Abenteuer Gottesglaube | Teil 05
Carlo M. Martini – der Kardinal mit dem hörenden Herzen

Am 31. August 2012 starb Kardinal Carlo Maria Martini von Mailand.

Viele Menschen konnte er für das „Aben­teuer Gottesglaube“ begeistern. Aber wie machte er das? Seine Gabe war die des Hörens. Er konnte so gut zuhören, nicht passiv, sondern aktiv. Das hat seinen Gesprächspartnern das Herz und den Mund geöffnet. Sie fühlten sich angenommen und groß-, nicht durch Belehrungen oder Befehle kleingemacht.

Auf die Frage, wie es ihm gelungen ist, hunderttausende Menschen, vor allem junge, zu seinen Katechesen in den Mailänder Dom und auf den Vorplatz zu locken, antwortete er: „Ich habe mich mit jungen Leuten getroffen und habe ihnen zugehört. Ihre Fragen habe ich aufgenommen und auch Botschaften empfangen, die ich weitergeben konnte.“

Mit hörendem Herzen. Das hörende Herz war es, das Kardinal Martini befähigte, das Amt des Erzbischofs von Mailand auszuüben. Er war kein Stratege und kein gelernter Kirchenpolitiker. Er war kein Machtmensch, sondern ein Professor, dessen Leidenschaft biblische und fremde Sprachen waren. Er war ein Priester mit einem offenen Ohr für alle Menschen, besonders wenn sie an den Rand gedrängt wurden.

In der Bibelauslegung achtete er auf die ­Frauen, die von männlichen Theologen über Jahrhunderte hinweg übersehen oder schlechtgemacht wurden. Aus verschiedenen Frauen wurde die Sünderin gemacht. Diese Achtsamkeit brachte er auch den Frauen entgegen, mit denen er zu tun hatte. Eine Frau aus Wien, die er gerne erwähnte, gab ihm wöchentlich Berichte aus deutschsprachigen Medien. Als sie ihn sehr betagt zum letzten Mal besuchte, starb sie. Als der Kardinal schon im Rollstuhl und auf Hilfe angewiesen war, ließ er sich noch an jenem Donnerstag, der früher bei den Jesuiten „Villa-Tag“ hieß, es war der Erholungstag in der Woche, zu Sr. Germana ins Pflegeheim bringen. Sie hatte ihm 40 Jahre lang als Schreibkraft gedient und für ihn gelebt. Bei meinem letzten Gespräch mit ihm war er gerührt von der Liebe seiner Umgebung, und er verwies besonders auf Marisa, die Krankenpflegerin. Im Kreise seines engsten Teams, es war mehr eine Familie, die ihn bis zum letzten Augenblick trug, durfte er in Ruhe einschlafen. Drei Tage vor seinem Tod sagte er zu Sr. Marisa: „Jetzt kann Er mich holen.“ Heimholen meinte er.

Er hielt die Treue. Sein Augenmerk galt besonders Menschen, die sich in der Sozial­arbeit und für die Jugend einsetzen. Mit all seiner Liebe wollte er sie in ihrem Dienst unterstützen. Als er kaum mehr Besuch empfangen konnte, blieb sein Tor dennoch offen für depressive und gefährdete Menschen. Bis zuletzt hielt er Treue den ehemaligen Terroristen der Roten Brigaden gegenüber, die seinetwegen den bewaffneten Kampf aufgegeben hatten. Zum Zeichen dafür ließen sie ihre Maschinengewehre und Munition in Kisten ins Erzbischöfliche Palais bringen.

Als sie verurteilt wurden, besuchte er sie im Gefängnis und taufte später ihre Kinder. Auch sie gehörten zur Familie des Kardinals. Sicherlich nicht durch Ratschläge oder Ermahnungen, sondern durch sein vertrauensvolles Herz hat er sie gewonnen. Er hörte ihre Geschichten des Leidens und der Irrwege.

Bücher und Briefe. Kardinal Martini hat unzählige Bücher geschrieben. Er selber sagte einmal, es seien so viele, dass er sie weder gelesen noch geschrieben haben könne. Viele der Bücher entstanden aus Aufzeichnungen seiner Predigten, Gespräche und Vorträge. Besondere Sorgfalt wandte er für Briefe auf.

