Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 006
Die Entstehung der Evangelien ist heute verhältnismäßig gut erforscht.

Im Katharinenkloster am Fuße des Sinai wurde das älteste vollständige Neue Testament gefunden.
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Das Neue Testament

Allgemein wird davon ausgegangen, dass Markus (Mk) als erstes der Evangelien verfasst wurde. Man nimmt an, dass der Autor Heidenchrist gewesen sein muss, vor seiner Bekehrung also nicht zur jüdischen Glaubensgemeinschaft gehört hat. Erklärungen jüdischer Bräuche und Übersetzungen aramäischer Ausdrücke machen deutlich, dass dieses Evangelium für Heidenchristen wohl um 70 n.Chr. (während des Aufstands gegen die Römer) geschrieben worden ist.

Die so genannte „Zweiquellentheorie“ geht davon aus, dass Mat­thäus (Mt) und Lukas (Lk) das Evangelium des Mk als Vorlage haben, beide aus einer nicht näher bekannten Sammlung von Sprüchen („Logien“) Jesu schöpfen und darüber hinaus Eigengut in ihren Evangelientext einbinden. Weil man die drei Evangelien vergleichend zusammenlesen kann, werden sie auch „Synoptiker“ (griech. = „zusammenschauen“) genannt.

Das Evangelium des Mt – nach altkirchlicher Tradition hielt man den Verfasser für jenen ehemaligen Zöllner, der dann Apostel Jesu wurde – richtet sich dagegen an Juden bzw. Judenchristen. Heute wird bezweifelt, dass der Verfasser des Mt dieser Apostel war, weil es als unwahrscheinlich anzusehen ist, dass ein Primärzeuge von einem Sekundärzeugen (Mk) abschreiben würde. Auch wäre dies bei der heutigen zeitlichen Einordnung, die die Entstehung des Evangeliums auf die Zeit zwischen 80 und 100 n.Chr. schätzt, quasi nicht möglich. Das dritte synoptische Evangelium, Lk, wird dem Arzt Lukas zugeschrieben, der Paulus – so dieser in seinen Briefen (Phlm 1,23–24 und Kol 4,14) – auf dessen Missionsreisen begleitet hat. Die Entstehung des Evangeliums wird, ähnlich dem Mt, in die Zeit zwischen 90 und 100 datiert, weil dem Verfasser zwar die Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) bekannt gewesen sein dürfte; seine Loyalität gegenüber dem Staat lässt aber da-rauf schließen, dass er noch keine Christenverfolgung miterlebt hat.

Von den drei synoptischen Evangelien hebt sich das Johannesevangelium durch eine ganz andere Sprache und einen ganz anderen Denkstil deutlich ab. Die Entstehungszeit ist umstritten: Viele Datierungen halten die Abfassung in der Zeit zwischen 100 und 120 n.Chr. für wahrscheinlich.

Offensichtlich kannte der Verfasser sich zwar sowohl geographisch in Jerusalem und Palästina aus als auch religiös-kulturell in der jüdischen Fest-Kultur; trotzdem lassen viele Andeutungen von Spannungen auf ein eher konfliktreiches Verhältnis zu der jüdischen Gemeinde und eventuell auch mit den anderen sich entwickelnden christlichen Gemeinden schließen. Johannes ist der Evangelist, der die meisten judenpolemischen Einlassungen enthält, was in der Wirkungsgeschichte Anlass für zahlreiche Polemiken und Propaganda war.

Neutestamentliche Schriften waren schon sehr früh in den Gemeinden verbreitet. Die ersten Sammlungen dürften die Paulusbriefe gewesen sein (um 70), Mitte des 2. Jahrhunderts wird eine Zusammenschau der vier Evangelien von Tatian zitiert. Irenäus von Lyon verfasst etwas später eine Aufstellung wichtiger Apostelbriefe, wobei diese nicht mit der heute kanonisierten übereinstimmt.

Um das Jahr 230 beschreibt Origenes in seinem Kommentar alle Bücher des Neuen Testaments, dessen Bestandteile sich aber noch verändert haben. Während des 4. Jahrhunderts findet diese Sammlung dann ihren Abschluss unter Cyrill von Jerusalem, in dessen Unterweisungen lediglich die Offenbarung des Johannes fehlt. Bei Athanasius von Alexandrien findet der Textumfang seine heutige Form, wenn auch erst das Konzil von Trient 1546 den Kanon des Neuen Testaments offiziell und autoritativ für die katholische Kirche festlegte.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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