Interview
Von einander erfahren

Die Familie und Freunde sind für Nava Ebrahimi (im Bild links, mit ihrer Mutter, Mitte, und Gertraud Schaller-Pressler) Kraftspender: „Es ist einfach wichtig, dass man so etwas (wie den Bachmann-Preis) teilen kann, weil sonst hat es kaum einen Wert.“ | Foto: Neuhold
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  • Die Familie und Freunde sind für Nava Ebrahimi (im Bild links, mit ihrer Mutter, Mitte, und Gertraud Schaller-Pressler) Kraftspender: „Es ist einfach wichtig, dass man so etwas (wie den Bachmann-Preis) teilen kann, weil sonst hat es kaum einen Wert.“
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Nava Ebrahimi, Autorin und Bachmann-Preisträgerin 2021, berichtet im SONNTAGSBLATT-Gespräch mit Gertraud Schaller-Pressler auch über ihre neuen Arbeiten.

Sie sind als dreijähriges Mädchen von Persien nach Deutschland gekommen und haben eine katholische Grundschule in Köln sowie ein evangelisches Gymnasium im Westerwald besucht. Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
Eigentlich schön. Köln ist eine sehr weltoffene Stadt. Aber natürlich hatte ich immer auch einen Sonderstatus. Ich war in der katholischen Grundschule das einzige nichtkatholische Kind.

War das schwierig für Sie?
Ich habe immer alles aus einer Beobachterposition gesehen. Aber ich mag diese Beobachterposition, also habe ich mich meist ganz wohl gefühlt. Es war dann schwieriger, als wir in den Westerwald gezogen sind. Denn dort waren wirklich überhaupt keine Ausländer, wie man damals noch sagte, und da war ich der totale Exot.

Prägt Religion Ihr Leben?

Eigentlich auf den ersten Blick nicht, aber es wäre vermessen, das zu sagen, weil sie prägt ja auch unsere Kultur, unser Zusammenleben. Sie sitzt so tief in dem, was wir sind, wo wir sind. Meine Eltern und ich, wir entstammen einem Land, das mehrheitlich muslimisch geprägt ist, und natürlich hinterlässt das gewisse Spuren in mir. Was zum Beispiel noch stark verankert ist, wenn man so plant für die Zukunft, ist, dass man immer dieses „so Gott will“ („Inshallah“) dazu denkt. Es ist vielleicht eine gewisse Form von Demut.

Welchen Rat hätten Sie für uns?

Einfach so zu planen, ohne mit Gott zu rechnen, das ist doch ein bisschen übermütig, kommt einem vor. In Deutschland oder in Österreich plant man die Rente mit zwanzig. Wenn etwas ganz weit in der Zukunft liegt und alle planen, dann habe ich immer das Gefühl, das ist ganz schön waghalsig anzunehmen, dass alles so kommt. Die Pandemie hat ja viele erstmals gelehrt, dass man nicht immer alles in der Hand hat und dass alle Pläne über den Haufen geworfen werden müssen. Das ist für viele eine völlig neue Erfahrung gewesen. Also im Westen zumindest. In anderen Teilen der Welt ist es die Normalität.

In Ihren Romanen spielt die Herkunft eine wichtige Rolle. Wie wichtig ist Ihnen Familie?
Sehr wichtig. Erst mal aus ganz praktischen Gründen: Allein die ganzen Termine infolge des Bachmann-Preises, das würde ich gar nicht schaffen ohne meine Mutter, weil mein Mann arbeitet auch recht viel. Also, das wäre schwierig. Aber generell sich über so etwas wie einen Preis zu freuen macht halt viel mehr Spaß, wenn sich die Familie mitfreut. Und nicht nur die Familie, auch Freunde, Bekannte, Nachbarn. Es ist einfach wichtig, dass man so etwas teilen kann, weil sonst hat es kaum einen Wert.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Ende August erscheint ein Geschenkebuch, das habe ich mit einer Freundin zusammen gemacht: Es heißt „Einander“: Man kann es mit Großeltern, Eltern, Geschwistern, aber auch Freunden, von zwei Seiten gemeinsam ausfüllen. Dazwischen sind kurze Prosastücke von mir. Es geht darum, auf andere Gesprächsthemen zu kommen, Dinge zu erfahren voneinander, die man vielleicht noch nicht weiß. Oft wissen wir über die Menschen, die uns eigentlich nahestehen, am wenigsten.

Zur Person
Nava Ebrahimi (* 1978 in Teheran, Iran) besuchte die Kölner Journalistenschule, studierte Volkswirtschaftslehre. Seit 2012 lebt sie mit ihrer Familie in Graz. 2021 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Die Familie und Freunde sind für Nava Ebrahimi (im Bild links, mit ihrer Mutter, Mitte, und Gertraud Schaller-Pressler) Kraftspender: „Es ist einfach wichtig, dass man so etwas (wie den Bachmann-Preis) teilen kann, weil sonst hat es kaum einen Wert.“ | Foto: Neuhold
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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