Berühmt wurde Martinis Briefverkehr mit Umberto Eco unter dem Titel „Was glaubt, wer nicht glaubt?“. Auch noch einem Atheisten konnte der Kardinal hilfreiche Botschaften entlocken. Davon war er selbst so beeindruckt – weil sie sein Herz für die Welt und für die Suche der Menschen weiteten – dass er in Mailand die Cathedra der Nichtgläubigen einrichtete. Alle in der Kirche sollten hören, was sie uns zu sagen haben, insbesondere Kritisches, das die Kirche näher zu den Fragen und Sorgen der Menschen bringen sollte.

Klagen an der Kirche. In seinen letzten Lebensjahren bedrückte ihn vor allem, dass die Kirche so viel Glaubwürdigkeit bei den Menschen verloren hatte. Es quälte ihn, dass sie in entscheidenden Lebensfragen keine Gesprächspartnerin mehr für einen Großteil der jungen Generation in den westlichen Ländern war. „Wir dürfen die Seelsorger, die mit den Menschen leben, nicht allein lassen. Wir müssen die Nähe zur Jugend suchen. Wir müssen uns befreien von dem, was uns hindert, den Menschen zu helfen.“ Mit diesem Anliegen bestürmte er den Papst, darüber klagte er bis in seine letzten Tage.

Das letzte Gespräch war erschütternd realistisch und kirchenkritisch. Er war innerlich so erfüllt von Gottvertrauen und von weitem biblischem Denken, dass er sich ehrlich mit seiner geliebten Kirche auseinandersetzen konnte. Die Kirche war nicht sein Maß, sondern seine Heimat, und sie sollte für die vielen, die im Wohlstand auf der Suche sind, wieder Heimat werden. Das aber bedarf einer radikalen Umkehr, wie er sie vom Papst und von den Bischöfen als ersten forderte.

Viele haben seine Kritik dankbar aufgenommen. Viele in der Hierarchie aber waren geschockt oder wollten sie nicht hören. Dabei war sie als ehrliche Hilfe gedacht. Sie zeugte davon, wie sehr er in Gott geborgen war und wie er in der Welt der Bibel, die alle Facetten des Lebens und die Vielfalt der Meinungen kennt, zu Hause war.

Sein letztes Wort, das er noch herausstoßen konnte, nachdem er schon ins tödliche Schweigen versunken war, soll er am Ende seiner letzten Messe, die er hören konnte, gesagt haben: „Andiamo in pace“ (Gehen wir in Frieden).

Er fragte und fragte. Beim letzten Mal, da ich mit ihm wenige Tage vor seinem Sterben einen Tag in Mailand zusammen sein durfte, fragte und fragte er. Er war dem anderen zugewandt und nicht mit sich beschäftigt. Zu Ungelöstem sagte er mir mit liebevoller Stimme: „Ich kann dich gut verstehen.“ Und dann provozierte er mich noch mit der letzten Frage: „Was ist dein Projekt für die Kirche?“ Das wollte er hören.

Kardinal Martini bezeichnete seinen Umgang mit der Bibel als einfach. Wiede­rum: „Die Stille ist wichtig, um auf den Text zu hören.“

Das Beispiel Salomos. Seine Weise, die größte Diözese der Welt zu regieren und die vielen Gemeinden und verschiedenen Strömungen zusammenzuhalten, mag der Erzbischof vom König Salomo abgeschaut haben. Salomo als junger Mann sollte den Thron des Vaters David besteigen und das große Reich regieren, das sein Vater zusammengeführt hatte durch Kriege und geschickte Politik, bis hin zum Heiraten und Erben. Als Salomo vor der Verantwortung stand, die ihn überforderte, klagte er Gott seine Hilflosigkeit.

Er bekam zur Antwort, dass ihm ein Wunsch erfüllt werde. Salomo bat um ein hörendes Herz. Weil er darum bat und nicht um Macht oder Reichtum, wurde sein Wunsch erfüllt – und dazu bekam er noch all das, worum er nicht gebeten hatte. Das hörende Herz machte ihn zu einem geschickten Herrscher, seine Weisheit war weltberühmt und zog sogar die schöne Königin von Saba an.

Festgemacht im Glauben, wagte sich Kardinal Carlo Martini an alle Aufgaben, die ihm entgegenkamen. Ohne Angst und ohne Aggression, mit offenem und liebenswürdigem Herzen. Hörend fand er in den Menschen das Abenteuer Gottesglaube.

 

P. Georg Sporschill

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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