Heilsam leben - mit Hildegard von Bingen | Teil 04
Einmal Himmel und zurück

Nicht aus eigenem Antrieb und Ehrgeiz, sondern nach langem inneren Widerstand begann Hildegard von Bingen ihre „Visionen“ von Gott und der Welt aufzuschreiben und zu deuten.
  • Nicht aus eigenem Antrieb und Ehrgeiz, sondern nach langem inneren Widerstand begann Hildegard von Bingen ihre „Visionen“ von Gott und der Welt aufzuschreiben und zu deuten.
  • Foto: Markus Hofer
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Als Hildegard mit dem Schreiben ihrer theologischen Werke begann, war sie bereits 47 Jahre alt. Sie fühlte sich von Gott berufen, ihre „Schau“ mit anderen Menschen zu teilen. Ihr Widerstand war, wie sie selbst mühsam einsehen lernte, zwecklos. Deshalb überwand sie alle Furcht und begann mit der Hilfe ihres Sekretärs Volmar mit „Scivias“, ihrem ersten Buch, das auf Deutsch „Wisse die Wege des Herrn“ heißt. Es beschreibt die Schöpfung, die Erlösung und das Ende der Zeiten. Hildegards Ziel ist, mit ihrem Werk einen Beitrag zur Erneuerung der Kirche zu leisten. Sie schreibt in ihrem Vorwort, dass diejenigen, die die Bedeutung der Heiligen Schrift kennen, zu träge und zu ängstlich sind, das Wort Gottes zu verkünden. Wenn aber der Mensch sich als Rebell erweist, quer zur Schöpfung steht und durch seine Trennung von Gott die Dunkelheit in der Welt vermehrt, dann müssen diejenigen, deren Augen sehen und deren Ohren hören, die Botschaft von der Berufung der Menschen zum Dienst an der Schöpfung und zum Lob Gottes verkünden.

Sinnliche Theologie. Hildegards Theologie spricht alle Sinne an, so wie auch sie selbst mit allen Sinnen bei der Sache ist. Am Anfang jedes Abschnittes steht ein facettenreiches Bild, das Hildegard anschließend auslegt. Mitunter folgt sie dabei den traditionellen Sichtweisen, manchmal aber weicht sie auch von ihnen ab. Das betrifft vor allem die Rolle der Frau in der Schöpfung. Gilt sie bei Hildegards Theologenkollegen vor allem als Versucherin, als diejenige, die die Harmonie der Schöpfung in einen Missklang verwandelt hat, schildert Hildegard die Frau als ambivalent. Keine Frage, Eva hat die Sünde, die Trennung von Gott in die Welt gebracht, aber Maria hat mit ihrem Ja Gottes schönstes Geschenk zur Welt gebracht. „Deshalb ruht höchster Segen auf der Gestalt der Frau vor aller Kreatur“, singt Hildegard in einem ihrer Lieder.

Training für die Ewigkeit. Ihr zweites Werk „Vitae meritorum“ – „Der Mensch in der Verantwortung“ – steht in einer langen Tradition von Büchern, die sich der Auseinandersetzung des Menschen mit den guten und bösen Kräften widmen. Bei Hildegard hat sie den Charakter eines Gespräches zwischen Tugenden und Lastern. Indem wir ihnen zuhören, können wir uns selbst positionieren. So eröffnet sich uns ein Trainingsfeld, in dem wir die guten Kräfte in uns stärken und die negativen in Schranken halten können. Der Übungsort für die Ewigkeit ist hier und jetzt, mitten in unserem Leben.

Mitunter sah Hildegard in ihren Visionen Bilder, die sie nicht in ihre konkrete Wirklichkeit einordnen konnte, wie zum Beispiel eine Frau im Priestergewand. Dann merkt man ihren Deutungen an, welche Mühe ihr die Erklärungen bereiten. In manchen Fällen, vor allem da, wo sie die gängigen theologischen Lehrpfade verlässt, wiederholt sie zunächst die geltende Meinung, um dann ihre eigene Sicht anzuschließen. Auch für Hildegard selbst war ihre Gabe eine Herausforderung, mit der umzugehen sie trainieren musste.

Mitten in der Welt. Die Frage, ob der Mensch sich entweltlichen sollte, hat sich für Hildegard nicht gestellt. „Mitten im Weltenbau steht der Mensch“, schreibt sie in ihrem dritten Visionswerk „Divinorum operum“ – Welt und Mensch“. Sie ist überzeugt: Unsere Taten haben Auswirkungen auf den gesamten Kosmos. Wir sind Mitschöpfer(innen) Gottes und Mitarbeiter(innen) an der Vollendung seines Werkes. Dazu sind wir von Gott angerufen. Entsprechend groß ist unsere Verantwortung. Wir können uns nicht damit herausreden, dass wir anderes, Wichtigeres zu tun haben. Unser Dienst als Gottes Mitarbeiter(innen) ist jedem anderen Tun vorzuziehen. Wie ernst Hildegard die Berufung zur Mitarbeit am Weltenbau nimmt, wird an ihrem Umgang mit der Frage der Beichte in der Todesstunde deutlich. Spürt ein Mensch, dass er stirbt, soll er einem Priester bekennen, wann er von Gott getrennt gewirkt, also gesündigt hat. Ist kein Priester da, soll er einem Mitmenschen beichten, und ist er ganz allein, soll er der Schöpfung seine Sünden bekennen, denn sie ist es, die er durch seine schlechten Taten durcheinandergebracht hat.

Opfer oder Geschenk? Zu den Besonderheiten in Hildegards Theologie gehört ihre vom theologischen Mainstream abweichende Antwort auf die Frage: Warum wurde Gott Mensch? Viele Theologen beantworten sie bis heute mit dem Hinweis auf das Opfer. Sie sind überzeugt: Die Sünde der Menschen wiegt so schwer, dass Gott nur durch ein außerordentliches Opfer, den Tod seines eigenen, einzigen Sohnes, wieder mit uns versöhnt werden kann. Hildegard sieht das anders. Sie lehrt: Gott wurde Mensch, weil er die Menschen so sehr liebte, dass er ganz nah bei uns sein wollte. Und das wusste er von Anfang an. Deshalb war die Geburt Jesu auch schon zu Beginn der Schöpfung vorgesehen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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