Enklaven Ceuta und Mellila an der marokkanischen Mittelmeerküste sind schon seit Jahren Brennpunkte einer Migrationsbewegung, die von Hunger, Terror, Krieg und nicht zuletzt auch vom Klimawandel ständig neu gespeist werden. Das Mittelmeer als Massengrab schien lange Zeit hindurch (zu) vielen als unerträglich, zugleich aber auch als unveränderlich. Gescheiterte EU-Konferenzen zum einen, aber auch überhörte Warnungen vieler politisch Verantwortlicher zum anderen verloren sich zwischen handlungsineffizienter Betroffenheit und schlichter Ignoranz. Doch scheinbar plötzlich standen die Flüchtlinge auch vor Österreichs Grenzen.

Einer zur ständigen Selbstinszenierung neigenden Zivilgesellschaft schlug in den Hilfsaktionen am Wiener Westbahnhof ihre große Stunde: Gestern die „bösen Ungarn“, morgen die „Wir-schaffen-es“-Deutschen und heute – die Durchreise begleitend – der gute Mensch von Österreich. Bitte nicht falsch verstehen: Hier geschah und geschieht Großartiges, vieles auch aus einer zutiefst christlich geprägten Gesinnung. Doch der Ernstfall war das alles noch nicht!

Kirche in der Welt

Kein Satz aus den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils wird öfter zitiert als der Beginn von „Gaudium et spes“: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Dieser Gedanke ist auch ein probates Programm eines christlich geprägten Umgangs mit den Fremden, vor allem auch für jene, die bleiben werden oder dies zumindest wollen. Doch das Gefühl der Bedrängtheit, auch das der Angst, ist nicht nur auf der Seite der zu uns Kommenden zu finden. Es wäre auch wenig hilfreich, hier gegenseitige Aufrechnungen vorzunehmen. Eine Kirche, die sich ernst nimmt, muss sich der Sorgen beider Seiten annehmen. Und sie muss vor allem in der Lage sein, ihre nicht disponible Botschaft der Barmherzigkeit inklusiv, das heißt für alle Betroffenen, zu verkündigen (?) und zu leben (!).

Papst Franziskus weist in „Evangelii gaudium“ (EG 220) zu Recht darauf hin, dass „ein Volk zu werden“ ein fortschreitender Prozess sei, „eine langsame und anstrengende Aufgabe, die verlangt, dass wir uns integrieren und bereit sind, geradezu eine Kultur der Begegnung in einer vielgestaltigen Harmonie zu entfalten“. Vielleicht liegt gerade darin die große Herausforderung für die Kirche, Vermittler zwischen den Kommenden und den schon hier Seienden zu sein.

Hans Putzer

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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