APROPOS Jesus | 60 Fragen - 60 Antworten
55. Was ist aus Jesu Familie geworden?

Von seinem öffentlichen Auftreten war die Familie Jesu nicht begeistert. Seine Angehörigen dachten, er sei verrückt geworden (vgl. Mk 3,21).

Das Johannesevangelium betont sogar: „Auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.“ (Joh 7,5) – Von seinen Schwestern erfahren wir in der Bibel nichts. Maria, seine Mutter, taucht erst wieder unter dem Kreuz auf. Und was ist mit Josef? Spannend ist, dass Jesus seit seinem öffentlichen Auftreten nicht, wie im jüdischen Kontext üblich, als Sohn des Soundso vorgestellt wird, sondern als „Sohn der Maria“ (Mk 6,3). (Zieh-)Vater Josef ist seit der Erzählung des zwölfjährigen Jesus im Tempel (vgl. Lk 2,41–52) der „große Abwesende“ und taucht in den Evangelien nicht mehr auf. Vielleicht ist er früh gestorben. Aber was geschah dann?

Über die Zeit nach der Auferstehung und „Himmelfahrt“ Jesu erzählt die Apostelgeschichte: „Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apg 1,13f.) – Demnach gehören auch Maria und einige „Brüder“ zur Jerusalemer Urgemeinde. Also nicht nur Jesu selbstgewählte „geistige Familie“ (vgl. Mt 12,49f.), sondern auch Angehörige seiner biologischen Familie schließen sich jetzt der Jesus-Bewegung an. War er doch in ein soziales kollektives Gefüge, eine Dorfgemeinschaft, eine Art „Clan“ hineingeboren, die über den Familienbegriff einer „modernen Kernfamilie“ hinausgeht.

Besonders prominente „Herrenbrüder“ sind Judas und Jakobus. Judas wird im Neuen Testament ein Brief zugeschrieben, in dem er sich als „Bruder des Jakobus“ (Jud 1,1) vorstellt. Jakobus, der auch als Autor eines biblischen Briefes gilt, hat sich wohl erst nach Jesu Tod dem Jüngerkreis angeschlossen. Paulus bezeugt, dass Jakobus eine Erscheinung des Auferstandenen hatte (vgl. 1 Kor 15,7). Mit Petrus und Johannes wird Jakobus zu einer Säule der Urgemeinde in Jerusalem. Dort begegnet Jakobus sogar Paulus, der den Apostel Petrus kennenlernen wollte und für fünfzehn Tage bei ihnen blieb (vgl. Gal 1,18f.). Während des sogenannten „Apostelkonzils“ um 48/49 n. Chr. ist es Jakobus, der als Leiter der Versammlung in der „Jakobusklausel“ vier Forderungen für das weitere Vorgehen mit Heiden, die sich der Jesusbewegung anschließen wollen, erhebt. Es sollen ihnen keine Lasten aufgebürdet werden, sondern „man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen“ (Apg 15,19f.). – Als gläubiger Judenchrist versucht er mit diesem diplomatischen Kompromiss die Gemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen in Zukunft zu ermöglichen. Als Petrus Jerusalem verlässt, wird Jakobus der Leiter der Urgemeinde.

Auch wenn Jesu Familie zu seinen irdischen Lebzeiten große Probleme mit ihm hatte, startet sie nun so richtig durch! Mit Elan und Diplomatie, gestärkt durch das gemeinsame Gebet und den Heiligen Geist, bauen sie an einer zukunftsfähigen Gemeinschaft mit.

Der auferstandene Jesus ist jetzt sicher stolz auf seine tapferen „Brüder und Schwestern“!

Irene Maria Unger

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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